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Ein Schloss für die Magd

Lausitzer Landadel gab sich über Jahrhunderte auf dem Herrensitz Uhyst die Klinke in die Hand. Seit 1990 ist es vor allem ein Spekulationsobjekt.

Blick auf Schloss Uhyst heute, vom Schlosspark im Südwesten aus gesehen.
Blick auf Schloss Uhyst heute, vom Schlosspark im Südwesten aus gesehen. © Thomas Schade

Von Thomas Schade

Besucher im englischen Park von Uhyst sind nicht lange allein. Erst kommt der Gemeindearbeiter und schmeißt die Motorsense an. Wildwuchs und hohes Gras sollen den Eindruck nicht trüben, den der Landschaftspark mit seinen hundertjährigen Eichen und Buchen macht. Mitten in der Woche durchstreifen ständig Wanderer und Radler die Anlage. Sie bestaunen das stattliche dreigeschossige Gebäude. Einige drücken die Nase an eines der Erdgeschossfenster, um zu sehen, was hinter den Mauern verborgen ist. Andere schießen Fotos mit dem Smartphone. Die meisten Besucher verweilen auf ihrem Weg rund um den Bärwalder See am verlassenen Schloss von Uhyst.

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Auch Johanna Gruner kommt mit dem Rad und beobachtet von einer Parkbank aus das touristische Treiben. Vor ein paar Jahren hat sie noch Besucher durch das Schloss geführt. „Da gab es zwar nicht viel zu sehen“, sagt die 56-Jährige, „aber es gibt so viele Geschichten zu erzählen über den Park, das Schloss und die Herrschaften.“

Johanna Gruner leitet den Heimatverein. Sie steht auch dem Förderverein vor, der sich um die Uhyster Anstalten und das Adelspädagogium kümmert. Zwei historische Anlagen, die kaum bekannt sind. „Dabei haben beide Einrichtungen den kleinen Ort in der Heide- und Teichlandschaft im 18. Jahrhundert zu einem bedeutenden Bildungsstandort gemacht“, sagt Johanna Gruner. Die Geschichte ihrer Heimat fasziniert die gebürtige Uhysterin. „Ich habe viel Ehrfurcht vor allem, was in den Jahrhunderten oft mit primitiven Mitteln geschaffen wurde“, sagt sie. Ehrenamtlich versucht sie, so viel wie möglich zu bewahren. Sie leitete jahrelang die Sparkassenfiliale im Ort, viele hier kennen sie. „Zu mir kommen die Leute, wenn es um die alten Zeiten geht.“

Johanna Gruner, die Vorsitzende des Heimatvereins, vor dem Schlosseingang auf der Nordostseite. Sie setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, das historische Ensemble zu erhalten.
Johanna Gruner, die Vorsitzende des Heimatvereins, vor dem Schlosseingang auf der Nordostseite. Sie setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, das historische Ensemble zu erhalten. © Thomas Schade

Die beginnen in der Oberlausitz beiderseits der Spree vermutlich im frühen Mittelalter. Heimatforscher schließen nicht aus, dass slawische Stämme auf der Flucht vor den Germanen in dem kargen Landstrich mit Kiefernwäldern und zahlreichen kleinen Seen Zuflucht fanden und siedelten. An einer Furt durch die Spree soll der Ort Ugezd entstanden sein, der 1418 in Chroniken auftaucht.

Kaspar von Nostitz, ein einflussreicher Vertreter des Oberlausitzer Uradels, ließ Mitte des 16. Jahrhunderts in Uhyst ein Schloss errichten. Es blieb bis zum Abriss Mitte des 19. Jahrhunderts in der Hand Lausitzer Adelsmänner. Eine Federzeichnung ist alles, was von dem alten Renaissanceschloss geblieben ist. Sie zeigt ein zweistöckiges Haus mit hohem Eingangsturm und zwei Eck-Erkern. 1725 wurde Friedrich Caspar Graf von Gersdorff Lehnsherr auf Uhyst und löste die Familie von Metzradt ab, die das alte Schloss zuvor über hundert Jahre im Besitz hatte. Mit Gersdorff habe für Uhyst so etwas wie eine neue Zeit begonnen, sagt Johanna Gruner.

Der Graf aus altem deutschem Adel war ein hochgebildeter Mann und seit 1731 Oberamtshauptmann, quasi Ministerpräsident der Lausitz, und Geheimer Rat am Dresdner Hof. Ihm war das alte Schloss zu klein. Er ließ in nur vier Jahren ein paar Steinwürfe entfernt ein neues Schloss erbauen – vermutlich von Johann Christoph Knöffel, dem Begründer des sächsischen Rokoko. Zum neuen Schloss gehörte eine Kapelle mit Altar, Kanzel und einer Orgel. Denkmalschützer bezeichnen es heute als eines „der größten Schlösser der Region“ und „bedeutendes Bauwerk des sächsischen Barock“.

