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Ruine in gefährlicher Top-Lage

Einst Tuchfabrik, später Kondensatorenwerk, heute mit vielen Optionen, aber trotzdem umstritten: Was wird aus den Häusern an der Uferstraße?

© Nikolai Schmidt

Von Ingo Kramer

Görlitz. Eine Führung durch das frühere Kondensatorenwerk an der Uferstraße? Der Eigentümer winkt ab. „Er möchte sich derzeit noch nicht äußern“, sagt ein nicht genannt werden wollender Kontaktmann. So bleibt sie vorerst im Dunkeln, die Familie Sigmund aus Österreich, der das Werksgelände seit vielen Jahren gehört und die in dieser Zeit schon viel Geld in die Sicherung und Beräumung des Gebäudes investiert hat.

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Bei einem Gebäudeteil wurde das einsturzgefährdete Dach vor zwei Jahren abgetragen.
Bei einem Gebäudeteil wurde das einsturzgefährdete Dach vor zwei Jahren abgetragen. © Nikolai Schmidt
Die Zeichnung zeigt die Mauersche Badeanstalt – da, wo später das Kondensatorenwerk errichtet wurde.
Die Zeichnung zeigt die Mauersche Badeanstalt – da, wo später das Kondensatorenwerk errichtet wurde. © Zeichnung: Ludwig Feyerabend

Oder besser gesagt: Der Gebäude, denn wie die kleine Zeichnung unten beweist, gab es hier einst die „Mauersche Badenanstalt an der Neiße“ – und rechts im Bild ist das heute noch im Werksgelände stehende barocke Haus zu sehen. Es ist heute das älteste und vielleicht historisch wertvollste Haus auf dem Areal. Die Zeichnung wurde um 1830 gedruckt, die Uferstraße hieß damals noch „Unterkahle“ und zur Badeanstalt gehörten ein Russisches Dampfbad, ein Wasser-Duschbad, Bassins und Wannenbäder aller Art. In der Kulturhauptstadtbewerbung um 2005 hat sich der Görlitzer Daniel Breutmann intensiv mit der frühen Geschichte des Geländes befasst. „Bis ins späte 18. Jahrhundert erstreckten sich entlang der Neiße Viehweiden und Bleichen, die Mauersche Badeanstalt und die Gartenanlagen der Familien Sohr und Hartmann“, hat er herausgefunden.

1857 mussten weite Teile der Gartenanlagen durch das Fortschreiten der Industrialisierung und der Stadterweiterung weichen. Eine Fabrik entstand. Ausschlaggebend für den Standort des Fabrikgebäudes der Tuchfabrikanten Halberstadt und Apitsch und der umliegenden Industriegebäude war die betriebstechnisch erforderliche Nähe zur Neiße für die Dampfkesselanlagen. In den folgenden Jahrzehnten gab es mehrere Eigentümerwechsel, aber nach allem, was bekannt ist, blieben die Gebäude auf beiden Seiten der Uferstraße bis weit ins 20. Jahrhundert Tuchfabriken.

Ein großer Wendepunkt kam nach dem 2. Weltkrieg unter der Regie des damaligen Präsidenten der DDR. „Wilhelm Pieck wollte Anfang der 1950er Jahre Arbeitsplätze für Frauen schaffen. Das war der Anfang des Kondensatorenwerkes“, erinnert sich Michael Hannich. Der heutige CDU-Stadtrat arbeitete von 1972 bis 1985 im Kondensatorenwerk – allerdings nicht in der Zentrale an der Uferstraße, sondern in der Emmerichstraße 68, wo das Labor und die Forschungsabteilung untergebracht waren. Am 23. Juli 1952 war der Stammbetrieb auf der Uferstraße mit 27 Mitarbeitern gestartet. Schon am Jahresende 1952 zählte der VEB Kondensatorenwerk unter Werkleiter Eberhard Uhlig 163 Mitarbeiter. Im Jahr 1968 stieg die Zahl der Betriebsangehörigen auf über 1 000. Der Sinn eines Kondensatorenwerkes war auch in Görlitz schnell begründet: Elektrische Haushaltsgeräte sollten die Wohnungen erobern, Werkzeugmaschinen elektronisch gesteuert werden, der Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg ging in Richtung neue Technik.

Insgesamt, so Hannich, gab es sogar fünf Betriebsteile, neben Ufer- und Emmerichstraße auch das Werk 2 im späteren Kulmbacher Postillion am Fuße der Landeskrone, die Produktion im Haus Luisenstraße 8, und, ab Mitte der 1980er Jahre, den Neubau an der Girbigsdorfer Straße, der später auch das Einwohnermeldeamt beherbergte. Der Betrieb wurde einer der wichtigen Zulieferer im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe der einstigen sozialistischen Länder, exportierte aber auch in zahlreiche Länder auf fast allen Erdteilen.

