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Protest im Radebeuler Villenviertel

Anwohner vom Augustusweg demonstrieren gegen Neubauten, die ihrer Meinung nach nicht ins Umfeld passen.

Am Freitagnachmittag haben sich Radebeuler vor der Baustelle am Augustusweg, Ecke August-Bebel-Straße versammelt, um gegen den Neubau zu protestieren, der dort entsteht. Das Haus sei zu groß, die Wohnungen zu teuer, finden sie.
Am Freitagnachmittag haben sich Radebeuler vor der Baustelle am Augustusweg, Ecke August-Bebel-Straße versammelt, um gegen den Neubau zu protestieren, der dort entsteht. Das Haus sei zu groß, die Wohnungen zu teuer, finden sie. © Norbert Millauer

Das Schild, das Radebeuler am Freitagnachmittag am Augustusweg tragen, erinnert an eine Bautafel. Die gibt es in groß nämlich nicht auf der Baustelle an der Ecke zur August-Bebel-Straße. Deshalb haben die Anwohner selbst aufgeschrieben, was ihnen nicht passt. „Hier entsteht ein über 13 Meter hohes Betongebäude mit vier Etagen, Keller und circa 15 Pkw-Stellplätzen auf bis zu 80 Prozent überbautem Gartenland“, steht auf der Tafel. Die Bürger demonstrieren damit vor der Baustelle.

„Wir wollen nicht verhindern, dass Wohnungen gebaut werden“, sagt Anwohner Lutz Schmiedchen. „Aber die Häuser müssen ins Wohnumfeld passen und es sollte auch noch Plätze für Baum und Strauch geben.“ Den Radebeulern missfällt, dass die Flächen bis aufs Maximale bebaut würden. „Da bleibt kein Platz für einen Grashalm. Das hat mit Gartenstadt nichts mehr zu tun“, sagt eine Frau, die in der Nähe der Baustelle wohnt. Die Stadt werde verschandelt, wenn jede Lücke so zugebaut wird, findet sie.

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Die Anwohner vom Augustusweg sorgen sich, dass der Verkehr auf der schmalen Straße mit 15 neuen Wohnungen, wo vorher kleine Häuser standen, noch deutlich zunimmt. „Außerdem sind wir nicht damit einverstanden, dass hier so teure Wohnungen entstehen“, sagt Lutz Schmiedchen. Bei Preisen über 400.000 Euro pro Wohnung sei die Gefahr groß, dass auch die Mietpreise ringsherum angezogen werden. „Die Wohnqualität derer, die hier schon leben, wird nachhaltig beeinflusst“, sagt der Radebeuler.

Vor ein paar Monaten haben die Anwohner die Bürgerinitiative „Rettet unsere Gartenstadt“ gegründet. Über eine Onlinepetition sammeln sie derzeit Unterschriften, „um gegen Neubebauung zum ausschließlichen Zweck der Renditemaximierung unter Missachtung sozialer, ökologischer und städtebaulicher Grundsätze zu protestieren“. Die Bauwillkür in der Stadt häufe sich, heißt es in einer Onlinepetition und weiter: „Wir sind Bürger Radebeuls, die den individuellen Charakter der Villen- und Gartenstadt Radebeul sowie der historischen Weinberglandschaft gefährdet sehen, sowohl aus sozialer, ästhetischer als auch aus ökologischer Sicht.“

Die Bürgerinitiative kritisiert, dass in letzter Zeit vermehrt Bestandsimmobilien samt Gärten abgerissen und durch Neubebauungen ersetzt wurden, „die weder sozialverträglich bepreist noch nach städtebildlichen und ökologischen Richtlinien geplant und umgesetzt wurden“.

Auf die Proteste der Anwohner hatte es im vergangenen Oktober eine Reaktion in der Stadtratssitzung gegeben. Baubürgermeister Jörg Müller (parteilos) erklärte damals in der Quintessenz, dass die Stadt überall dort, wo die Gesetze nach den Bauparagrafen eingehalten würden, keinerlei Handhabe habe, dagegen vorzugehen. Dies betreffe auch die Bauten am Augustusweg. Die Stadt könne eine Baugenehmigung nichtuntersagen, nur weil ein Gebäude nicht gefällt, wurde erklärt.

Um besseren Einfluss auf die Neubebauung zu haben, entschied der Stadtrat im November, dass es eine Erhaltungssatzung für die Villengebiete in Nieder- und Oberlößnitz geben soll. Bisher dürfen Häuser, die nicht unter Denkmalschutz stehen, einfach abgerissen werden. Mit der Erhaltungssatzung wird das nicht mehr möglich sein. Dann müssen Eigentümer Genehmigungen einholen, wenn sie ihr Haus abreißen, oder auch nur verändern, anbauen oder anders als bisher nutzen wollen. So soll verhindert werden, dass Investoren, die das schnelle Geld machen wollen, Häuser einstampfen und deutlich größer neu bauen.

Kann jedoch nicht eindeutig begründet werden, dass ein Gebäude genau zu der Umgebung passt und diese prägt, muss der Abriss trotz Erhaltungssatzung genehmigt werden. Das kleine Wohnhaus am Augustusweg etwa, an dessen Stelle jetzt ein großes Mehrfamilienhaus entsteht, hätte auch mit Erhaltungssatzung nicht gerettet werden können. Darüber hinaus ist fraglich, ob die Erhaltungssatzung über das gesamte Gebiet gelegt werden kann.

Die Radebeuler um Lutz Schmiedchen wollen nun ein Netzwerk bilden, um besser gehört zu werden. Das soll offen sein für alle Radebeuler und Betroffene, auch aus anderen Straßen und Stadtteilen.

Die Sächsische Zeitung veranstaltet gemeinsam mit dem Radebeuler Verein für Denkmalpflege und neues Bauen eine Podiumsdiskussion zu Neubauten mit Vertretern der Stadt, der Bau- und Immobilienbranche. Die öffentliche Veranstaltung findet am 6. Februar um 19.30 Uhr im Foyersaal des Kultur-Bahnhofs Radebeul-Ost statt.

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