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Gab "Kinderficker"-Vorwurf den Ausschlag?

Der zweite Prozesstag gegen den Zittauer Messertäter liefert ein mögliches Motiv - und eine Sympathie-Erklärung für den Täter gab's auch.

Frank H. hat im Juni 2018 in Zittau seine Lebensgefährtin erstochen. Dafür könnte er wegen Mordes verurteilt werden.
Frank H. hat im Juni 2018 in Zittau seine Lebensgefährtin erstochen. Dafür könnte er wegen Mordes verurteilt werden. © Markus van Appeldorn

Was geht in einem Mann vor, der stets im Hosenbund verborgen ein Küchenmesser mit 20-Zentimeter-Klinge mit sich führt? Um diese Frage ging es auch am zweiten Tag im Totschlag-Prozess gegen Frank H. (54) vor der Bautzner Strafkammer des Görlitzer Landgerichts. Ein als Zeuge geladener Pfarrer zeichnete das Bild eines mental zutiefst verletzten Menschen.

Am Montag hatte Frank H. vor Gericht geschildert, dass er aus Angst vor Übergriffen schon Monate vor der Tat am 12. Juni 2018 am Zittauer Haberkornplatz immer jenes Messer dabei hatte. Im Juni 2013 sei er wegen einer Vergewaltigung angeklagt, und von dem Vorwurf freigesprochen worden. Irgendwann aber sei in den sozialen Medien das Gerücht aufgetaucht, er sei ein "Kinderficker" - ein Vorwurf übrigens, der ihm gerichtlich nie gemacht worden ist. Dennoch sei er in seinem Wohnort Obercunnersdorf von den Leuten schräg angeschaut worden. "Natürlich schämt man sich da", erklärte Frank H.

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Peter Pertzsch ist Krankenhaus-Pfarrer in Großschweidnitz. Er hatte Frank H. 2010 kennengelernt, als dieser dort in eine Alkohol-Therapie-Einrichtung kam. Bis zum Tattag pflegten Frank H. und der Pfarrer ein vertrauensvolles Verhältnis. Pertzsch war als Zeuge geladen. Frank H. entband ihn von seiner seelsorgerischen Schweigepflicht. Und Pertzsch erzählte aus Gesprächen aus den letzten Monaten vor der Tat. "Ich habe die Beziehung zwischen ihm und Constanze als aufrichtig wahrgenommen. Ohne Alkohol hätte es gehen können", sagt der Pfarrer. Aber die Frau habe wegen ihrer psychischen Erkrankung ein "hohes Aggressionspotenzial" besessen. Ohne eine psychisch-therapeutische Begleitung habe die Beziehung daher keine Chance gehabt.

Und dann dieses schlimme Gerücht. "Zuletzt fühlte er sich in seinem Dorf verleumdet. Das war für ihn eine tiefe Kränkung", schildert der Pfarrer vor Gericht - und womöglich am Ende sogar ein Tatmotiv. 

Sorgte das Opfer selbst für ein böses Gerücht?

Einen Hinweis darauf lieferte die Aussage des Görlitzer Kriminalbeamten, der Frank H. in den Stunden nach der Tat verhörte. Auch in dem Verhör war von den "Kinderficker"-Vorwürfen die Rede - und von einem möglichen Urheber der Gerüchte: Frank H.'s Freundin und Opfer Constanze selbst. "Er vermutet, dass die Frau K. selbst im alkoholisierten Zustand das Gerücht in die Welt gesetzt hat", schildert der Kommissar. Gestützt wird diese Vermutung jedenfalls dadurch, dass Frank H. erklärt, seine Freundin habe ihn im Streit immer wieder als "Vergewaltiger" diffamiert.

Auch was Frank H. an jenem Abend als Grund für seine tödliche Attacke angab, schildert der Kriminalbeamte: "Er wollte Ruhe haben. Dass sie endlich mit den Beleidigungen aufhört." Auch da sei erneut der Begriff des "Kinderfickers" gefallen. An eines aber kann sich der Ermittler nicht erinnern: Ob Constanze K. ihren Freund im Moment vor der Tat konkret als "Kinderficker" beschimpft haben soll und ihn so zu seinem finalen Ausraster motivierte.

Mehrere als Zeugen geladene Polizisten erklärten vor Gericht, dass Frank H. direkt im Anschluss an seine Festnahme kurz nach der Tat geäußert habe: "Ich wollte sie umbringen." Sollte er diesen Vorsatz im Suff - laut medizinischen Gutachten 1,5 Promille - gefasst haben, so hat er ihn augenscheinlich schnell bereut. Denn nach Aussage des Kriminalbeamten habe sich das Blatt in der Vernehmung gewendet, als der ebenfalls anwesende Staatsanwalt Frank H. eröffnet habe, dass Constanze ihren Verletzungen erlegen war. In dem Moment sei er zusammengebrochen und habe auf dem Boden liegend geweint: "Ich habe sie doch geliebt! Das habe ich doch nicht gewollt!" Immer wieder habe er seinen Kopf gegen die Wand geschlagen und geschrieen: "Ich habe es nicht verdient, weiterzuleben!"

"Die beiden waren immer ausgesprochen freundlich"

Auch ein gewisses Sympathie-Zeugnis bekommt Frank H. an diesem zweiten Prozesstag ausgestellt - ausgerechnet von einem Strafrichter. Der Zittauer Amtsrichter Holger Maaß nämlich war Frank H. und Constanze K. Stunden vor der Tat in dem Park am Stadtring begegnet. Die drei waren gewissermaßen "alte Bekannte". Denn Frank H. und seine Freundin hatten wiederholt bei Maaß arbeiten lassen, als der noch Strafrichter am Löbauer Amtsgericht war. "2015 standen die beiden erstmals gemeinsam bei mir vor Gericht" erinnerte sich Maaß.

"Und wie es in einer Kleinstadt wie Löbau so ist, läuft man sich auch mal so über den Weg. Die beiden waren immer ausgesprochen freundlich zu mir", erklärte der Amtsrichter. Genau so sei es auch an jenem 12. Juni 2018 gewesen. Er sei gegen 14 Uhr auf dem Rückweg aus seiner Mittagspause gewesen, als er Frank H. und Constanze K. traf. "Ach Hallo Herr Doktor Maaß, lange nicht gesehen", habe ihn Frank H. begrüßt. "Wenn jemand freundlich zu mir ist, bin ich das auch", erzählt Maaß.

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Man habe dann rund 15 Minuten eher oberflächlich geplaudert. "Sie war sehr redselig, hat gut 80 Prozent des Gesprächs geführt. Er hat kaum was gesagt", erinnert sich der Richter. Sie habe auch davon erzählt, dass sie das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter wieder erlangen wolle. In dem Gespräch habe er sich auch erkundigt, was die Alkohol-Therapie mache. "Ich hatte einen ganz guten Eindruck von den beiden. Es machte den Eindruck, als wollten sie weiter zusammenbleiben und sich gemeinsam um das Kind kümmern", so Maaß. 

Der Prozess wird am Freitag, 24. April, um 9 Uhr in Bautzen fortgesetzt. An diesem Tag fällt vermutlich auch das Urteil.

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