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Ruhiger Nickern-Tunnel hat seinen Preis

Häuser mussten wieder abgerissen und Risse beseitigt werden. Die Bauleute wurden zudem im Untergrund überrascht.

© André Wirsig

Von Peter Hilbert

Richard Funke sitzt in seinem Arbeitszimmer. Vor ihm ein dicker Ordner mit technischen Plänen des Nickerner Autobahnzubringers, Fotos der Bauetappen und weiteren Unterlagen. Schon lange beschäftigt sich der 78-jährige Ur-Nickerner mit der Geschichte seines Stadtteils, kennt viele Details aus dem Effeff. Das zahlte sich aus, als das größte Verkehrsprojekt im Ort umgesetzt wird – der A 17-Zubringer vom Kaufpark bis zum Anschluss Prohlis. Federführend war dabei die bundeseigene Planungsgesellschaft Deges. 11,6 Millionen Euro hat die dafür hingeblättert. Kernstück war der 500 Meter lange Lärmschutztunnel aus Porenbeton.

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Die Betonröhre des Autobahnzubringers zur A 17 nahm Ende 2003 sichtbare Konturen an.
Die Betonröhre des Autobahnzubringers zur A 17 nahm Ende 2003 sichtbare Konturen an. © Archiv Richard Funke
Im Sommer 2003 wurde bereits kräftig an der Trasse des künftigen Nickerner Tunnels gebaut.
Im Sommer 2003 wurde bereits kräftig an der Trasse des künftigen Nickerner Tunnels gebaut. © Archiv Richard Funke

Funke hatte sich oft mit dem Bauleiter unterhalten, konnte ihm so manchen Tipp geben. „Der hat oft gesagt: Da müssen wir den Alten fragen, der weiß vieles“, sagt Funke rückblickend. Da habe er schon das Gefühl gehabt, dass seine langjährigen Forschungen nützlich sind. Andererseits kennt er die Probleme und Sorgen der Anwohner genau.

Problem 1: Neue Häuser an der Trasse mussten wieder abgebrochen werden

Dass der Zubringer gebaut wird, war schon in den 90er-Jahren bekannt. Doch die Stadt genehmigte noch Neubauten direkt auf der Trasse. Die waren schon im Rohbau bis zum Kellergeschoss fertig. „Sie mussten wieder abgebrochen werden“, erläutert Funke. Die Bauherren liefen jahrelang ihrem Geld hinterher. Letztlich entschied das Landgericht Ende 2011 im größten Fall, dass die Stadt 924 000 Euro Schadensersatz zahlen muss.

Problem 2: Bauleute wurden überrascht von ortsbekannten Wasserschichten

„Die Bauleitung war mit den geologischen Verhältnissen nicht vertraut“, nennt Funke ein weiteres Problem. Deutlich wurde das, als Anfang 2003 eine Abwasser-Druckleitung weit unter die Erde verlegt werden sollte. Die Fachleute hatten mit Grundwasser erst in 75 Metern Tiefe gerechnet. Unbekannt war jedoch, dass zwei bis drei Meter unter der Oberfläche wasserführende Schichten des gebrochenen Sedimentgesteins Pläner liegen. Also soff die Baugrube ab. Funke erläuterte diese altbekannte Nickerner Besonderheit der Bauleitung, so dass sie die später berücksichtigte.

Problem 3: Gutachter übersahen harte Granitschicht vorm Tunnelportal

Wiederum überrascht wurden die Bauleute oberhalb des Tunnelportals neben Kauscha. „Dort ist Granit drunter“, erläutert der Ortschronist. „Ich hatte den Bauleuten geraten, dass sie darauf achten sollen. Doch die verwiesen auf ein Gutachten.“ Am Ende stießen die Bagger auf das harte Gestein. Da direkt neben der Kauschaer Siedlung nicht gesprengt werden konnte, musste der Granit mit Spezialmaschinen mühevoll beseitigt werden.

Problem 4: Baulärm ließ Anwohner nicht zur Ruhe kommen

Für die direkten Anwohner an der Fritz-Meinhardt-Straße gab es erhebliche Lärm- und Staubbelastungen, weiß Funke. Der Nickerner Walter Petzold kennt das aus eigenem Erleben. 2002 hatte er ein Haus direkt neben dem künftigen Tunnel gekauft. „Als sie die Spundwände reingerammt hatten, wackelte bei uns das ganze Haus“, berichtet der heute 75-Jährige. An Schlaf war auch bei den Kindern der benachbarten Kita nicht zu denken. Durch die Arbeiten entstanden kleine Risse im Haus von Walter Petzold. Dafür habe er aber eine Entschädigung erhalten. Nein, gegen den Tunnel hat er nichts. „Der ist gut“, resümiert der Anwohner.

Problem 5: Geplantes Grün auf Tunneldecke will nicht sprießen

Allerdings gibt es vor Petzolds Haus ein Problem, da die grünen Pläne der Tunnelbauer nicht so recht aufgehen. Auf der Tunneldecke wurden Tröge eingehoben, die mit Bodendeckern bepflanzt wurden. „Außer Unkraut ist hier aber noch nichts gewachsen“, resümiert Ortschronist Funke. „Dabei wurden die Tröge schon viermal neu bepflanzt“, fügt Petzold hinzu.

Problem 6: Nach Jahren war zusätzlicher Lärmschutz nötig

Wenn der Lärmschutz am Ende 2004 übergebenen Tunnel sonst gut funktioniert, so gibt es am offenen Stück an der oberen Fritz-Meinhardt-Straße ein Problem. Dort konnten die prognostizierten Werte nicht eingehalten werden. Deshalb musste im vergangenen Jahr eine zusätzliche Holzwand aufgestellt werden, um die Anlieger vor dem Verkehrslärm zu schützen.

Das Fazit: Nickern kann heute mit seinem Zubringertunnel gut leben

Trotz aller Probleme weiß Ortschronist Funke den Aufwand zu schätzen. „Für mich ist es beeindruckend, wie viele Maßnahmen getroffen wurden, um Nickern vor Lärm zu schützen“, sagt er. Als Beispiel führt er den schallschutzdämmenden Porenbeton an, mit dem das Tunnelinnere zusätzlich ausgebaut wurde. „Dort, wo der Tunnel überdeckt ist, hört man fast nichts vom fließenden Verkehr“, weiß er aus Erfahrung.

Eins findet er allerdings schade. An der Kreuzung in Altnickern war ursprünglich ein Kreisverkehr geplant. Die Deges hatte dafür schon Anschlüsse vorbereiten lassen. Doch der Stadt fehlte letztlich das Geld.

Dieser Artikel ist Teil der Serie „Dresdner Tunnel“. Ältere Teile finden Sie auf dieser Seite.