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Rock’n’Roll auf der Kappenabend-Bühne

Wittichenaus Karnevalisten sehen einer mitreißenden Saison entgegen. Ihr neuer Bestimmer ist ein Rockstar.

Wissen zu begeistern: Prinzessin Anna, Prinz Bulli und Hofmarschall Gianna (von links) heizen dem Publikum zum Auftakt in die tollen Tage ein.
Wissen zu begeistern: Prinzessin Anna, Prinz Bulli und Hofmarschall Gianna (von links) heizen dem Publikum zum Auftakt in die tollen Tage ein. © Foto: Martin Kliemank

Von Martin Kliemank

Wittichenau. Schon durch die Bühnengestaltung wird deutlich, wer jetzt in Wittichenau das Sagen hat. Der Thron von Stephan und Anna-Maria Bulang ist in der Mitte aufgebaut. Dort, wo sonst der 14er-Rat seinen Platz hat, steht ein Baldachin aus Traversen. Die Kappenbrüder sind links und rechts auf Nebenrollen verwiesen. Mit Inbrunst ruft Hofmarschall Gianna in den Saal: „Begrüßen Sie den Herrscher über Dur und Moll: Bulli – Prince of Rock’n’Roll!“

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Der musikalische Prinz singt zum Kappenabend am vergangenen Samstag dann auch einen Großteil seiner Regierungserklärung. Vor dem Karnevalspräsidenten Mathias Glaab, einem Bruder der Prinzessin, empört er sich: „Immer bist du der Bestimmer!“ Doch Prinzessin Anna gibt ihrem Bruder zu verstehen: „Aber da hast du die Rechnung ohne deine kleine Schwester gemacht.“ Eine Faschingsparty im Flüchtlingsheim, Männer in den Weiberfaschingsverein, ein Mann ins Pagenteam und einen Direktanschluss ihres Zuhauses an die Brauerei, fordert das Prinzenpaar für die 313. Karnevalssaison. Die Zeit der Rumtrompeterei sei vorbei, ruft der Prinz. „Was künftig zählt, ist der Rock’n’Roll.“ Und gemeinsam singt das Dreigestirn: „Ab heute sind wir die Bestimmer.“ Das Publikum wissen Stephan, Anna und Gianna da schon längst hinter sich. Denn die Narren feiern ihr neues Prinzenpaar frenetisch.

Prinzessin erkältet im Bett

Dabei war Mitte der Woche noch unklar, ob die neuen Machthaber ihre Inthronisation zu dritt würden feiern können. Der Besuch beim Ministerpräsidenten am Montag geriet für die Prinzessin zur Tortur. Wegen eines Grippeinfekts sei ihr speiübel geworden, berichtet Anna Bulang. Die Woche über blieb sie erkältet im Bett. Vor Heiserkeit war an Singen nicht zu denken. Jetzt aber grinst Anna freudestrahlend von der Bühne. Im petrolfarbenen Tüllkleid und mit beleuchtetem Krönchen im krausen Haar demonstriert sie den Narren: mit mir ist zu rechnen. Lauthals ruft das Herrschertrio: „Wir geben alles.“

Das tun auch Lara Beyer und Nathalie Juro. Als Funkenmariechen verlangen sich die 16-Jährigen einiges ab. Mit Flic-Flac, Spagat und Hebefiguren in schneller Folge bringt sich das Duo mächtig aus der Puste. Die Zuschauer sind von der Performance begeistert. Denn sie ist eine Premiere. In der Vergangenheit waren noch Funkenmariechen befreundeter Karnevalsvereine über die Bühne gewirbelt. Jetzt sind es zwei Mädchen von hier. Lara und Nathalie tanzten zwar schon in größerer Formation des Wittichenauer Heimat- und Kulturrings zum Kappenabend. Ein solch fulminantes Doppel hat es aber noch nicht gegeben.

Auch Peter Mirtschink feiert Premiere. Er probiert sich zum ersten Mal als Büttenredner. In rotem Anzug und blonder Perücke nimmt er neben seinem Schwager Johannes Michauk auf einer Parkbank Platz. Michauk liest ihm aus der Zeitung vor: „Die Stadt bekommt demnächst schnelles Internet.“ Mirtschink erwidert: „Oh! Das wird die meisten hier freuen. Außer die Anhänger der AfD vielleicht.“ Michauk versteht nicht: „Was hat denn die AfD gegen das Internet?“ Sein Banknachbar klärt auf: „Am liebsten würden die das doch auch noch verbieten. Da sind doch so viele Links.“ Der Debütant setzt die Pointen gut. Zuschauer krümmen sich vor Lachen.

Kreischende Mädchen beim Rap

Richtig Fahrt nimmt die Stimmung im ausverkauften Saal aber besonders dann auf, wenn die Büttenredner begeisternde Lieder anstimmen. Simon Michauk und Manuel Schober verstehen sich gut darauf. Die beiden klagen über „totale Fluktuation“ in ihrer Band „Acapulco“. Von der einst siebenköpfigen Combo sind nur noch die beiden übrig. „Unser Mitbegründer, der Prinz, ist sich für unsere Truppe zu fein. Der dirigiert jetzt die 14 Klageweiber hinter uns“, spottet Michauk und deutet auf die Kappenbrüder. Michauk und Schober schmieden einen Plan, um neu durchzustarten. „Vielleicht sollten wir unsere Songs überarbeiten. Was wir bisher gespielt haben kennt doch keine Sau“, überlegt Schober. Auf die Melodie des Gabalier-Songs „Hulapalu“ singen die beiden: „Was ist der Fasching bei uns, was gehört dazu? Sechs Tage lang macht bei uns keiner die Augen zu.“ Dazu rappt Michauk derart temporeich, dass Mädchen zu kreischen beginnen und die Zuschauer verblüfft mitklatschen.

„Mitreißend und sehr musikalisch“, fällt dann auch das Fazit einer Zuschauerin zum dreistündigen Programm aus. So bleibt es auch bei der After Show-Party. Am frühen Sonntagmorgen steigt Prinz Stephan zur Kappenabend-Stammband „Na und“ auf die Bühne und beweist, warum er seinen Titel verdient. Stimmgewaltig rockt er das Narrenvolk.