Nach der Wende schrumpfte das Kondensatorenwerk schnell auf ein Minimum zusammen, aber zumindest dieses ist bis heute erfolgreich, wenn auch am Stadtrand: Die Nachfolge-Firma Electronic-Bauteile Görlitz GmbH (Electel) wurde am 1. Februar 1992 gegründet und sitzt heute nahe Porta in der Nikolaus-Otto-Straße 1.

Weit weniger erfreulich verlief die Entwicklung des Werkes an der Uferstraße nach der Wende: Es verfiel nach und nach. Dabei gab und gibt es viele Ideen. In der Zeit der Kulturhauptstadtbewerbung war das Kondensatorenwerk ein wichtiger Bestandteil des Brückenparkkonzeptes. Eine reine Kunstinstitution sollte am Neißeufer entstehen. Als dann im April 2006 Essen und nicht Görlitz zur Kulturhauptstadt 2010 ernannt wurde, wurden die Pläne dennoch nicht ad acta gelegt. Der damalige Theaterintendant Michael Wieler erhielt vom Stadtrat den Auftrag, weiter an Projekten und Ideen der Kulturhauptstadt zu arbeiten. Für das Werk war nun ein multifunktionales Begegnungszentrum „ForumMedienKunstKultur“ geplant, das für Ausstellungen, Tagungen und Veranstaltungen aller Art genutzt werden sollte. Das Aus kam im Juli 2007, weil die Stadt kein Geld für den Umbau aufbringen konnte.

2013 schlug der damalige FDP-Bundestagskandidat Daniel Breutmann das Areal für die Landesgartenschau 2019 vor. Wenige Wochen später wollte der österreichische Besitzer das Werk zum noblen Vier-Sterne-Hotel mit 75 Zimmern ausbauen. Beide Ideen wurden nie umgesetzt. Die Hotel-Pläne sind daran gescheitert, dass die Banken sie nicht finanziert haben. Spätestens seit dieser Zeit gehen auch in der Bevölkerung die Vorschläge für die Zukunft des Werkes weit auseinander – von Komplettsanierung bis Komplettabriss. Erst in dieser Woche tauchte das Thema beim Bürgerrat Altstadt auf. „Ein Gast schlug vor, dass das Werk abgerissen und durch Parkplätze und einen Park ersetzt werden könnte“, sagt Bürgerrat Hagen Aye.

Das Hauptproblem: Die Ruine steht direkt an der Neiße. Spätestens seit dem Hochwasser 2010 ist klar, dass diese Top-Lage im Stadtzentrum auch eine Gefährliche ist: Damals wurde das Werk überflutet. Wolfgang Kück, der als Architekt mit dem Gelände und dem Eigentümer vertraut ist, sagte aber schon im Jahr 2013 im Gespräch mit der SZ, dass Hochwasser kein Problem sei: „Das Kondensatorenwerk ist nicht unterkellert und wird es auch künftig nicht sein.“ Überirdisch lasse sich heutzutage alles mit Schotten, Fluttoren und anderen technischen Möglichkeiten abdichten. Kück verwehrte sich wiederholt gegen Stimmen aus der Bevölkerung, das Kondensatorenwerk solle Platz machen für den letzten Lückenschluss in einer Parkanlage, die von der Altstadt- bis zur Stadtbrücke reichen könnte. Es stehe unter Denkmalschutz und sei zudem in Privathand: „Der Eigentümer möchte nicht abreißen.“

Breutmann stimmt dem bis heute zu: „Das Werk sollte auf jeden Fall erhalten bleiben, denn es gibt nicht mehr allzu viel Industrieerbe, das von der Tuchmacherstadt kündet.“ Die bis dato letzte Idee, das Werk zu nutzen, kam von der Hochschule. Im Kondensatorenwerk könnte ein zweiter Campus entstehen, hatte Hochschulrektor Friedrich Albrecht 2014 erklärt. Das ist bis heute nicht völlig vom Tisch, sagt er nun: „Fakt ist, dass mittlerweile eine sogenannte bauliche Zielplanung durch den Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement erarbeitet wurde und dabei die Vorschläge der Hochschule berücksichtigt wurden.“ Für Görlitz gab es die Ein-Campus- und die Zwei-Campus-Variante. „Wir warten noch auf den Abschlussbericht“, so Albrecht. Sollte die Entscheidung für die Ein-Campus-Variante fallen, so ist beim Kondensatorenwerk wieder alles offen. Die Eigentümer, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, haben in den vergangenen Jahren viele Nutzungsideen intensiv verfolgt – und werden das auch weiter tun.