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Schönheit eines halben Jahrtausends

Ein gotischer Flügelaltar von etwa 1480 ist ein Kleinod der Wittichenauer Pfarrkirche. Nun wurde er wieder eingeweiht.

Innenteil des gotischen Flügelaltars in St. Mariä Himmelfahrt: links Christophorus, im Mittelteil die Hl. Katharina von Alexandria und rechts eine (noch) unbekannte Heilige.
Innenteil des gotischen Flügelaltars in St. Mariä Himmelfahrt: links Christophorus, im Mittelteil die Hl. Katharina von Alexandria und rechts eine (noch) unbekannte Heilige. © Foto: Uwe Jordan

Wittichenau. Anbetungswürdig“, „Zum Niederknien“ – diese Worte fallen bisweilen, wenn es einer außergewöhnlichen Schönheit zu huldigen gilt. Im doppelten Sinne treffen sie auf ein Kleinod der Wittichenauer Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt zu, das zum Patronatsfest am vergangenen Sonnabend, dem 15. August (eben dem Tag Mariä Himmelfahrt), wieder eingeweiht werden konnte: den gotischen Flügelaltar, datiert um 1480.

Sechs Monate lang war er vom Dresdener Diplomrestaurator Roland Flachmann aufgearbeitet worden; möglich gemacht hatte es die großzügige Unterstützung durch die Ostdeutsche Sparkassenstiftung. Jetzt ist der Flügelaltar in der Andachtskapelle zu sehen.

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Vor dem preußischen Staat gerettet

Aber nun zum Altar. Der hat noch längst nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben, und Pfarrer Wolfgang Křesák steht im Kontakt mit Kirchenhistorikern, Wappenkundlern und weiteren eventuell Auskunft geben Könnenden. Gesichert ist dies: Der Altar wurde von Pfarrer Robert Krause nach Wittichenau mitgebracht. Krause, der sein Amt hier von 1882 bis 1922 versah, war zuvor Kaplan in Neuzelle gewesen. Das dortige Kloster war 1817 säkularisiert, also zwangsaufgelöst worden; der Staat, Preußen, riss viele der Altäre und liturgischen Geräte an sich. Sie landeten in Museen. Nur Weniges konnte vor dem Zugriff der Behörden gerettet werden; so auch der gotische Flügelaltar, der dann zunächst dank Pfarrer Krause einen Platz in der Wittichenauer Kreuzkirche am Kolpingplatz einnahm.

Kreuzkirche nun zu modernistisch

Dort verblieb er bis 2009. Dann wurde die Kreuzkirche saniert, vor allem aber modernisiert, was ihre Innengestaltung anbelangt. Es zeigte sich, dass der Altar nun nicht mehr zum dort jetzt vorherrschenden Stil passte. Er wäre ein Fremdkörper geworden. Was weder seiner Würde noch seiner Bedeutung oder gar seiner einzigartigen Schönheit angemessen gewesen wäre. Also zog er um – in die Andachtskapelle von St. Mariä Himmelfahrt. Aber über 500 Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen. In den „Neuzeller Studien“ (Band 6 -2018-) wird beklagt: „Leider ist der Altar heute nicht mehr recht ansehnlich, da wohl später aufgetragene Farbfassungen «geschrumpelt» sind.“ Er musste restauriert werden – und so geschah es. Nicht nur, dass er optisch glanzvoll wiederauferstanden ist – der Abtrag der „späteren“ (also: ahistorischen) Farbschichten hat auch die Lösung eines mit dem Altar verbundenen Rätsels zumindest nähergebracht.

Überraschende Entdeckung

Die rechte Figur, gemeinhin „unbekannte Heilige“ genannt, wurde in der Vergangenheit als Anna (die Mutter Marien) gedeutet – was Pfarrer Křesák allerdings stets bezweifelt hat. Denn ein Buch, wie es die Statue trägt, zählt nicht zu den Attributen der Anna, auch nicht der Schleier, der viel eher einer Ordensfrau zuzuordnen ist. Eine Überraschung bei der Restauration gab dieser Deutung neue Wahrscheinlichkeit. Als nämlich die unkorrekte Farbschicht auf dem Schleier entfernt worden war, kam darunter ein rotes Kreuz zum Vorschein. Das deutet ganz klar auf eine Ordenstracht hin und schließt Anna endgültig aus. Vielleicht aber auch die Hl. Birgitta von Schweden, die Pfarrer Křesák als „Vorbild“ vermutet hatte; zu der Schleier und Buch passen würden – aber eben nicht das rote Kreuz. „Vielleicht kann man aber gerade anhand dieses Zeichens Gewissheit erlangen, wer dargestellt worden ist“, hofft der Pfarrer.

