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Puddingpulver fürs Kanonenfutter

Er sorgt für süße Sachen, Pizza und Radeberger, hat Banken, Hotels, Schiffe und eine lange verschwiegene Vergangenheit. Jetzt hat „Dr. Oetker“ seine NS-Zeit erforschen lassen.

© Familienarchiv Dr. Oetker

Von Oliver Reinhard

Mein Vater war Nazi – dieser Satz kommt noch heute vielen Kindern der ehemaligen NS-Funktionselite schwer über Herzen und Lippen. Beide, Eltern wie Kinder, haben sich oftmals gleichermaßen mit dem jahrzehntelangen Schweigen in den Familien arrangiert. Die einen, weil sie nicht darüber reden wollten. Die anderen, weil sie diesen elterlichen Wunsch akzeptierten, um des Haus- und des eigenen Seelenfriedens willen. Auch August Oetker, Beiratsvorsitzender des weltbekannten Bielefelder Nahrungsmittelkonzerns, dürfte der Satz nicht leicht gefallen sein. Dennoch hat er ihn nun ausgesprochen: „Mein Vater war Nationalsozialist.“

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Richard Kaselowsky leitete das Unternehmen bis 1944.
Richard Kaselowsky leitete das Unternehmen bis 1944. © Familienarchiv Dr. Oetker
Rudolf-August Oetker schwieg bis zu seinem Tod 2007.
Rudolf-August Oetker schwieg bis zu seinem Tod 2007. © dpa

Damit fasst der 69-Jährige ein Teil-Ergebnis der Studie zusammen, die seit vergangener Woche öffentlich ist: „Dr. Oetker und der Nationalsozialismus“, erarbeitet von den Münchner Historikern Jürgen Finger, Sven Keller, Andreas Wirsching. Ihr Urteil: Der Oetker-Boss im „Dritten Reich“, Richard Kaselowsky, „und mit ihm die Familie und Firma Oetker waren Stützen der NS-Gesellschaft, suchten die Nähe des Regimes und profitierten von dessen Politik“. Beauftragt und bezahlt hat die Studie das Haus Oetker selbst. Nach Jahrzehnten des Schweigens. Beides ist nicht untypisch.

Wie liefen die Geschäfte denn so unter Hitler? Erst spät und zumeist eher getrieben als freiwillig haben einige deutsche Unternehmen begonnen, ihre NS-Vergangenheit aufzuarbeiten und die Ergebnisse zu veröffentlichen. Die Deutsche Bank schritt 1997 voran und beauftragte das Dresdner Hannah-Arendt-Institut mit der Erforschung ihres NS-Erbes. Unter anderem der Chemieriese Degussa folgte, auch Volkswagen rollte hinterher, der Bertelsmann-Konzern schloss sich an, nach langem Zögern auch die reichste Familie Deutschlands, die Unternehmerdynastie Quandt. Andere verweigern sich der (Selbst-) Aufklärung bis heute.

Mit Dr. Oetker gesellt sich zu den Offenlegern nun auch ein Unternehmen, dessen heiteres Image, anders als bei Banken, Chemikalien- und Autoherstellern, in gewissem oberflächlichen Generalkontrast steht zum Charakter des NS-Regimes: Jedes Kind kennt und liebt Dr. Oetker, man denkt beim Namen vor allem an süße Sachen wie Pudding und Kuchen, und Millionen Deutsche schieben sich jede Woche eine Tiefkühlpizza „Ristorante“ in den Ofen. Doch das traditionsreiche Familienunternehmen ist deutlich breiter am Markt vertreten. Oetkers gehört eine Bank, eine Reederei, diverse Luxushotels und der größte Brauereikonzern des Landes, die Radeberger Gruppe. Mit geschätzten 7,5 Milliarden Euro Vermögen belegen sie Platz acht der deutschen Superreichenliste.

Dass der Konzern in der NS-Zeit alles andere war als ein Widerstandsnest, ist seit langem allgemein bekannt. Als man 1968 in Bielefeld ein Museum nach Richard Kaselowsky benennen wollte, machten Gegner des Vorhabens es öffentlich: Der 1944 gestorbene Oetker-Geschäftsführer war Mitglied des „Freundeskreises Reichsführer SS“ gewesen und hatte dem Regime sehr nahe gestanden. Dennoch vergingen vier Jahrzehnte, bis die Familie Oetker beschloss, sich der ganzen NS-Vergangenheit ihres Unternehmens zu stellen.

Verantwortlich für diese Taktik des Beschweigens war Rudolf-August Oetker, Nachfolger Kaselowskys an der Firmenspitze und Vater von August Oetker. „Er wollte über diese Zeit nicht sprechen“, sagte der Sohn kürzlich in einem Interview über den Vater. „Er hat gesagt: ,Kinder, lasst mich damit in Ruhe. Das war eine schlimme Zeit.‘“ Ein Satz, den Millionen Kinder oder Enkel von ihren Eltern oder Großeltern gehört haben. Doch ein Jahr nach dem Tod des Seniors 2007 schlug August Oetker seiner Familie vor, die NS-Zeit des Unternehmens aufarbeiten zu lassen: „Wir wollten endlich Antworten haben auf Fragen, die uns gestellt wurden. Bisher hatten wir keine. Wir wollten, dass jeder genau nachlesen kann, was damals geschehen ist.“ Zwar gab es durchaus innerfamiliären Widerstand gegen das Vorhaben. „Uns Älteren lag sehr an Aufklärung“, sagt Oetker. „Die jüngeren Geschwister sind meinem Vater noch nicht so entwachsen. Die haben sich gefragt: Tun wir unserem Vater da etwas Böses an? Sorgen wir dafür, dass sein sonst so guter Ruf befleckt wird?“ Schließlich einigte man sich, die Studie in Auftrag zu geben.