Ein Zeitdokument vom alten Schloss aus dem Jahr 1796, abgerissen Mitte des 19. Jahrhunderts.
Ein Zeitdokument vom alten Schloss aus dem Jahr 1796, abgerissen Mitte des 19. Jahrhunderts. © Quelle: SLUB

Schon während seines Studiums hatte Gersdorff in Halle Nikolaus Ludwig von Zinzendorf kennengelernt. Zinzendorfs Mutter war eine von Gersdorff. Beide waren Großcousins. Schon früh, so sagt Johanna Gruner, habe eine Geistes- und Seelenverwandtschaft die beiden Männer verbunden, die maßgeblich von der christlichen Reformbewegung des Pietismus geprägt gewesen seien. Zinzendorf gründete 1727 die Herrnhuter Brüdergemeine. Gersdorff – vom Herrnhuter Glauben beeindruckt – eröffnet ein Lehrerseminar mit Lateinschule nach dem Vorbild der Franckeschen Stiftungen in Halle. Ein Jahr nach dem Umzug der Familie ins neue Schloss richtet er im alten Schloss die Uhyster Anstalten ein, in denen vor allem Mädchen und Jungen der Sorben höhere Bildung erhielten. Vier Jahre vor seinem Tod 1751 wird im Ort ein neues, modernes Schulgebäude eröffnet.

Nach Gersdorffs Tod führten die Herrnhuter Brüder die Bildungsmission des Grafen fort. „Damit wurde Uhyst Mitte des 18. Jahrhunderts weit über die Oberlausitz hinaus bekannt. Wegen der modernen Pädagogik trotz des strengen Pietismus kamen Schüler aus England, Schweden, Norwegen, Holland und Estland“, erzählt Johanna Gruner. „Hermann Fürst zu Pückler-Muskau war hier Schüler“, sagt sie. In Uhyst seien ein deutsch-sorbisches Wörterbuch und die Grundlagen der sorbischen Grammatik entstanden. Das alte und später das neue Schloss beherbergten eine der umfangreichsten und wertvollsten Bibliotheken der Lausitz.

Nach Gersdorffs Tod wechselten die Herrschaften auf Uhyst über einhundert Jahre lang öfter. Mehrere Besitzer versuchten, nur Gewinn herauszuschlagen, und wirtschafteten Schloss und Gut herunter. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts stoppte der königliche Kommissionsrat Johann Friedrich August Kessel den Verfall und leitete umfangreiche Instandsetzungen ein. Er wollte das Gut wohl nachhaltig bewirtschaften, sagt Johanna Gruner.

1883 ergriff Johann Balthasar von Rabenau im Alter von 50 Jahren Besitz von Schloss und Gutsbetrieb. Der Baron hatte bereits in anderen Orten von Land- auf Teichwirtschaft umgestellt. In Uhyst ließ er abgelassene Teiche am Schlosspark wieder anlegen und vergrößern. Es soll von Rabenau geschmeichelt haben, wenn man ihn „Karpfenkönig“ nannte, erzählt die 56-Jährige. Doch Uhyst brachte ihm wenig Freude. Nach starken Regenfällen verwüstete 1897 ein verheerendes Hochwasser den Besitz. Schicksalhaft war auch die Liebesbeziehung des Barons zu seiner Dienstmagd Marie Hässler, die zur Geburt seines einzigen Kindes führte.

Der uneheliche Sohn Herbert lag dem Baron sehr am Herzen. So habe er seine Geliebte mit dem verwitweten Gutsverwalter Alwin Kluge verheiratet. Kluge hatte bereits einen Sohn, Gerhard, und zwei Töchter. Um Mutter und Sohn abzusichern, übereignete der Baron dem Verwalter Kluge vier Rittergüter. Auch sein übriger Besitz sollte der Familie zufallen.

Doch der Stress nach der Verwüstung durch das Hochwasser und die Sorge um den Wiederaufbau trieben Alwin Kluge ein Jahr später in den Tod. Er wurde nur 34 Jahre alt. Dieses Schicksal konnte auch der Baron nicht verwinden. Er starb 66-jährig ein Jahr nach seinem Verwalter. So stand Marie, die Magd und Geliebte des Barons 1899 mit 31 Jahren als Witwe und alleinerziehende Muter von vier Kindern da – mit dem angeblich größten Gutsbesitz in der Oberlausitz. Sie war mit der Verwaltung von Schloss Uhyst und einem halben Dutzend Rittergüter hoffnungslos überfordert.

