merken

Raketen-Abschuss in Röhrsdorf, Ziel Düsseldorf

Auf dem Truppenübungsplatz war die Sowjetarmee mit Atomraketen ausgestattet. Und einfacher Elektrotechnik.

Von Günter Kern

Sächsische.de zum Hören!

Zu Hause, unterwegs, in der Pause – Sächsische.de kann man nicht nur lesen, sondern auch immer und überall hören. Hier befinden sich unsere Podcasts.

Mehrfach war um den Jahreswechsel 1989/90 die Kommission zur Aufarbeitung von Amtsmissbrauch und Korruption, die vom Kreistag Kamenz legitimiert war und der ich vorstand, im Führungsbunker der SED/Stasi in Schwosdorf zugange gewesen. Das war das schriftlich formulierte Ergebnis unserer Recherche: „Das Objekt Schwosdorf wurde projektiert, gebaut und in der Verwendung geplant als Ausweichführungsstelle der Bezirksverwaltung des MfS Dresden. Mit einer Kapazität von 120 Personen, die im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung, die die Gefahr des Einsatzes von Massenvernichtungsmitteln in sich barg, die Funktionstüchtigkeit der Bezirksverwaltung des MfS in Dresden sichern sollte“.

Das war der Eingang in den Atombunker der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte auf dem Truppenübungsplatz Königsbrück.

Vor allem auch die zutage getretenen Zahlen waren gigantisch. Der gesamte Bau hat rund 17 Millionen Mark der DDR gekostet, genauer gesagt fünf Millionen für den Bau, zwei Millionen für die Ausrüstung und zehn Millionen für die moderne Nachrichtentechnik. Wer nun im Bunker das Sagen hatte, die SED oder die Stasi, blieb uns bis dahin unbeantwortet. Heute wissen wir, dass es sich letztlich wohl um die Machtzentrale der SED-Bezirksleitung im Ernstfall gehandelt hatte. Die noch wichtigere Frage lautete: „Wie gehen wir mit dem öffentlich gemachten Bunker der Stasi um?“

Bestens ausgestattetes Materiallager

Kurzentschlossen vereinbarte ich mit meinem Arbeitgeber, dem DIW Dresden, den Technologen des Unternehmens, Dieter Kaudernack, als zivilen Leiter des Bunkers einzusetzen und mit der Aufgabe zu betrauen, darüber zu wachen, dass keine Diebe das bestens ausgestattete Materiallager beräumen. Dieter Kaudernack hat diese Aufgabe vorbildlich erfüllt und das vorhandene Baumaterial an die Bevölkerung – nach einem Beschluss des Rates Kreises Kamenz – verkauft und den kleinen Erlös dem ramponierten Kreishaushalt 1990 zur Verfügung gestellt.

Dem Schutz der Bevölkerung des Landkreises Kamenz vor feindlichen Atombomben und anderen Massenvernichtungswaffen sollte die Einrichtung freilich nicht dienen – deshalb war es absolut richtig gewesen, ohne „offizielle Genehmigung“ der damaligen DDR-Behörden diesen Bunker zu öffnen und auf die tödliche Gefahr eines solchen militärischen Zieles für die Bevölkerung des Landkreises Kamenz bei einem Krieg zwischen den verfeindeten Militärblöcken aufmerksam zu machen. Leider wollten die damaligen politisch Verantwortlichen kein „Stasi Objekt“ als Museum der Nachwelt erhalten. Wer sollte das finanzieren? Wer einen solchen Bunker heute noch besuchen will, muss nach Machern bei Leipzig fahren. Der Bunker der Stasi in Schwosdorf ist mittlerweile verfüllt.

Was aber war nun mit den angeblichen Atomraketen im Bunker? Gefunden haben wir dort in der Tat keine, dafür später in nur etwa 18 Kilometer Entfernung von Schwosdorf – auf dem Truppenübungsplatz bei Röhrsdorf. Hier gab es eine von der Bevölkerung in Königsbrück und Umgebung unbemerkt errichtete Raketenstellung für den Abschuss von SS 12 bzw. SS 20-Raketen mit Atomsprengköpfen. Ab August 1990 war ich als zuständiger Dezernent der Landkreisverwaltung für den von der sowjetischen Armee genutzten Truppenübungsplatz (TÜP) oft in den Kasernen in Königsbrück und Schwepnitz zu Gast. Bei einem dieser Besuche sah ich in einem Kommandeurszimmer im Neuen Lager eine Landkarte von Deutschland. Der Raum um Düsseldorf war durch eine Schraffierung hervorgehoben. Auf meine Frage, was das zu bedeuten habe, kam die kurze, emotionslose Antwort eines Offiziers der sowjetischen Armee: „Das war das Zielgebiet unserer Nuklearraketenstellung auf dem Truppenübungslatz.“ Meiner Bitte, diese ehemalige Atomraketenstellung zu sehen, wurde kurzentschlossen entsprochen.

