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Schonungslos ausgeliefert

Er war neun, als es losging. Der Junge bewunderte den Mann, der ihn bei der Dresdner Parkeisenbahn ausbildete. Doch dann wollte sein Idol mehr und missbrauchte ihn über Jahre. Heute ist er 17 und kann endlich darüber reden.

© Robert Michael

Es sind diese Berührungen, die Henry L.* zittern lassen. Einfach so. Immer wieder. Beiseite schieben geht nicht, er hat es versucht. Es sind Berührungen, die er niemals wollte. Die Erinnerung daran packt den heute 17-Jährigen, wenn er im Bett liegt. Wenn er einen Deutschtest in der Schule schreibt. Dabei würde Henry das alles am liebsten aus seiner Seele streichen, trennen von all dem Positiven, das er bei der Dresdner Park-eisenbahn erlebt hat.

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Henry ist sexuell missbraucht worden. Von Tilo H., seinem Idol, Freund und Ausbilder. H. war 38 Jahre alt, als er sich im Mai 2016 umbrachte – nachdem der Junge zur Polizei gegangen war und die Parkbahn ihn suspendiert hatte. Wenn Henry über Tilo H. spricht, sagt er „T.“. Das bringt ein bisschen Distanz. Henry aber will reden, weil kein Kind bei der Parkeisenbahn mehr erleiden soll, was er erlebte. Weil die Verantwortlichen der zuständigen Schlösserverwaltung nicht einfach zur Tagesordnung übergehen sollen. Henry macht sich Vorwürfe, weil sein Peiniger sich das Leben nahm. Auch etwas, das vielleicht nie wieder weggeht. Bisher hat er sich nur Psychologen geöffnet. Für das Gespräch nun hat sich Henry mit Kakao, Cola und ein paar Packungen Schokolade gewappnet. Er rührt in der Tasse. Wo soll er anfangen? „Können Sie mir nicht die Fragen stellen?“

Es begann 2009. Henry war damals neun und nahm mit neun weiteren Kindern an einer Art Schnupperführung von Tilo H. im Großen Garten teil: Dampfloks, Uniformen, Waggons . Ein Paradies für kleine Möchtegern-Lokführer. Tilo H. ist zu dieser Zeit die wichtigste Person bei der Parkeisenbahn. Formal nicht angestellt, verbringt aber dort seine komplette Freizeit. Er sucht selbst in Schulen Kinder aus, die er dann ausbildet. Tilo H. ist beliebt, genießt das Vertrauen von Eltern und Mitarbeitern. Bei Auftritten auf Bahnfesten und in Kindergärten schlüpft er in das Kostüm des Parkbahn-Maskottchens „Parkolino“.

Henrys Vater Martin L.* sagt, nach der Führung sei sein Sohn „mit leuchtenden Augen nach Hause gekommen. Er hatte ein neues Hobby gefunden“. Der Sohn geht einmal die Woche hin, später öfter. Henry wird zum Liebling von Tilo H. „Lieblingskind“ oder „Tilo-Kind“ sind feststehende Begriffe bei der Parkeisenbahn. Manche nennen sich noch heute so.

H. schuf Nähe, Vertrauen, Abhängigkeiten. Durch Vergünstigungen, Geheimnisse, Geschenke. Ein Stück Kuchen, dass andere Kinder nicht bekommen, ein Ausflug, zu dem nur bestimmte Jungs eingeladen werden, oder besondere Förderung. Sein Ziel: Jungen so weit zu kriegen, dass sie Übergriffe nicht mehr infrage stellen.

„Es fing mit Umarmungen an, da war ich elf “, sagt Henry. Immer in der Modellbahnanlage in der Innenstadt. Das Gebäude gehört der Schlösserverwaltung. Mit dem Jungen putzt Tilo H. dort Schienen. „Sondereinsatz“ nennt er das. „Danach sind wir essen gegangen“, sagt Henry. Für ihn ist es Freundschaft. Für Psychologen sind es die ersten Schritte einer Taktik, die sie als Grooming bezeichnen. Der Begriff beschreibt normalerweise das Aufziehen von Pflanzen und Tieren. Sexualtäter aber verhindern damit, dass sich Kinder frühzeitig Gedanken machen.