Im Zentrum ist’s Katharina

Die Mittel- und Hauptfigur des Altars hingegen sollte keinem Zweifel mehr unterliegen. Nein, nicht die Madonna (also Maria) ist es, sondern die Hl. Katharina von Alexandria! Das war zwar früher schon vermutet, dann aber wieder verworfen worden; doch ihre Attribute (Buch, Szepter und Krone der Weisheit) deuten auf die Schutzherrin der Philosophie. Deren Schicksal gibt auch einen Hinweis auf den Kopf, auf den ihr Fuß tritt. Dass es ein „Türkenkopf“ sei (wie es noch 1935 in einem Kirchenführer hieß), galt schon länger als obsolet: Die Glaubenskriege gegen die Türken waren ja erst im 16. Jahrhundert ausgefochten worden. Kaum glaubhaft, dass dieser noch nicht ausgetragene Konflikt Gegenstand einer Altar-Szene des 15. Jahrhunderts gewesen sein soll. Wer aber ist nun der in den Staub Getretene? Kaiser Maxentius! Der, so will es die Legende, hatte seinerzeit (etwa im Jahre 300 unserer Zeitrechnung), als die Christenverfolgung auf dem Höhepunkt war, 50 seiner besten Philosophen nach Alexandria gerufen, auf dass sie Katharina vom christlichen Glauben abbrächten – doch es kam genau andersherum: die 50 bekehrten sich, von Katharinas Argumentation überwunden, zum Christentum. Maxentius ließ sie daraufhin allesamt auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Katharina sollte zwischen vier eisenspitzenbesetzten Rädern zerrissen werden, wurde aber „nur“ enthauptet. Zwar hatte Maxentius sie töten lassen können, aber gesiegt hatte: Sie!

Ganz eindeutig ist die linke Figur: Christophorus, der das Christuskind und damit die ganze Welt trägt und heute als Schutzpatron der Reisenden gilt.

Botschaft für die Heutigen

Alle drei Figuren, so Pfarrer Křesák, haben auch den Heutigen etwas zu sagen; vor allem, dass die Wahrheit, für die sich mutig eingesetzt wird, am Ende den Sieg davonträgt – und dass eine Last, freiwillig dienend getragen, zum Besten gereicht.

Die Vorderseite des Altars, also wenn er geschlossen (zugeklappt) ist, wie in der Fastenzeit vorgeschrieben, zeigt die Verkündigung des Erzengels Gabriel an Maria, dass sie Christus empfangen wird. Aber auch hier ein Rätsel: das Wappen am linken unteren Rand des linken Flügels; auf silbernem Feld ein steigender roter Balken, belegt mit drei Kreuzen in Gold. Die Pfauenfedern auf dem Helm sagen: kein geistlicher, sondern ein weltlicher Herr führte diese Farben und Zeichen. Der Stifter des Altars? Sein Name ist genau so verschollen wie der des Künstlers, der den Altar schuf – aber wenn herauszufinden ist, welchem (wohl erloschenen) Geschlecht das Wappen zuzuordnen ist, könnte das der Schlüssel sein.

Einladung an Schulklassen

Pfarrer Křesák lädt jedenfalls dazu ein, den Altar zu besichtigen, „besonders Schulklassen, wenn sie das Thema «Gotik» behandeln. Warum sollen sie einen solchen Flügelaltar, eventuell aus dem süddeutschen Raum, nur im Lehrbuch betrachten können, wenn sie ein solch schönes Stück «in der Nachbarschaft» haben?“ Die Einladung gilt auch für jeden anderen Interessierten – eine unumwundene Empfehlung!

Schulklassen können sich im Pfarrbüro von St. Mariä Himmelfahrt anmelden – unter Tel. 035725 758-0

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