Vom damaligen Pfarrer ist überliefert, dass das Schicksal der Marie Hässler Dauerthema unter der Bevölkerung war. In ihrer Not habe die junge Frau einen Bärwalder Gutsbesitzer geheiratet. Doch der soll seine Vormundschaft eigennützig missbraucht haben. So wurde sie ihm entzogen, als Herbert und Gerhard Kluge volljährig waren und den gesamten Rabenau’schen Besitz übernehmen konnten. Nach dem Tod seines Bruders 1925 war Herbert Kluge 1945 der letzte Herr auf Schloss Uhyst und wurde enteignet.

TBC-Heilstätte nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg, so sagt Johanna Gruner, gab es Pläne, das Schloss abzureißen. Die Landesbodenkommission hatte das im März 1948 schon beschlossen. Doch dem Direktor der Görlitzer Kunstsammlung, Sigfried Asche, gelang es, das Schloss zu retten. Nach einem Besuch würdigte er gegenüber dem Landesamt für Denkmalpflege die wertvolle Architektur und den guten Zustand des Ensembles und seinen kulturhistorischen Wert. Er schrieb an die Sozialversicherungsanstalt Sachsen und empfahl, das Schloss zu nutzen. Mit Erfolg. Im Sommer 1950 begann der Umbau zur TBC-Heilstätte mit 120 Betten. Er verschlang eine Million Mark.

Ohne Zustimmung des Denkmalschutzes wurde dabei der große, dem Park zugewandte Dreiecksgiebel abgerissen. So verlor das Schloss eines seiner wichtigsten barocken Elemente. Aus Enttäuschung darüber soll Schlossretter Sigfried Asche Görlitz verlassen haben. Nach sieben Jahren als TBC-Heim wurde das Schloss zum Spezialkrankenhaus für Lebererkrankungen umgewandelt. In den 1980er-Jahren zogen eine Hautklinik und eine Klinik für chronisch Kranke in das Schloss. In diesen Jahrzehnten mussten beträchtliche Teile der Parkanlagen neuen Zweckbauten weichen. Ein Mehrfamilienhaus für die Schwestern und ein Haus für Chefärzte zerstörten unter anderem die Auffahrt zum Schloss. Heute empfehlen Landschaftsarchitekten, die Häuser wieder abzureißen, um den alten Park zu erhalten.

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Doch die Aussichten dafür sind nicht rosig. Schloss und Park sind heute getrennte Grundstücke mit verschiedenen Eigentümern, sagt Johanna Gruner. Der Park gehört größtenteils der Gemeinde. Das Schloss steht seit 1992 leer und ist seither Spekulationsobjekt. Erst versuchte der Landkreis, es für eine Mark loszuwerden, später tauchte es mehrfach auf Auktionen auf, erst für 25.000 Euro, später für 62.000 Euro. Ein Mann aus der Lausitz hätte gern die Bildungstraditionen fortgesetzt und aus dem Schloss eine Eliteschule gemacht, aber ihm fehlte dafür das Geld. Bis heute steht Schloss Uhyst im Internet für 360.000 Euro auf der Verkaufsliste zweier Holländer, obwohl sie nicht mehr Besitzer sein dürften.

Der aktuellste unter den mehr als ein Dutzend Investoren ist der Berliner Anton Tolmachev mit seiner Firma ADN Investment Group. Auf deren Internetseite ist bereits ein saniertes Schlossgebäude zu sehen. Immerhin, sagt Johanna Gruner, seien erste Sanierungsarbeiten erkennbar. Im Erdgeschoss wurden hohe Fenster erneuert. Auch an der Energieversorgung wird offenbar gebaut. Doch im Ort weiß keiner so recht, was die Investoren vorhaben. „Luxushotel, Seniorenheim – uns wurden schon viele Projekte vorgestellt“, sagt Johanna Gruner. Im Ortsvorstand kann man sich auch vorstellen, dass das Schloss im Zuge des großen Strukturwandels in der Lausitz eine Funktion bekommen könnte. Klaudia Keilholz, die Architektin der Investoren, verrät bisher nur so viel: Ein Domizil für fitte und rüstige Senioren soll das Schloss werden. Kein Altenheim, betont sie. Die Bauanträge seien gestellt. Mit dem Denkmalschutz sei man sich noch nicht ganz einig. Aber in zwei Jahren soll wieder Leben einziehen in das Schloss Uhyst.

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