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Löbau

Aussteigen, schleppen, einsteigen, weiter

SZ-Redakteurin Romy Altmann-Kühr hat bei der Altkleidersammlung des DRK geholfen. Und gelernt: Es erfordert Fitness und kann auch mal eklig werden.

Redakteurin Romy Altmann-Kühr hat beim DRK bei der Altkleidersammlung geholfen.
Redakteurin Romy Altmann-Kühr hat beim DRK bei der Altkleidersammlung geholfen. © Matthias Weber

Das geht ja gut los. Es ist drei viertel acht am Morgen, in der Kleiderkammer des Roten Kreuzes klingelt das Telefon. Kleiderkammer-Chefin Conny Ewald geht ran. "Ja, wir sammeln heute", sagt Frau Ewald ins Telefon.  

Ich habe mich beim DRK Löbau angemeldet, um bei der Straßensammlung zu helfen. Regelmäßig sind Einwohner aufgerufen, Säcke mit nicht mehr benötigter Kleidung an den Straßenrand zu stellen. Die Kleider werden dann eingesammelt und das, was tatsächlich noch brauchbar ist, in den Kleiderkammern für einen kleinen Obolus abgegeben. Dabei will ich heute helfen. Von Oderwitz bis Oppach reicht das Gebiet, in dem die Ebersbacher sammeln. Heute ist Neugersdorf dran. 

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Wegen des starken Sturms fragte sich die Anruferin, ob sie überhaupt etwas rausstellen soll. Und Conny Ewald ist skeptisch, ob sich die Tour heute überhaupt lohnt. Eben, weil womöglich viele so denken, wie die Anruferin. Na, ob das nicht langweilig wird?

Ronny Albert vom DRK und Romy Altmann-Kühr leeren einen Sammelcontainer in Oppach. 
Ronny Albert vom DRK und Romy Altmann-Kühr leeren einen Sammelcontainer in Oppach.  © Matthias Weber

Das bisschen Wind schreckt Helga Richter und Ronny Albert nicht. Die beiden werde ich begleiten. Dass mal ein Sammeltermin abgeblasen wird, kommt äußerst selten vor, sagt Helga Richter. "Nur, wenn es richtig schüttet." Die 68-Jährige ist Rentnerin und arbeitet ehrenamtlich in der Kleiderkammer. Sie könnte auch zu Hause bleiben. Aber Helga Richter möchte etwas Sinnvolles tun.

"Man kann ja nicht den ganzen Tag rumsitzen." Seit vielen Jahren schon fährt sie auf den Sammeltouren mit. Kurz vor acht geht's los, wir drei klettern in den Transporter. Ich nehme vorne zwischen den beiden auf der Bank Platz. Eine Rückbank gibt es nicht. Hinten ist alles Ladefläche für die Altkleider. 

Schnell mal ist ein Sack übersehen

Auf der Fahrt sind die Aufgaben klar verteilt: Helga sagt, wo's langgeht, Ronny lenkt. Präziser als ein Navi lotst sie ihren Kollegen durch die Nebenstraßen. "Bieg mal hier ab, hier könnte was sein." Sie muss es wissen, denn Helga Richter hat vor gut zwei Wochen die leeren Altkleidersäcke für die Sammlung hier ausgeteilt. Auch das gehört zu ihrem Job als Helferin bei der Straßensammlung. Gemeinsam mit anderen Helfern läuft sie dann durch die Straßen und steckt die Altkleidersäcke, beschriftet mit dem Sammeltermin, in die Briefkästen. 

Tatsächlich verlaufen die ersten paar hundert Meter wenig spannend. Kein Sack steht an der Straße. Dann der erste "Erfolg". An der Breitscheidstraße, kurz vor der Grenze, stehen etliche Säcke vor einem Mehrfamilienhaus. Ich freu' mich, dass es was zu tun gibt. Helga schiebt die Seitentüre vom Transporter auf, die ersten Säcke landen mit einem dumpfen Knall auf der Ladefläche. Einsteigen, weiter geht's.

