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Bautzen

So revolutioniert eine Grundschule den Unterricht

In Cunewalde dauern die Schulstunden nicht mehr 45, sondern 60 Minuten. Was Schüler und Lehrer davon halten.

Die Cunewalder Grundschule hat an der Uhr gedreht: Statt 45 Minuten dauern die Unterrichtsstunden jetzt 60 Minuten. Kira (l.) und Lena finden das gut. Und nicht nur sie.
Die Cunewalder Grundschule hat an der Uhr gedreht: Statt 45 Minuten dauern die Unterrichtsstunden jetzt 60 Minuten. Kira (l.) und Lena finden das gut. Und nicht nur sie. © SZ/Uwe Soeder

Cunewalde. Wie lange dauert eine Unterrichtsstunde? 45 Minuten, sagt jeder. Schließlich ist das seit über 100 Jahren so. Laut Internet-Enzyklopädie Wikipedia wurde die von der Zeitstunde abweichende Schulstunde 1911 an preußischen Gymnasien eingeführt. Das sollte auch Schülern, die nicht in der Nähe wohnten, den Zugang zu höherer Bildung ermöglichen, ohne ins Internat ziehen zu müssen. Seitdem läuft der Unterricht in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen in diesem Takt. Jetzt wagt die Cunewalder Grundschule etwas Revolutionäres: Sie hat mit Beginn dieses Schuljahres – probeweise – die Unterrichtsstunden auf 60 Minuten verlängert.

Wie der Schultag mit den längeren Unterrichtsstunden abläuft

An der Grundschule in Cunewalde dauert jede Unterrichtsstunde nun 60 Minuten. Maximal vier Stunden hat eine Klasse am Tag. Die Hofpause wurde von 20 auf 30 Minuten verlängert. Unterrichtsbeginn ist wie bisher um 7.45 Uhr; Schluss jetzt spätestens 12.40 Uhr, statt bisher 13.10 Uhr. Eher nach Hause kommen die Schüler aber nicht, was Eltern Probleme bei der Betreuung bereiten könnte. Denn laut Schulleiter Michael Binder gibt sehr viele Nachmittags- und Ganztagsangebote und fast alle der rund 150 Schüler besuchen den Hort.

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„Die größte Herausforderung war es, alles umzurechnen“, berichtet die stellvertretende Schulleiterin Susann Lüdeke. Denn letztendlich muss sowohl die Arbeitszeit der Lehrer, als auch die Gesamtunterrichtszeit der Kinder stimmen – und der Lehrplan erfüllt werden.

Aus diesem Grund hat die Schule den Schritt gewagt

„Wir haben überlegt, was wir im Tagesablauf ändern können, um ihn besser zu gestalten“, berichtet Michael Binder. Denn die Anforderungen an die Schule würden ständig steigen, unter anderem durch das unterschiedliche Leistungsvermögen der Kinder und durch die Inklusion – das gemeinsame Lernen von Schülern mit und ohne Behinderung oder besonderen Förderbedarf. Außerdem sollen die Kinder langsam an den Doppelstunden-Unterricht herangeführt werden, der an Oberschulen und Gymnasien üblich ist. „Für Grundschüler sind Doppelstunden aber zu lang“, sagt der Schulleiter. So kam man auf die 60 Minuten. Nach einem Dreivierteljahr Vorbereitungszeit, in dem man auch den Eltern das Vorhaben erläuterte, wurde die Idee in die Tat umgesetzt – in enger und sehr guter Zusammenarbeit mit dem Hort, wie Binder betont. Das Landesamt für Schule und Bildung habe nichts gegen den Versuch einzuwenden – unter zwei Bedingungen: dass dafür nicht mehr Personal nötig ist und die Lehrpläne eingehalten werden.

Diese Bilanz ziehen die Lehrer nach den ersten Wochen

„Der Schultag ist viel ruhiger und entspannter“, schätzt Kirsten Mierwaldt ein. Schüler und Lehrer müssen nicht mehr so oft wechseln – zwischen Zimmern, zwischen Fächern. Mit Michael Binder und Susann Lüdeke ist sie sich einig, dass 45 Minuten oft zu kurz sind, vor allem in Fächern wie Sport, Werken oder Kunst. Ehe der Unterricht richtig beginnen kann, sei oft schon das Ende der Stunde in Sicht. In 60 Minuten sei alles entspannter. „Man hat jetzt maximal vier verschiedene Fächer am Tag“, nennt Susann Lüdeke ein weiteres Plus. Dass die Unterrichtsvorbereitungen bisher auf 45 Minuten ausgelegt waren, sei überhaupt kein Problem. „Wir ziehen nichts Fertiges aus dem Kasten, sondern bereiten uns auf jede Stunde individuell vor“, betont Kirsten Mierwaldt.

Das sagen die Schüler zu den längeren Unterrichtsstunden

Dass längere Unterrichtsstunden bei Schülern auf Begeisterung stoßen, sollte kaum zu erwarten sein. Doch in Cunewalde ist es so. „Wir finden die 60 Minuten viel besser, weil die Lehrer uns jetzt mehr erklären können und wir mehr Zeit zum Üben haben“, schwärmt Lena aus der 4a. Wenn mal ein Film geschaut oder ein Thema ausführlicher behandelt werde, müsse nicht zwischendurch abgebrochen werden. Kira aus der 4 b stimmt zu und fügt an: „Gut ist auch die längere Hofpause. Im Sommer haben wir mehr Zeit für Ballspiele. Und auch im Winter, wo man sich ja erst warm anziehen muss, bleibt noch genug Pause übrig.“

So geht es mit dem veränderten Unterrichtskonzept jetzt weiter

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„Wir sind die Ersten weit und breit mit dem 60-Minuten-Unterricht. Wir können nicht auf Erfahrungen anderer zurückgreifen“, sagt der Schulleiter. Seine Stellvertreterin unterstreicht: „Wir sind noch in der Probephase. Aber wir probieren nicht herum, sondern haben klare Konzepte.“ Nach einem Jahr will die Schule eine große Auswertung machen und entscheiden, wie es weitergeht. „Viele können sich aber schon jetzt schwer vorstellen, zum alten System zurückzukehren“, sagt Susann Lüdeke.

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