Bevor Feierabend ist, will Tilo H. „kuscheln“. Er behauptet, dass das guttue. „Ich musste mit nacktem Oberkörper auf seinem Schoß sitzen“, sagt Henry. „Er hatte auch nichts an.“ Mal 15 Minuten, mal eine halbe Stunde. Ohne Widerstand. Kartbahn, Bowling oder Ausflüge sind Belohnungen. Henry darf mit auf Besorgungsfahrten für die Modellbahn. Sitzt der Junge im Auto, will H., dass er seine Hand hält. „Ich hatte mir so oft vorgenommen, zu sagen: Das will ich nicht. Aber ich konnte nicht, es war unmöglich.“

Irgendwann küsst H. den Jungen, ins Gesicht, auf den Mund. Auch das wird zur Gewohnheit. Henry L. fühlt sich gefangen, will diesen Teil der Freundschaft loswerden. „Ich dachte damals, es ist ausweglos“, sagt er. Heute, nach einer Traumatherapie, weiß der junge Mann, warum er nie Widerstand leisten konnte. „Als Kind hat man wohl Angst, seine besondere Stellung zu verlieren, und lässt es geschehen.“

Tilo H. spricht zudem immer mal von Selbstmord. Das macht Henry Angst. Dem Handhalten versucht er zu entgehen, indem er die Lehne des Beifahrersitzes nach hinten dreht und die Arme hinter dem Kopf verschränkt. „Manchmal hat es gewirkt, aber immer nur für den Moment, beim nächsten Mal ging das wieder los.“ Will H. ihn küssen, dreht er den Kopf zur Seite. Der Mann ignoriert die Signale. H. organisiert Privattouren zu Eisenbahnmuseen, nach Hamburg, an die Ostsee oder in den Heidepark Soltau. Mal bucht er ein Hotelzimmer mit Einzelbett für sich und drei Kinder, mal wird gezeltet oder in seinem Toyota-Kombi übernachtet. Immer mit schriftlicher Zustimmung der Eltern, die ihr Kind in guten Händen glaubten.

Zu den Eltern hält Tilo H. Distanz, geht beim Verabschieden nie in die Wohnung, „Immer, wenn andere dabei waren, selbst, wenn sie in 100 Meter Entfernung standen, hat T. nichts gemacht, erst, wenn wir allein waren“, sagt Henry. Es folgen private Badeausflüge, Radtouren, eine Reise nach England. H. organisiert ein Praktikum für Henry. Fürsorglichkeit, die Nähe für Missbrauch schafft. Mehrmals die Woche wird miteinander telefoniert. „Es ging um Insider-Sachen bei der Bahn, und ich konnte mich über die Schule ausheulen“, sagt Henry. Wenn der Drucker des Jungen streikt, bringt H. ihm mitten in der Nacht die Papiere für das Schulreferat. Oder Süßigkeiten, die Henry an einem Strick in sein Kinderzimmer hinaufzieht. Tilo H., ein bester Freund im väterlichen Sinne?

Mit der Zeit wird Henrys Vater misstrauisch. Er recherchiert im Internet, bekannte Missbrauchsfälle vor Augen: Odenwaldschule, Regensburger Domspatzen, Berliner Parkeisenbahn. Gibt es Anzeichen? Aufklärungsseiten der Polizei liefern mögliche Symptome: Betroffene ziehen sich zurück, kommen in der Schule nicht mehr mit, werden krank oder nässen ins Bett. „Mein Sohn zeigte kein einziges Symptom“, sagt Martin L. „In der Schule lief es, und auch von T. kam er immer fröhlich zurück.“ Damals habe er sich oft wegen Überempfindlichkeit gescholten und gedacht, der Kontakt tue Henry gut, sagt der Vater. Tilo H. hielt er für ehrenwert. Als sich sein Sohn im März 2016 offenbart, ist er geschockt.