"Links rum", weist Helga an und Ronny biegt ab. Gebannt suchen wir zu dritt die Straßenränder ab. Schnell ist auch mal ein Sack übersehen, wenn er nicht gut sichtbar dasteht, erklärt mir Helga. Dann sind die Leute sauer und rufen beim DRK an. Notfalls müssen die Helfer dann nochmal los. "Halt, da ist was", rufe ich und Ronny tritt auf die Bremse. Verrückt -  ich freue mich wie ein Kind zu Ostern, immer wenn ich einen Sack entdecke. Also raus aus dem Auto, Türe auf, mit Schwung reingeworfen, einsteigen, weiter. 

So langsam füllt sich die Ladefläche. Und so langsam wird es anstrengend. Einsteigen, aussteigen, laufen, Säcke heben. Jetzt müssen wir die Säcke außerdem weiter hinter werfen, damit nicht alle vorne auf einem Haufen liegen. Das geht auf die Arme, manche Säcke sind ziemlich schwer. Auch Pullover und Hosen wiegen ganz schön was. 

Viel Müll landet in den Sammelcontainern

Und so langsam wird unsere Tour durch Neugersdorf auch zu einem kleinen Abenteuer. Straßen gibt es hier, da passt der Transporter mit Mühe und Not zwischen Hauswänden und Gartenzäunen durch. Wenn jetzt noch was entgegenkommt - ich will gar nicht dran denken! Selbst Helga beißt sich ab und zu auf die Lippen und fragt sich, ob das wohl gut geht. Ronny am Steuer ist die Ruhe selbst. Routiniert lenkt er den Transporter durch die schlimmsten Engstellen. 

Nach knapp zwei Stunden und einer Fahrt durch halb Neugersdorf ist die Ladefläche gut gefüllt. Der andere Teil von Neugersdorf ist beim nächsten Mal dran. Feierabend ist für uns noch nicht. Es geht weiter nach Oppach und Neusalza-Spremberg. Dort hat das DRK Sammelcontainer aufgestellt, in die jeder Altkleider einwerfen kann. Diese Sachen  werden wir jetzt noch abholen. 

Das ist der wesentliche unangenehmere Part der Alkleidersammlung, sagt Ronny Albert. Denn bei der Containersammlung geht es anonymer zu. Da landet auch viel Müll und Ekliges drin. Bauschutt und Bioabfall sind da noch die harmloseren Dinge. "Manche Säcke lässt man lieber gleich zu, das merkt man dann schon am Gestank", sagt Helga Richter.

Die Kleiderkammer in der Thüringer Straße in Ebersbach ist täglich geöffnet. Auch in Löbau betreibt das DRK eine Kleiderkammer in seiner Geschäftsstelle an der Äußeren Zittauer Straße. 
Die Kleiderkammer in der Thüringer Straße in Ebersbach ist täglich geöffnet. Auch in Löbau betreibt das DRK eine Kleiderkammer in seiner Geschäftsstelle an der Äußeren Zittauer Straße.  © Matthias Weber

Zurück in der Kleiderkammer geht die Schlepperei weiter. Fünf Mitarbeiter und Ehrenamtliche haben sich eingefunden, um die Säcke ins Lager zu transportieren. Das funktioniert über eine Menschenschlange. Vom Transporter draußen quer durch den Laden bis ins Hinterzimmer reichen wir die Säcke weiter. 

Selbst vollgekackte Sachen würden sich manchmal darin anfinden. Das Problem ist für's DRK aber auch ein finanzielles. Alles, was nichts für die Kleidersammlung ist, muss das Rote Kreuz auf seine Kosten entsorgen lassen. Heute ist nichts dergleichen dabei. 

Während die  Türe zur Kleiderkammer also offen steht, nutzt Willy seine Chance. Der gepflegte, weiß-schwarze Kater wohnt in der Nachbarschaft und besucht gerne die Mitarbeiter in der Kleiderkammer. Der Kater stolziert zielstrebig hinter den Tresen mit der Kasse, klettert auf einen Stuhl und rollt sich zusammen. 

