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Schöne Musik – hässlicher Schimmel

In den vergangenen Jahren hat der Schimmelbefall an Orgeln zugenommen, sagen die Fachleute. Auch Niesky ist betroffen.

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© André Schulze

Von Susanne Sodan

Die Orgel der Kirche in Podrosche ist ein bisschen verstimmt. Nichts Ungewöhnliches. Auch eine Königin hat eben mal ihre Macken. „Das ist wie bei einem Klavier oder einer Gitarre“, erklärt der Hohendubrauer Orgelbauer Johannes Soldan. Diese Woche hat er sich um die Orgel in Podrosche gekümmert. Die üblichen Wartungsarbeiten: nachstimmen, einen Windkanal nachdichten, eine Tonfehler beheben, reinigen – und ganz genau hinschauen. Denn wenn Johannes Soldan das Innenleben der komplizierten Instrumente untersucht, stößt er manchmal noch auf ein ganz anderes Problem: Schimmel.

Bei den meisten Orgeln bestehen nur die Pfeifen, die von außen sichtbar sind, aus Metall. Dahinter liegen oft noch zahlreiche andere Reihen aus Holz. Diese hölzernen Pfeifen sehen ganz anders aus, als die metallenen – nämlich viereckig, wie dicke Balken. Aber auch in ihnen steckt millimetergenaue Arbeit. Der Nachteil: Das Holz kann schimmeln. Das Problem habe vor allem in den vergangenen 20 Jahren zugenommen, bestätigt auch Ekkehart Groß, Orgelbauer aus Waditz bei Bautzen. „Ich werde immer häufiger wegen Schimmelbefalls hinzugerufen“, erzählt er. „Wo die Gründe liegen, dazu hat noch niemand eine konkrete Antwort parat.“ Die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands (EKM), die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen und andere Partner wollen diese Antwort jetzt finden. Sie haben in den vergangenen Wochen eine großangelegte Umfrage bei den Kirchengemeinden in Mitteldeutschland durchgeführt. „Wir gehen davon aus, dass über zehn Prozent der Orgeln in unserem Bereich von Schimmel befallen sind“, erklärt Matthias Oelke, Pressesprecher der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche.

Der Norden des Landkreises Görlitz gehört nicht zur sächsischen Landeskirche oder zur EKM, sondern zur Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Auch hier ist das Thema bekannt. Bei der EKBO aber stehe es nicht akut auf der Tagesordnung, teilt Pressesprecher Christoph Heil mit. Es liegen im EKBO-Bereich auch keine Meldungen über vermehrten Schimmelbefall in den vergangenen Jahren vor. Ernst wird das Thema trotzdem genommen. Bei der Orgel in Podrosche ist zum Beispiel alles in Ordnung, bei anderen aber nicht. Betroffen ist aktuell die Orgel in der Nieskyer Christuskirche. „Im vergangenen Jahr sind bei einer Wartung unserer Orgel einzelne Stellen entdeckt worden, die von Trockenschimmel befallen sind“, erzählt Christoph Leubner, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates bei der Christuskirche.

Die Orgel schimmelt – ist wohl nicht ordentlich gepflegt worden, denkt man vielleicht schnell. Aber ein Schimmelbefall kann völlig unterschiedliche Gründe haben. „Wir haben zum Beispiel auch bauliche Gegebenheiten abgefragt“, erklärt Matthias Oelke. „Ich habe den Eindruck, dass Schimmelbefall oft mit den Sanierungen der Kirchen in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu tun hat“, sagt Ekkehart Groß. Gegen dichte Fenster und Heizungen in Kirchen ist an sich nichts einzuwenden. „In zu dichten Räumen mit zu wenig Luftzirkulation kann Schimmel aber leichter ansetzen“, sagt auch Johannes Soldan. „Teils werden die Kirchen kurz vor dem Gottesdienst sehr schnell hochgeheizt.“ Für das Holz der Pfeifen ist das ohnehin nicht gut. Die Feuchtigkeit kann sich in die warme Luft einlagern. Verstärkt wird der Effekt, wenn die Besucher die Kirche mit feuchter Kleidung betreten. „Wird die Kirche nach dem Gottesdienst wieder dicht verschlossen, bleibt die feuchte Luft drinnen“, erklärt Johannes Soldan. „Und im Orgelgehäuse steht die Luft noch mehr.“

Es kann noch ganz andere Ursachen geben: pH-Wert der Luft, wie oft die Orgel gereinigt und wie oft sie gespielt wird, die Helligkeit. Schon wenn eine Kirche durch Bäume abgedunkelt wird, könne das den Schimmelbefall begünstigen, erklärt Soldan. „Es ist manchmal trotzdem seltsam“, sagt Ekkehart Groß. „Da denkt man, die Voraussetzungen sind gut und trotzdem taucht Schimmel auf.“ Auch wenn der an den Holzpfeifen den Klang der Orgel nicht gleich beeinflusst, wird das Holz dennoch angegriffen. Die Frage ist auch, ob bestimmte Schimmelpilze gesundheitsgefährdend sein können.

Wenn Schimmel in einer Orgel entdeckt wird, so rät Christoph Heil von der EKBO, sollte das zunächst dem zuständigen Orgelsachverständigen gemeldet werden. Bei denkmalgeschützten Orgeln ist auch das Landesdenkmalamt zu informieren. Es ist dann zum Beispiel möglich, die Orgel mit bestimmten Chemikalien zu reinigen, erklärt Christoph Heil. Die Kirchengemeinde könne auch einen Antrag auf Orgelbaubeihilfe stellen.

So läuft es jetzt auch bei der Christuskirche Niesky. „Der Schimmelbefall bei uns ist nicht dramatisch. Aber wir verharmlosen auch nichts“, sagt Christoph Leubner. Auch hier ist ein Orgelsachverständiger informiert worden. Die Kirchgemeinde der Christuskirche hofft jetzt auf einen Sanierungsvorschlag.