Henry geht derweil zurück in die Vergangenheit. Im Herbst 2013 fährt er mit Tilo H. zu einem Konzert der Toten Hosen nach Düsseldorf. Übernachtet wird im Auto. „Er wollte, dass ich mich auf ihn lege.“ Schritt für Schritt steigert H. die Übergriffe, lädt Henry auch in seine Wohnung ein. „Ich war stolz, weil dort nicht jeder hindurfte.“ T. habe immer sein Lieblingsessen gekocht: Lachs mit Bratkartoffeln. Der Preis dafür ist „Kuscheln“ und mehr. Der Junge muss sich mit nacktem Oberkörper auf dem Boden massieren lassen. Dann: „Komplett ausziehen und ...“ Er habe versucht, sich schlafend zu stellen. Erfolglos. Tilo H. „weckt“ den Jungen oder zieht ihn aus und vergeht sich an ihm. Etwa 30-mal innerhalb eines Jahres.

Vielleicht wäre das noch lange weitergegangen, hätte Henry sich nicht in ein Mädchen verliebt. Seit Weihnachten 2015 sind sie ein Paar. „Plötzlich hat sich das mit T. wie unfreiwilliges Fremdgehen angefühlt.“ Er habe „langsam realisiert, dass es ein solches Abhängigkeitsverhältnis nicht geben darf.“ Im Februar 2016 geht Henry zu H., entschlossen, keinen Übergriff mehr zuzulassen. Aber er will die Freundschaft retten. „Als T. wieder kuscheln wollte, habe ich gesagt: Du, ich will das eigentlich gar nicht.“ Eine Stunde lang redet er, nennt Bedingungen: keine Küsse, kein Kuscheln, kein Anfassen.

Tilo H. habe geantwortet: „Das kann ich nicht. Das Leben ist sinnlos, jetzt kann ich es beenden.“ Es ist die letzte persönliche Begegnung. Eine gute Woche später schreibt Henry an Tilo H., dass er ihn nicht als Freund verlieren wolle. Er sei optimistisch, dass ein Neuanfang klappte, akzeptierte er die Bedingungen. Am Sonntag könne man darüber reden. H. antwortet: „Dein Sonntag ist besser ohne mich. Die Welt ist besser ohne mich.“

Anfang März beginnt Henry, sich seinem Vater zu offenbaren. Der bringt seinen Sohn in eine Trauma-Ambulanz. Eine Betreuerin sagt dem Jungen, er müsse sich entscheiden, ob er zur Polizei gehen wolle. Damit einher gingen Ermittlungen und ein Gerichtsverfahren, bei dem das Opfer gegen den Täter aussagen müsse, dazu Presse und Öffentlichkeit. „Das wollte ich nicht, aber gleichzeitig wollte ich die Gefahr minimieren, die von T. ausgeht“, sagt Henry. Er ging dann doch zur Polizei. „Das war ein großer Schritt für mich.“ Dass er sich dort nicht ernstgenommen fühlte, habe ihn fertiggemacht. Der Kripobeamte habe gewirkt, als wollte er nur schnell weg.

Weil Tilo H. über Pfingsten 2016 wieder mit Kindern auf Privattour gehen will, informieren Vater und Sohn die Parkbahnleitung. Tilo H. wird vom Dienst suspendiert, geht nach Hause, räumt sein Auto auf und bringt sich um. Die Polizei ruft Tage später Martin L. an: „Gegen Tote wird nicht ermittelt.“ Drei Wochen lang kann der Junge nach H.s Tod fast nichts essen, zwingt sich zu Traubenzucker und Salat. Die Therapie hilft Henry, während die Parkbahn weiter ihre Runden dreht, als sei nichts geschehen.

