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Das Problem der singenden Schauspieler

Nun hat auch "Toni Erdmann"-Star Sandra Hüller ein Album veröffentlicht. Wie verträgt sich der Wechsel zwischen Film und Konzertbühne?

Sandra Hüller hat die analoge Version ihres Albums bei einem Dresdner Label veröffentlicht.
Sandra Hüller hat die analoge Version ihres Albums bei einem Dresdner Label veröffentlicht. © Christoph Soeder/dpa

Von Luise Wolf

Mit Sandra Hüller weinte und lachte das Publikum 2016 kräftig mit. In dem Oscar-nominierten Film „Toni Erdmann“ spielt sie die Rolle einer erfolgreichen Unternehmensberaterin, deren Vater sich mit peinlich-absurden Szenen in ihr Leben drängt. Den Spagat zwischen liebender Tochter und kühler Business-Frau vereint sie subtil in einer Rolle. 

Jetzt hat Hüller mit dem Theatermusiker und Produzenten Daniel Freitag ein Musikalbum veröffentlicht, das den Spagat zwischen erfolgreicher Schauspielerin und Newcomer-Musikerin meistern will. Ein paar Titel konnte man schon in Vorabveröffentlichungen hören, nun gibt es das zwanzigeinhalbminütige Sieben-Titel-Mini-Album „Be Your Own Prince“ als Stream und als Vinyl-Platte.

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Bei Kätpn Peng unter Vertrag

Das Album ist ein zwiegespaltenes Werk, das in unterschiedliche Stile zerfällt. Zum einen sind da minimal instrumentierte Balladen, Hüller singt und begleitet sich selbst auf Kalimba oder Gitarre. Davon heben sich füllig instrumentierte Pop- und Rock-Monumente wie „Champaigner“ ab. 

Diese Songs profitieren von Freitags langjähriger Erfahrung als Produzent und Theaterkomponist sowie von weiteren Gastmusikern. In „Tell Her“ fusioniert der Rhythmus einer Brass-Band mit Blues-Rock-Gitarren und Disko-Synths zu einem fulminanten Soundtrack. Hüllers stimmliches Repertoire reicht von füllig-glamourös bis queer-transzendent. Aber keine ihrer Stimmen lässt so richtig aufhorchen.

Was das Album zusammenhält, ist das musikalische „Material“; eine kontrastreiche Instrumentierung und einwandfreie Produktion, die eher Produzenten-Handwerk zu hören geben als ein musikalisches Statement. „Be Your Own Prince“ ist filmisch-gut produzierte Musik. Aber ohne Film oder Bühne wirkt das eben zu glatt, grundlos und konzeptfrei. Im Gesamtbild wirkt das Album zusammengewürfelt. Die digitale Version bringen Hüller und Freitag im Alleingang heraus. 

Die Analog-Version in Vinyl ist beim Dresdner Label Kreismusik angesiedelt. Das Label um den Rapper Käptn Peng steht für Hip-Hop und deutsche Texte, aber auch für stilistische Spielerein zwischen Pop und Parodie. Hüllers Album nimmt im Katalog einen Sonderplatz ein, spielt weder in die eine, noch die andere Richtung. Die Verbindung zwischen ihr und dem Label ist Freitag. Er war schon als Produzent für die Kreismusiker tätig.

Singende Schauspieler haben es schwer

Die Rolle von Schauspieler-Musikern ist heute eine schwierige. Schauspieler werden in der Regel dafür geschätzt, sich in Rollen hineinzuversetzen. Auch auf der Konzertbühne haben Performance und schillernde Rollenwechsel ihren Reiz, aber nur solange sie als Facetten einer Rolle funktionieren. Charlotte Gainsbourg, Scarlett Johansson, Keanu Reeves – alles schwer auf „eine Saite zu spannen“. 

Aber für ihr musikalisches Schaffen werden sie ungleich weniger gelobt als für ihre Filme. Es hat zuweilen den Anschein, als würden sie sich an fremdem Repertoire „bedienen“. Und das selbst dann, wenn sie – wie im Fall von Charlotte Gainsbourg – ein langes musikalisches Schaffen vorweisen können.

Dabei sind Musik und Bewegtbild seit dem Beginn des Tonfilms eng miteinander verknüpft. Als der erste Film mit Spielfilmqualität gilt „Der Jazzsänger“ von Alan Crosland. Er handelt von dem Aufstieg des armen jüdischen Sängers Jakie Rabinowitz zum gefeierten Broadway-Star, gespielt von Al Jolson. Der Film verdeutlicht die enge Liaison zwischen Musik und Film. 

Erfolgskonzept von Christian Friedel

Viele erfolgreiche Hollywood-Produktionen der ersten Jahre sind Adaptionen von Broadway-Musicals. Auch das Bühnenpersonal wechselte direkt vom Theater ans Set. Mit der Etablierung des Films als eigenständiges künstlerisches Werk und der Trennung von Musical und Film änderte sich auch die Rolle der Schauspieler-Musiker. Sie müssen sich nun in beiden Welten beweisen. Ihr Image tänzelt oft zwischen Spiel und Authentizität. Und nur selten machen sie sich in beiden Rollen gleichermaßen einen Namen wie etwa einst Marlene Dietrich.

Diese wechselseitige Imageüberzeichnung nutzt der Dresdner Schauspieler Christian Friedel gern aus. Als Schauspieler ist er aus Filmen wie „Das weiße Band“ von Michael Haneke oder Serien wie „Babylon Berlin“ bekannt. Mit den Musikern von Polarkreis 18 bildet er heute die Band Woods of Birnam und reißt die Grenzen zwischen Pop und Theater direkt auf der Bühne ein. Woods of Birnam führen Shakespeares Texte als Poptheater auf. So verbinden sich beide Welten zu einem mitreißenden wie tiefsinnigen Gesamtspiel.

Volker-Sielaff-Gedicht eingelesen

Fans von Sandra Hüller, die gerade bei der Dresdner Edition Azur Volker Sielaffs Langgedicht „Mystische Aubergine“ als Download-Single eingelesen hat, finden in der Melange von „Be Your Own Prince“ bestimmt Momente, in denen sie der überzeugenden Schauspielerin näherkommen. An Emotionalität mangelt es dank eingängiger Melodien und passender Instrumentierung nicht. Das Album aber dürfte als weiteres Nebenprojekt eines Schauspielstars in die Geschichte eingehen, das musikalisch nicht weiter aufregt. Aber vielleicht will es das ja auch gar nicht, sondern sich bloß im kleinen Kreis verewigen.

Musik-Tipp: Sandra Hüller: „Be Your Own Prince“ (digital: Akkerbouw/Vinyl: Kreismusik)

Hör-Single: Mystische Aubergine - Sandra Hüller liest Volker Sielaff: Aus „Barfuß vor Penelope“ (Edition Azur)

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