merken
PLUS Riesa

"Riesa ist meine Heimat geworden"

Mouhamad Mahdi Hamad kam 2015 als Asylbewerber in die Stadt. Viele andere sind gegangen – er geblieben. Eine Begegnung.

Mouhamad Hamad (r.), seine Frau Yuni Jumasary und die Kinder Zainab (l., 15 Jahre) und Khalifa (8 Jahre) auf dem Balkon ihrer Wohnung Riesaer Wohnung.
Mouhamad Hamad (r.), seine Frau Yuni Jumasary und die Kinder Zainab (l., 15 Jahre) und Khalifa (8 Jahre) auf dem Balkon ihrer Wohnung Riesaer Wohnung. © Sebastian Schultz

Riesa. Der Blick vom Balkon geht über halb Riesa. Jene Stadt, in der Mouhamad Mahdi Hamad seit fast genau fünf Jahren lebt. Und in der er heimisch geworden ist, wie er später erzählen wird.

Den Ausblick teilt sich Mouhamad Hamad heute mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Als der Syrer nach kurzen Aufenthalten in Berlin und Chemnitz im Oktober 2015 in die Elbestadt kommt, ist er aber allein. Über die Türkei und Griechenland hatte sich Mouhamad Hamad damals auf den Weg nach Europa gemacht. So, wie fast seine ganze Familie. Mehrere Brüder sind in Schweden, weitere in Holland. Mouhamad Hamad aber wollte nach Deutschland. Weil es ein großes Land sei. Mit Arbeit. „Arbeit ist die wichtigste Sache für mich.“

Anzeige
Zwei Patienten, ein Beatmungsgerät
Zwei Patienten, ein Beatmungsgerät

Und nun? Mit Covid-19 kam die Thematik der Triage, dem Sichten und Klassifizieren von Patienten, erneut auf. Ein Interview mit Medizinrechtsexperte Prof. Dr. Erik Hahn.

Arbeit hat der heute 37-Jährige in Riesa auch gefunden. Noch während er einen Integrationskurs besuchte, habe er 2016 bei der Magnet angefangen – der Firma, die die Gastronomien im Riesenhügel und das Hotel Mercure betreibt. Seit 2017 sei er dort fest angestellt. Der Job gefalle ihm, sagt Mouhamad Hamad und lobt vor allem seine Kollegen. Alle hätten ihm stets geholfen, vor allem mit der deutschen Sprache. Die kommt dem Syrer, dessen Familie aus den von Isreal besetzten Golanhöhen stammt, noch immer recht gebrochen über die Lippen. Manchmal springt er ins Englische, das ihm leichter fällt und das er auch mit seiner Frau und den Kindern spricht, die seine Muttersprache Arabisch nicht beherrschen.

In Riesa ist Mouhamad Hamad seit seiner Ankunft vor fast genau fünf Jahren inzwischen mehrfach umgezogen. Anfangs lebte er im Asylheim an der Rittergutstraße, dann in verschiedenen Wohnungen. Eine große Wohnung hatte er anfangs in der Hoffnung bezogen, dass dort bald seine Familie mit einziehen könnte. Doch seine Frau Yuni, die aus Indonesien kommt und die er vor vielen Jahren in Katar kennenlernte, durfte mit den beiden Kindern lange nicht nach Deutschland kommen. Denn: Indonesien gelte als sicheres Land. Es habe viele Anläufe bei den Behörden und die Hilfe seiner Rechtsanwältin gebraucht, damit Frau und beide Kinder in diesem Frühling endlich nach Deutschland zu ihm durften, erzählt Mouhamad Hamad. Auch seinen Kollegen und der Migrationsberatung der Diakonie, die ihn weiter unterstütze, sei er dankbar. 

Allerdings hätte Corona der Vereinigung der Familie fast noch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nur zwei Tage, bevor es zum Lockdown kam, hätten die drei noch einen Flieger nehmen dürfen. Plötzlich hatte sich die getrennte Familie, die sich in den Jahren zuvor nur per Videoanruf sehen konnte, wieder. Und hatte plötzlich hatte man miteinander auch noch viel Zeit, denn wegen des Lockdowns war auch Mouhamad Hamads Arbeitsstelle geschlossen. Fast ein bisschen zu viel sei das gewesen, sagt der Familienvater. 

Inzwischen gehen die Kinder hier zur Schule. Sie hatten schon in Indonesien Deutsch gelernt. Genauso wie seine Frau, die aber jetzt noch einen Sprachkurs machen werde, sagt Mouhamad Hamad. 

Um für seine Familie sorgen zu können, betätigt sich der 37-Jährige neben seinem Job im Riesenhügel auch noch als Unternehmer – er gehört zu den Inhabern des arabischen Lebensmittelladens am Puschkinplatz. Seine Hauptarbeit sei und bleibe aber sein Job bei Magnet, sagt der Syrer.

Ob er jemals das Land zurückkehren werde, aus dem er stammt und das er hinter sich ließ, um dort keinen Militärdienst ableisten zu müssen? Das glaube er nicht, und es sei auch schwierig. Seine ganze Familie sei nicht mehr dort. Vieles sei zerstört. Er glaube auch nicht, dass sich in seinem Land etwas ändern werde, solange das Regime nicht vollständig weg sei. Es gebe für ihn und seine Familie dort kein Leben, so der gläubige Muslim. Und wenn er dort jemals wieder in Syrien etwas beginne, bedeute das, bei Null anfangen zu müssen.

Hier aber habe er sich aber etwas aufgebaut. Zudem möge er Riesa, die Stadt sei schön. Er habe auch Essen besucht oder auch Hannover. Große Städte, doch ihn ziehe es immer wieder zurück. „Wenn ich nach Riesa komme – das ist meine Heimat“, sagt Mouhamad Hamad. Rassismus? Sei ihm nicht direkt begegnet. Einen Zettel, auf dem in Arabisch „Geh nach Hause“ stand, habe er einmal im Briefkasten gehabt. Ein andermal habe jemand den Schriftzug „SS“ an seiner Wohnungstür hinterlassen. Auch ein Schweinekopf sei mal vorm Laden gelandet. Aber trotz alledem: Er fühle er sich in Riesa wohl sicher, so der 37-Jährige.

Deshalb will Mouhamad Hamad mit seiner Familie bleiben. Vielleicht ziehen er, Frau und Kinder mal in ein Haus auf dem Dorf, das mehr Platz bietet. Momentan sei ihre 77-Quadratmeter-Wohnung aber ausreichend, sagt er und blickt aus dem Balkonfenster auf seine neue Heimatstadt.

Mehr lokale Nachrichten aus Riesa lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Riesa