In wenigen Minuten waren wir auf einem noch immer besonders gesicherten Gelände des TÜP in der Nähe von Röhrsdorf. Diese „SS 20 Nuklearraketenstellung“ wurde ab 1980 in unmittelbarer Nähe von Röhrsdorf/bei Königsbrück aufgebaut und in Richtung Westen in Stellung gebracht.

Am Abschussort der Atomraketen in Richtung Ruhrgebiet zeigte mir der Kommandant Shiglow eine simple Betonfläche mit einem Metallpunkt. Von diesem Messpunkt, den die sowjetische Armee zur Ausrichtung der tödlichen Systeme auf feste Westziele benutzt hat, sollten die Atomraketen aus Röhrsdorf in Richtung Ruhrgebiet starten. Das untenstehende Foto aus dieser Zeit belegt die tödliche Gefahr, die vom TÜP in Königsbrück während der Zeit des Kalten Krieges im geteilten Deutschland ausging. Zwei voneinander unabhängige, „atombombensichere“ Silos für die Raketen und die Atomsprengköpfe waren in unmittelbarer Nähe des Abschusspunktes (siehe obiges Foto).

Für mich bis heute unvorstellbar: Im Bunker, dort wo die Atomsprengköpfe lagerten, waren die Elektroleitungen unisoliert auf der Wand verlegt. Auf der einen Seite militärische Hochtechnologie, auf der anderen primitivste Elektrotechnik. Wenigstens wurde auf den Schaltkästen in den Silos in Russisch auf die Gefahren der Hochspannung hingewiesen. Ein Brand im Bunker der Raketen und Atomsprengköpfe, der durch diese unverantwortliche Fahrlässigkeit wohl kaum ausgeschlossen werden konnte, hätte die gesamte Bevölkerung in der Umgebung massiv gefährdet.

Befürworter setzten sich durch

Nicht weit von dieser Raketenstellung, wiederum auf dem TÜP, bekam ich auch noch die größte im Landkreis befindliche, gegen Atomwaffenschläge gesicherte Bunkeranlage der sowjetischen Armee zu sehen – und die Genehmigung der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR (WGT), den Mitgliedern des Kreistages diese Bunkeranlage zu zeigen. Damit war den Kreisräten bewusst, welche Verantwortung und Aufgabe der Landkreis Kamenz bei einer selbstständigen wirtschaftlichen Nutzung nach Abzug der WGT über den Truppenübungsplatz übernehmen würde.

Zum Glück setzten sich die Befürworter eines Naturschutzgebietes durch den Freistaat Sachsen durch. Der Wunsch vieler Anwohner des TÜP, ihn wirtschaftlich zu nutzen, war vom Tisch. Bis zu vier Etagen unter der Erde befand sich eine der modernsten Führungs- und Nachrichtenstellung der sowjetischen Armee für die operative Kriegsführung der Warschauer Vertragsstaaten. Unglaublich, wie gefährdet die Bevölkerung im Landkreis Kamenz im Falle eines Krieges gewesen wäre.

Wir können alle heute noch sehr froh sein, dass der Niedergang des „real existierenden Sozialismus“ und die „Revolution“ in der DDR so friedlich verlaufen sind.

Unser Autor Günter Kern (73) schreibt derzeit an seinen Erinnerungen zum DDR-Alltag und zur friedlichen Revolution. Kern hat seit 1990 wichtige Funktionen in der neugegründeten SPD in Kamenz, im Arbeitersamariterbund und als Dezernent der Kreisverwaltung inne gehabt.

Sachsen wählt: Am 1. September ist Landtagswahl in Sachsen. Sie wissen noch nicht, wen Sie wählen? Der Wahl-O-Mat für Sachsen hilft Ihnen bei der Entscheidung! Alle Berichte, Hintergründe und aktuellen News zur Landtagswahl finden Sie gebündelt auf unserer Themenseite zur Landtagswahl in Sachsen.