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Sachse lief Engländern den Rang ab

Karl Otto Hänsel bot vor fast 100 Jahren in Freital-Birkigt Verpackungsmaschinen und das Papier dazu an. Eine Revolution.

Von Monika Dänhardt und Uwe Hessel

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Großer Badespaß in Freitals Freibädern 

Nach vielen Renovierungsarbeiten ist die Badesaison in den Freibädern "Windi" und "Zacke" in vollem Gange. 

Die bunten Teller der vergangenen Weihnachtszeit sind längst leer. Dass sie wirklich, durch die hübsch verpackten Süßigkeiten bunt waren, ist unter anderem Karl Otto Hänsel zu danken. Er war der Mann, der in Dresden die Verpackungsindustrie zu einem Industriezweig ausbaute.

Gelungene Kombination: Karl Otto Hänsel (Mitte) brachte die Verpackungsmaschinen-Industrie nach Dresden und Freital. Er baute nicht nur für die damalige Zeit modernste Maschinen (r.), er liefert auch das passende, maschinentaugliche Wachspapier dazu. Foto
Gelungene Kombination: Karl Otto Hänsel (Mitte) brachte die Verpackungsmaschinen-Industrie nach Dresden und Freital. Er baute nicht nur für die damalige Zeit modernste Maschinen (r.), er liefert auch das passende, maschinentaugliche Wachspapier dazu. Foto

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war Dresden eine „süße Stadt“ mit unzähligen Süßwarenfabriken. 1877 hatte sich hier sogar der Verband deutscher Schokoladenfabrikanten gegründet. Die Hersteller der süßen Verführungen verlangten nach entsprechender Verpackung. Lange mussten sie dafür Papier und Maschinen teuer importieren.

England stellte vor dem Ersten Weltkrieg die Hochburg der Verpackungs- und Konservierungstechnik dar. Hier, genauer in London, arbeitete ab 1910 Karl Otto Hänsel aus Wurzen als Korrespondent bei der Firma Reichmann, Jahn & Kustner. Der damals 21-jährige Sachse tauchte dabei ein in die Welt der Süßigkeiten, vor allem, was ihre Verpackung betraf. Er hatte eine kaufmännische Lehre und den Besuch der Städtischen Handelsschule hinter sich und brannte darauf, selbstständig zu werden. So kehrte er 1911 nach Deutschland zurück, um eine Verpackungsfabrik zu eröffnen. Unterstützt wurde er dabei durch eine großzügige Protektion von Frederick Jahn, einem der Londoner Firmeninhaber.

Jahn half Otto Hänsel durch ein Startkapital und vermittelte ihm als Geschäftspartner seinen Verwandten Heinrich Hossfeld. Schon am 1. Juli 1911 begann in Leipzig in der Firma Hänsel & Hossfeld die Arbeit. Zunächst verkaufte und importierte das Unternehmen Verpackungsmaschinen. Doch Otto Hänsel wollte nicht nur handeln. 1913 gründete er mit seinem Partner Hossfeld eine kleine Fabrik für Verpackungsmaschinen, die anfangs nur drei Angestellte hatte. Kaum war der Betrieb in Gang gekommen, brach der Erste Weltkrieg aus, und Heinrich Hossfeld musste als Reserveoffizier ins Feld. Einige Zeit später trat er aus der Firma aus, die nun nur noch „Otto Hänsel“ hieß. Mitte 1915 wurde auch Otto Hänsel zum Wehrdienst einberufen. Auf eigenen Wunsch konnte er aber seinen Dienst in Leipzig ableisten, sodass er an den dienstfreien Abend- und Nachtstunden seine Firma notdürftig in Gang hielt.

Noch während des Ersten Weltkrieges begab sich Otto Hänsel auf die Suche nach größeren Fabrikräumen, möglichst in Dresden, dem Zentrum der Schokoladen- und Süßwarenindustrie. Fündig wurde er in Dresden-Freital, wo eine ehemalige Ziegelei zum Verkauf stand. Er erwarb das Anwesen und verlegte 1918 den Stammsitz seiner Firma aus Leipzig hierher.

Endlich konnte er systematisch an der Lösung eines Problems arbeiten, welches ihn schon lange beschäftigt hatte: Es gab in Deutschland kein richtiges, maschinentaugliches Bonbonpapier. Lange hatten sich die Firmen mit Importen aus England beholfen. Doch dies war durch den Ersten Weltkrieg schwierig geworden.

Otto Hänsel fand in den Mitarbeitern der Papierfabrik Haynau in Schlesien die richtigen Partner. Gemeinsam brachten sie ein Wachspapier auf den Markt, welches den Ansprüchen der Süßwarenfabrikanten entsprach. In Freital entstand zu der vorhandenen Maschinenfabrik ein Wachspapierwerk. Otto Hänsel konnte seinen Kunden jetzt Bonboneinwickelmaschinen und das entsprechende Verpackungsmaterial anbieten.

So wurde er zum ersten und bis dahin einzigen Systemanbieter in Deutschland. Auch in anderen Fragen war Hänsel weitsichtig. Um der schwierigen Beschaffung von Maschinenguss in der durch die Inflation verursachten Krise zu begegnen, wurde im Jahre 1924 eine eigene Eisengießerei mit Modelltischlerei gebaut.

Unter der Leitung von Otto Hänsel entwickelte sich das Unternehmen rasch. Bereits 1921 war die Zahl der Beschäftigten auf 120 gestiegen, und die Zahl der Kunden betrug über 400, wovon etwa 300 aus dem Ausland kamen. 1939 zählte sein Unternehmen 360 Arbeiter und Angestellte.

Die Freitaler und Dresdner arbeiteten gern bei Hänsel, denn er kümmerte sich auch um soziale Belange. 1938 erwarb er den Gasthof Birkigt und ließ ihn zur Betriebskantine ausbauen. Für langjährige Mitarbeiter gab es eine Pensionszulage.

Der Zweite Weltkrieg beendete die positive Entwicklung. Zwar gab es zunächst noch Gewinne durch die Herstellung heereswichtiger Maschinen. In dieser Zeit mussten auch ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene bei Hänsel arbeiten. Am 24. August 1944 wurden die Wachspapierfabrik und Eisengießerei bei einem schweren Fliegerangriff zerstört. 82 Menschen starben, darunter auch Otto Hänsels Mutter und seine Schwester. In den anderen Firmengebäuden lief die Produktion bis Kriegsende allerdings weiter. Mit Kriegsende kam durch die russische Besatzungsmacht der Befehl der Demontage. 1948 ging Otto Hänsel, der bis dahin versucht hatte, die Firma irgendwie wieder aufzubauen, nach Hannover. Nach eigenen Aussagen tat er dies wegen Differenzen mit der sächsischen Landesregierung. In Hannover gründete er für seine Söhne die Hänsel Papierwerk KG. Otto Hänsel starb am 25. Oktober 1963 im Alter von 74 Jahren. Die Firma Otto Hänsel in Freital kam schließlich zum VEB Kombinat Nagema. Heute existieren zwei voneinander völlig unabhängige Firmen, die sich speziell der von Otto Hänsel begründeten Tradition verpflichtet fühlen. Bei der Hänsel Processing GmbH in Hannover werden weiterhin Verpackungsmaschinen mit dem Namen Hänsel hergestellt. Die zu einem in Rotterdam ansässigen Unternehmen gehörende Cats Haensel Flexible Packaging GmbH widmet sich derweil am Gründungsort des Wachspapierwerkes in Freital-Birkigt weiter der Herstellung von Wachspapier und anderen flexiblen Packstoffen insbesondere für die Süßwarenindustrie.

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