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Polenzer Kita pfeift auf Spielzeug

Die Kinder im „Sonnenland“ verzichten einen Monat auf Plastikautos und Lego. Manche sogar länger – und freiwillig.

Von Katarina Lange

So einen hohen Turm hat Anne-Sophie noch nie gebaut. Die Dreijährige staunt und setzt vorsichtig den nächsten Baustein obendrauf. Jetzt nur nicht wackeln, sonst stürzt das Meisterwerk noch ein. Und das wäre schade. Zumal der Turm ein ganz besonderer ist. Denn er ist nicht aus normalen Bauklötzen gebaut. Anne-Sophie hat ein anderes Baumaterial für sich entdeckt: leere Cappuccino-Dosen.

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Diese haben sich nicht ohne Grund in die Polenzer Kita „Sonnenland“ verirrt. Seit Anfang November verzichtet die Einrichtung, die in Trägerschaft der Volkssolidarität ist, auf konventionelles Spielzeug. Plastikautos, Puppen, Lego und Playmobil, alles wurde aus den Gruppenräumen entfernt. Spielzeugfreier Monat heißt das Projekt, das Kita-Leiterin Nadine Krug-Böhme angeschoben hat. „Die Kinder erleben mit dem herkömmlichen Spielzeug oft eine Reizüberflutung“, erklärt sie. Manche Autos geben noch dazu Geräusche von sich. Der Lärmpegel, der dann beim Spielen entsteht, stresse die Kinder enorm – und mitunter auch die Erzieher. Der spielzeugfreie Monat soll das alles ändern.

„Wir haben uns bewusst die Vorweihnachtszeit dafür ausgesucht“, sagt Nadine Krug-Böhme. Zusammen mit den Kindern wurden Ende Oktober alle Spielsachen in große Kisten verpackt. Lediglich die Bücher und wenige ausgesuchte Geräte durften bleiben. Im Morgenkreis wurden die Kleinen dann kindgerecht auf das Experiment vorbereitet. „Wir haben ihnen erklärt, dass das Spielzeug auch einmal müde ist und Urlaub braucht“, schildert Erzieherin Jacqueline Rietschel. Die vollgepackten Kisten haben die Kinder dann ab in den sonnigen Süden geschickt, wo sich das Spielzeug erholen soll.

Gespielt wurde in Polenz deshalb trotzdem. Nur anders. Um die Kinder beschäftigen zu können, sammelten Eltern und Großeltern Naturmaterialien und Haushaltsgegenstände. Auch Pappkartons, Eicheln, Dosen, Bürsten, Nudeln und Schüsseln wurden zusammengetragen. Die neuen Utensilien sollten die Fantasie der Kinder anregen. „Die erste Woche fiel den Kindern noch schwer“, erzählt Nadine Krug-Böhme. Danach war das Eis gebrochen. Die Mädchen in der Spatzengruppe haben zum Beispiel Nudeln und Erbsen für sich entdeckt und spielen stundenlang kochen. Die Jungs haben ein langes Stück Filz zum Feuerwehrschlauch umfunktioniert. „Die Fantasie der Kinder ist riesig“, sagt Erzieherin Jacqueline Rietschel. Sie seien nun viel kreativer. Das mache sich nicht nur in der Kita, sondern auch zu Hause bemerkbar. Eltern berichten, dass ihre Kinder das Spielzeug bewusster wahrnehmen und öfter auch alleine spielen.

Da die spielzeugfreie Zeit so gut bei Kindern und Eltern ankam, wurde das Projekt kurzerhand verlängert. Bis Mitte Dezember verzichten die Kleinen noch freiwillig auf Lego und Co. Am Donnerstag bekommen sie die Sachen dann wieder. Der Weihnachtsmann bringt sie höchstpersönlich zurück. „Ob sie die bunten und lauten Sachen überhaupt wiederhaben wollen, werden wir dann sehen“, meint Kita-Leiterin Nadine Krug-Böhme. Nur die Vorschulkinder konnten die Erzieher nicht so lange hinhalten. „Die Älteren wollen mehr gefördert werden. Da reichen Nudeln und Erbsen nicht aus“, sagt sie. Die größeren Gruppen haben schon Anfang Dezember ihr normales Spielzeug zurückbekommen.