Sie reanimiert das Bild einer Gesellschaft, in der ebenso wie die Mehrheit der Bürger auch das Gros der Unternehmen sich mit Blick auf ihre Geschäftsinteressen geschmeidig auf die neuen Machthaber einstellte. Die wenigsten taten dies mit persönlichem Widerwillen. In Oetker-Chef Kaselowsky sieht Studienleiter Andreas Wirsching „ein typisches Beispiel für den fließenden Übergang von national-liberalem Bürgertum zu den Nationalsozialisten“. Er sei kein in der Wolle gefärbter Ideologe gewesen und im Zweifelsfall vor allem Unternehmer. „Da aber, wo sich wirtschaftliche Interessen mit der Ideologie der NSDAP verbinden ließen, wurde er schon zum Nationalsozialisten.“

Richard Kaselowsky hatte 1919 die Witwe seines im Ersten Weltkrieg gefallenen Freundes Rudolf Oetker geheiratet, war darüber in die Firma ein- und darin aufgestiegen. Sein mutmaßliches Credo fassen die Forscher so zusammen: „Was gut für Oetker war, musste für das nationalsozialistische Gemeinwesen nicht schlecht sein; das galt auch umgekehrt.“ Also suchte der Firmenchef erfolgreich die Nähe zum Regime – bald wurde das Familienunternehmen „NS-Musterbetrieb“ –, er genoss den Statusgewinn, erzählte begeistert von Veranstaltungen mit Hitler und pflegte ein gutes Verhältnis zum Gauleiter. Auf die Profitmöglichkeiten und Mitnahmeeffekte, die die NS-Politik eröffnete, griff auch Kaselowsky bedenkenlos zu. Oetker wurde zum Nutznießer der „Arisierung“ jüdischer Immobilien, expandierte fleißig im während des Krieges vergrößerten Wirtschaftsraum und lieferte tonnenweise Puddingpulver für die Front, vorzugsweise mit Vanille-, Schokolade- und Mandelgeschmack.

Sich selbst betrachtete Richard Kaselowsky als „Nationalsozialist des Herzens“, der helfen wollte, die NS-Volksgemeinschafts-Utopie zu verwirklichen. Zwar benötigte Oetker so gut wie keine Zwangsarbeiter, da es dem relativ kleinen Konzern nicht an Personal mangelte. Doch den Einsatz von KZ-Häftlingen für ein gemeinsames Projekt mit der SS hieß er durchaus willkommen. Ein „antisemitischer Rassenideologe“ war Kaselowsky nicht, heißt es im Urteil von Andreas Wirsching und seinen Kollegen. Doch die „antijüdische Politik des Regimes konnte er gleichwohl bruchlos in sein Weltbild integrieren“.

Als die Ära Kaselowsky 1944 in einem Bombenangriff endete, übernahm Rudolf-August Oetker das Firmenruder. Der 28-Jährige war vom Stiefvater Kaselowsky auf diese Aufgabe vorbereitet worden, hatte sich aber 1941 freiwillig zur Waffen-SS gemeldet und wurde nicht, wie er selbst später behauptete, „abkommandiert“. Kampfeinsätze blieben ihm erspart, seine Aufgaben lagen hauptsächlich im Verwaltungsbereich. Nach Kriegsende wurde Rudolf-August Oetker vorübergehend interniert. Sein Entnazifizierungsverfahren endete 1947 mit dem Freispruch „unbelastet“.

Zwar lässt sich die Unternehmensgeschichte von Dr. Oetker in Bezug auf ihre NS-Verstrickung und -Mittäterschaft nicht vergleichen mit dem, was sich große Rüstungs-, Chemie- und Finanzinstitute haben zuschulden kommen lassen. Gleichwohl war auch die Bielefelder Firmenvita einigermaßen typisch für die politische, ökonomische und private Genese der frühen Bundesrepublik. Man blendete das Gewesene großzügig aus, profitierte vom Wirtschaftswunder, alten Netzwerken und bediente sich der früheren Firmeneliten. Indes hievte Rudolf-August Oetker „nur“ zwei hochrangige Ex-Nationalsozialisten an führende Betriebsstellen. Hugo Ratzmann hatte die „Arisierung“ und „Germanisierung“ jüdischen und polnischen Besitzes in Polen mitorganisiert. Rudolf von Ribbentrop, Sohn des früheren NS-Außenministers, war ein prominentes Mitglied alter SS-Seilschaften.

Ob der Patriarch selbst im Geiste Nationalsozialist geblieben war, bleibt auch nach der Studie schwer zu beurteilen, trotz Oetkers zumindest vorübergehender Sympathie und Förderung der NPD in den Sechzigern. Grundsätzlich anfällig für rechtes Gedankengut aber sei er zweifellos gewesen, sagt Sohn August Oetker. „Das sind die Menschen bis heute. Er war es auch.“

Finger/Keller/Wirsching: Dr. Oetker und der Nationalsozialismus. C.H. Beck, 624 S., 29,99 Euro