Den Kindern habe man das nicht erklären können, heißt es von Schlösserverwaltung und Parkbahnverein ein halbes Jahr später. Deshalb gibt es im Juni 2016 eine Gedenkfahrt für H. 250 Kinder, Eltern und Mitarbeiter lassen Luftballons mit guten Wünschen für ihn in den Himmel fliegen. Henrys Familie ist fassungslos. „Wie kann man einem Sexualtäter solch eine Ehre zuteil werden lassen?“, empört sich Henry. In der Traueranzeige des Vereins steht: „Wer Bleibendes geschaffen hat und Menschen begeistern konnte, wird nicht vergessen.“

Vergessen wollen die Verantwortlichen aber offenbar Henry, der monatelang auf eine Entschuldigung warten muss. Im September macht die Familie Druck, nun endlich die anderen Eltern zu informieren. Doch der Schlösserbetrieb lässt sich bis Dezember Zeit, lädt dann zu einem Informationsabend ein. Es gehe um ein Kinderschutzkonzept, heißt es. Aber danach sickern Details durch. Die Schlösserverwaltung kennt den Namen Tilo H. schon seit Ende 2010 im Zusammenhang mit Grenzverletzungen und hat dennoch keine Konsequenzen gezogen.

Erst nach einem SZ-Bericht über weitere Fälle bei der Parkeisenbahn erstattet die Schlösserverwaltung Mitte Februar Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Sie beauftragt den früheren sächsischen Datenschutzbeauftragten und Juristen Thomas Giesen, die Vorgänge aufzuklären. Was ist wann passiert? Wer wusste davon? Wie haben Verantwortliche gehandelt?

Bei der Familie von Henry meldet sich Giesen erst, nachdem Martin L. ihn anschreibt. Der Anwalt bestellt Vater und Sohn nicht in seine Kanzlei, sondern in ein Fünfsternehotel. Das Treffen bezeichnet Henry als „Horror“. Giesen habe erklärt, dass Tilo H. nichts für seine Neigung könne. Was Übergriffe oder Grenzverletzungen betrifft, gehen die Meinungen bei dem Gespräch weit auseinander. „Ich habe gesagt, eine Berührung, die ich nicht will, ist eine Grenzverletzung“, sagt Henry. Giesen habe daraufhin seinen Vater am Arm angefasst und geäußert, es handele sich nicht um eine Grenzverletzung, solange man nicht unsittlich berührt werde. Das Gespräch bricht der Anwalt nach Henrys Erinnerung ab, obwohl er ihm seine Situation erklären wollte. Der Jurist geht, und lässt die Familie für mehr als 20 Euro Getränke bezahlen. Der Rechtsanwalt will sich auf Nachfrage nicht dazu äußern.

Unklar ist, weshalb Giesen für den Job als Aufklärer ausgewählt wurde. War es der vermeintlich große Name als ehemals oberster Datenschützer? Welche Kompetenzen er hat, welche Expertise zu sexuellem Kindesmissbrauch, oder ob auch andere mögliche Experten angefragt wurden – zu all dem will sich Schlösserchef Christian Striefler nicht äußern, verweist stattdessen auf kommende Woche. Martin L. und sein Sohn werden jedenfalls kein Vertrauen in den für Mittwoch angekündigten Bericht Giesens zu den Übergriffen bei der Parkeisenbahn haben. Das Gespräch mit dem Juristen reiht sich aus ihrer Sicht ein in eine Serie von Enttäuschungen.

„Ich bin mittlerweile an einem Punkt, wo mir Psychologen nicht mehr helfen können“, sagt Henry. Die Ereignisse hätten sich im Kopf eingebrannt. Ganz viele Dinge seien komplett raum-, zeit- und gesichtslos, sie stünden dennoch in Verbindung mit T.

„Das alles ist ein Teil meines Lebens, das sich nicht mehr ändern lässt“, sagt Henry. „Ich werde mit der Zeit vielleicht besser damit umgehen, aber es sicher nie ganz abschließen können.“ Auch das Zittern wird er vielleicht nie mehr los. Immer wieder passiert es, dass Henry zusammenzuckt –  wenn ihn die Erinnerung an jene Berührungen ergreift, die er nie wollte.

Namen auf Wunsch geändert.