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Sie helfen Flüchtlingen

Die koordinatoren Noemi Driemel und Nagy Hussein wissen, wie es sich anfühlt, in der Fremde Heimat zu finden.

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© Norbert Millauer

Von Ines Scholze-Luft

Kaum zu glauben, dass Noemi Driemel und Nagy Hussein erst seit wenigen Tagen zusammenarbeiten. Locker antworten sie auf Fragen nach der Person und ersten Eindrücken vom neuen Job. Sie lächeln hin und wieder. Hören noch etwas aufmerksamer zu, wenn sich das Gespräch besonders heiklen Themen zuwendet.

Die beiden sind seit Mitte Juni Radebeuls Flüchtlingskoordinatoren. Gewünscht waren Personen mit Migrationshintergrund und möglichst Frau und Mann. Die zwei teilen sich eine Arbeitsstelle. Es soll keinen totalen Ausfall geben, falls mal einer krank ist. Über 100 Bewerber hatten sich gemeldet. Entschieden hat sich die Stadt für die 28-jährige Schweizerin und den 44-jährigen Ägypter. Sie sollen vor allem Wohnungen finden für künftige Flüchtlinge. Etwa 170 Menschen werden zu den derzeit rund 150 noch erwartet.

Fuß gefasst in Radebeul

Das lässt sich nicht nebenbei machen, sagt Sozialamtsleiter Elmar Günther. Zumal es ja auch nicht nur um Wohnungen an sich geht. Sondern um die Fragen und Sorgen der Radebeuler, die sie trotz Verständnisses und Hilfsbereitschaft mit den wachsenden Ausländerzahlen verbinden. Noemi Driemel und Nagy Hussein haben auf der Wohnungssuche schon ganz unterschiedliche Reaktionen erlebt. Von Leuten, die helfen wollen und können, bis zu denen, die gleich sagen, dass sie nicht an Ausländer vermieten. Von großer Unterstützung bis zu schroffer Ablehnung.

Brücken schlagen, das sollen und wollen die neuen Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Und Vorbehalte abbauen. Was die bewirken, hat Nagy Hussein selbst erlebt. Nach dem Ägyptologie-Studium wird der in Luxor Geborene Ausgrabungsleiter und Fremdenführer. Bis er eine Frau aus Radebeul kennen und lieben lernt. Die seine Frau wird. Für die er die Heimat Richtung Deutschland verlässt. Gegen den Wunsch seiner Familie – von Mutter und Geschwistern. Ein Onkel hat jahrelang nicht mit ihm gesprochen. Bis er den Sohn seines Neffen kennenlernt, dann auch dessen Frau. Da ist ihm das Herz aufgegangen, sagt Nagy Hussein. Seitdem erkundigt der Onkel sich bei Telefonaten zuerst nach dem Befinden seiner Frau. Der Sohn hat die Familie wieder zusammengebracht.

Bevor sie andere Menschen nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen haben, lassen sich viele von Vorurteilen bestimmen – das hat der freundliche, hilfsbereite Mittvierziger unmissverständlich erfahren. Deshalb setzt er auf Kontakt und Verständigung. Nicht zuletzt durch den Schlüssel der Sprachen. Die Liste seines Wissens ist lang, reicht von fließend Arabisch und Deutsch bis zu Grundkenntnissen in Norwegisch und Gebärdensprache. Menschen zusammenführen will er auch mit seinem Reiseunternehmen, das er seit 2007 in Radebeul betreibt und das neben Ägypten Länder wie Marokko, Oman, Jordanien und Sudan vorstellt.

Er ist glücklich in Radebeul, so Nagy Hussein. Mit Frau und Familie. Ohne deren Hilfe und ohne die der guten Radebeuler, wie er sagt, hätte er vieles nicht geschafft. Von dem Glück will er ein Stück abgeben. Und stellt sich vor, wie es den Flüchtlingen geht, die im neuen Land nichts und niemanden kennen, die Sprache nicht beherrschen. Ein Grund für die Arbeit als Flüchtlingskoordinator und im Bündnis Buntes Radebeul, wo er schon mal dolmetscht, wenn einer der Asylsuchenden zum Arzt muss oder sonst irgendein Problem hat.

Café als Treffpunkt

Auch Noemi Driemel hat so ihre Erfahrungen mit dem Zusammenleben unterschiedlicher Nationen und Kulturen. In Basel geboren, studiert sie in Luzern und Bern Religionskulturen, als Teil der Sozialwissenschaften. Schon nach der Schule zieht es sie in die Ferne. In Peru lebt sie ein halbes Jahr bei einer Familie, ist ehrenamtlich in einem Kindergarten tätig. Und verbringt später ein Studiensemester in Istanbul. Wo sie Türkisch lernt. Für Smalltalk reicht es, sagt die junge, gelassen wirkende Dresdnerin und schmunzelt.

Was sie auch bei der Frage tut, wieso sie überhaupt hier ist. Ja, sie ist ebenfalls der Liebe wegen in Sachsen gelandet. Ihrem späteren Mann, einem Berliner, begegnet sie, als er in der Schweiz ein Praktikum absolviert. Bald gibt es gemeinsame Pläne. Und um sich auf das Leben in Deutschland vorzubereiten, macht die gebürtige Schweizerin ein Praktikum in München, bei einem Unternehmen, das interkulturelles Training organisiert. Wo Leute fürs Ausland ausgebildet werden und solche, die herkommen. Diese Arbeit hilft mir jetzt sehr, sagt Noemi Driemel.

Sicher auch beim nächsten Vorhaben der Koordinatoren. Wenn nämlich bald ein Café entsteht, wo sich Flüchtlinge und Einheimische treffen können.