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Sehnsucht nach der Heimat Schlesien

Manfred Ulbrich (81) aus Bulleritz fährt jedes Jahr ins Dorf seiner Kindheit. Auch, um einen besonderen Baum zu sehen.

© privat

Von Ina Förster

Leben und Genuss

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Die Eiche in dem kleinen polnischen Petersdorf soll über 760 Jahre alt sein. So jedenfalls titelte die Sächsische Zeitung vor ein paar Jahren auf der Lausitzseite, als das gute Stück von ein paar Frevlern angezündet wurde. Und fast vollends ausbrannte. Manfred Ulbrich kennt den Baum. Er gehört zu seinem Leben. Der Senior meint, dass die uralte Eiche weit älter sein muss. Dafür hat er sogar Beweise. Schwarz auf weiß.

Jedes Jahr fährt der Bulleritzer in das heutige Polen. Im Dorf seiner Kindheit findet er irgendwie Frieden mit sich selbst. Er besucht Bekannte, die mittlerweile seit Jahrzehnten in seinem Elternhaus leben. Der heute 81-Jährige wuchs im damaligen Schlesien auf. Als er neun Jahre alt war, musste die Familie fliehen. Und strandete Wochen später in Bulleritz bei Schwepnitz. Wo man sich eine neue Zukunft aufbaute. Wie viele Kinder der damaligen Zeit, erinnert er sich noch gut an die schönen Jahre. „Ich war neun, da hing das Herz schon an vielen Dingen“, sagt er immer noch gerührt.

Wie alt ist die Eiche wirklich?
Man merkt dem Rentner die tiefe Verbundenheit zu seinen Wurzeln an. „So etwas steckt in einem drin“, sagt er. Mit zitternden Händen kramt er eine alte Postkarte hervor. Vergilbt und zerknittert ist sie bereits. Sie zeigt Riediger’s Gasthof und ein Kriegerdenkmal. Auf dem mittleren Foto ist die angeblich 1000-jährige Eiche zu sehen. Man warb schon damals mit diesem besonderen Naturdenkmal. Das kleine Petersdorf liegt bei Sprottau. Der Landkreis war ein preußischer Landkreis in Niederschlesien. Er bestand von 1816 bis 1945. Polnisch heißt der Ort heute Piotrowice.

Als die Front im Januar 1945 Schlesien erreichte, begann eine ungeordnete Flucht. Viele Trecks wurden von den schnell vorrückenden sowjetischen Verbänden überrollt. Zehntausende kamen ums Leben. Die Rote Armee unterstellte die von ihr eroberten Gebiete östlich von Oder und Neiße der polnischen Verwaltung; die Westalliierten stimmten dem nachträglich zu. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben. Eine Jahrhunderte lange historische Entwicklung erfuhr einen gewaltsamen Abbruch. Und im Laufe der Jahrzehnte entstand ein neues, polnisches Schlesien, mit einer Bevölkerung, die zu einem Teil selbst vertrieben worden war. Das zugewiesene Land blieb ihr lange fremd. Zwischen den früheren und jetzigen Bewohnern Schlesiens gab es kaum Kontakte. Erst das Ende des Kalten Krieges machte es ihnen möglich, zusammen zu kommen und sich über das kulturelle Erbe ihres Landes zu verständigen. Die Wunden, die Krieg und Vertreibung geschlagen haben, beginnen nun langsam zu verheilen. So beschriebt zum Beispiel das Schlesische Museum in Görlitz die Zustände. Was im Museum auf Schautafeln zu lesen ist, kann Manfred Ulbrich aus erster Hand erzählen. Mit knapp 30 Jahren packte ihn allerdings bereits die Sehnsucht so extrem, dass er sich sein Motorrad schnappte und ins ehemalige Schlesien fuhr. In die Heimat zurück. Das war 1966. Seitdem war er unzählige Male dort.

Er fand sein Elternhaus, das Gut, 14 Hektar bewirtschaftetes Land unversehrt. Und klopfte einfach bei den neuen Bewohnern an. „Ich hatte keine Scheu, wollte nur in Kontakt treten, noch einmal in das Haus“, erinnert er sich. Man hieß ihn willkommen. Mittlerweile verbindet ihn mit den Nachkommen der Familie eine enge Bekanntschaft. Pjoter und Antje Feß sind seine Ansprechpartner, wenn er wieder einmal Sehnsucht hat. „Wir haben mit dieser Familie schon Hochzeiten und Kindstaufen gefeiert. Man fühlt sich zu Hause da“, sagt er gerührt. Fotos von den Feiern zeigt er gerne vor. Immer ist das ehemalige Elternhaus der Ulbrichs im Hintergrund zu sehen. Auch der Rest seiner Lieben war unterdessen schon mehrfach dort. Seine Frau sowieso, die Kinder, im letzten August sogar Enkel Jonas. „Als er 18 Jahre alt wurde hat er plötzlich gemeint: Ich will das jetzt auch sehen. Lass uns einmal zusammen hinfahren“, erzählt der Opa. Das haben sie dann kurzentschlossen getan. Auch mit anderen Bulleritzern hat er eine Ausfahrt nach Petersdorf unternommen. „Da kam ein ganzer Bus zusammen“, sagt er stolz.

Drei neue Triebe geben Hoffnung
Bei jedem der Besuche geht es zur Eiche. Dass sie definitiv älter als besagte 760 Jahre alt sein muss, davon ist der 81-Jährige überzeugt. In einer alten Festschrift steht geschrieben, dass ihr Umfang neun Meter beträgt und sie 32 Meter hoch ist. „Ihr Alter wird auf mehr als 1000 Jahre geschätzt und ihr Holzgehalt ist auf 100 Raummeter errechnet worden“, heißt es darin. Von einer der ältesten und größten Eichen Deutschlands ist noch die Rede. Der Baum „erlebte Deutschlands Ruhm und Deutschlands Erniedrigung in allen Jahrhunderten deutscher Geschichte. Möge das altehrwürdige Denkmal der Natur, ehe es zerfällt, auch noch weiter Zeuge von Deutschlands Wiederauferstehung sein“, schreibt der Autor pathetisch. Das war genau 1936 …

Mittlerweile haben unmögliche Menschen den Baum angezündet. Zum wiederholten Mal übrigens. 2014 letztmals – um genau zu sein. Feuerwehrleute löschten die Flammen und das Naturdenkmal, das auf Platz drei der größten verwurzelten Stileichen Europas rangiert, sieht seitdem ziemlich mitgenommen aus. „Im letzten August gab es aber Hoffnung. Drei neue Triebe haben ausgeschlagen“, erzählt Manfred Ulbrich aufgeregt. Die Freude darüber steht dem 81-Jährigen ins Gesicht geschrieben. Irgendwie keimt damit auch alte Liebe, Heimatbewusstsein und Zugehörigkeitsgefühl auf. Nicht nur für ihn.