Manchmal bietet seine Anwesenheit auch Gesprächsstoff. "Ich habe auch eine Katze", sagt eine Kundin in gebrochenem Deutsch und strahlt. Die Kleiderkammer ist auch ein Treffpunkt, den manche oft aufsuchen, um mal ein bisschen zu plaudern. 

Ein Rentner hat einen Strickpullover gefunden und fragt, ob es den nicht gleich noch ein zweites Mal gibt. "Nee, den haben wir nur einmal", sagt Conny Ewald und muss schmunzeln. Ware nach Wunsch gibt's hier schließlich nicht. Dennoch ist die Kleiderkammer eine willkommene Hilfe für viele. Flüchtlinge, die im Oberland leben, gehören zu den regelmäßigen Kunden von Conny Ewald. Da kann sie sogar ihre Sprachkenntnisse auffrischen. Mit einem Paar aus Tschetschenien spricht sie ein paar Worte russisch. Und auch aus dem tschechischen Nachbarland kommen Einkäufer. 

Männer sortieren weniger aus

Conny Ewald leitet die Kleiderkammer in der Thüringer Straße. Das DRK Löbau betreibt zwei solcher Sammelstellen, die zweite ist in Löbau. Bedürftige können sich für einen kleinen Obolus Sachen abholen.

Dazu gehört nicht nur Bekleidung. Die Regale im Reich von Conny Ewald sind darüber hinaus gefüllt mit allerlei anderem, was man so braucht: Bettwäsche, Spielsachen, Taschen, Geschirr. Die Preise bestimmen die Mitarbeiter je nach Aussehen der Ware. Ein T-Shirt gibt es für ungefähr zwei Euro, einen Pullover für 2,50 Euro. Für Markenware verlangt Conny Ewald einen Euro Aufschlag. 

Was in die Regale kommt, entscheiden die Mitarbeiter, nachdem sie alle Waren überprüft haben. Jedes Teil müssen sie in die Hand nehmen und begutachten. Was Flecken oder Löcher hat, wird aussortiert und wandert in die Entsorgung. Wir öffnen die ersten Säcke. Ich habe einen mit tadellosen Herren-T-Shirts erwischt, Größe L. "Super!", freut sich Conny Ewald. Männersachen werden leider weniger gespendet, als Frauenkleider. Frau Ewald kennt den Grund: "Männer sortieren nicht so oft aus." 

Conny Ewald und ihre Kolleginnen prüfen die gesammelte Kleidung. Nur, was ohne Flecken und Schäden ist, kommt in den Verkauf. 
Conny Ewald und ihre Kolleginnen prüfen die gesammelte Kleidung. Nur, was ohne Flecken und Schäden ist, kommt in den Verkauf.  © Matthias Weber

Bedürftig oder nicht, darüber muss hier keiner einen Nachweis erbringen. Das auftragen, was andere schon anhatten - das wollen ohnehin nur diejenigen, die wirklich darauf angewiesen sind, ist die Erfahrung von Conny Ewald. 

Sie können zwar aus vollen Regalen wählen. Insgesamt ist der Bestand an Altkleidern aber zurückgegangen, stellt Conny Ewald fest. Noch vor Jahren seien mehr Spenden eingegangen. Ich staune, als sie das sagt. Der ganze Lagerraum liegt voll mit Säcken, die Conny Ewald und ihre Kolleginnen jetzt noch sichten und sortieren müssen. Da wartet sicher noch die eine oder andere Überraschung.

"Aber was richtig Ekliges war heute nicht dabei, da haben Sie Glück gehabt", sagt Conny Ewald mir zum Abschied. Mir reicht auch der Muskelkater vom Säckeschleppen. Außer dem Muskelkater nehme ich die Erkenntnis mit, dass die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen hier viel Aufwand betreiben, damit nicht so viel Kleidung weggeworfen wird - und manches ungeliebte Teil noch anderen im Alltag hilft. 

Im nächsten Serienteil am Mittwoch testet Gabriela Lachnit, wie stressig die Arbeit an einem Sonntag in einer Dorfgaststätte ist. 

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