SZ +
Merken

Spagat zwischen Training und Schule

An Nachwuchs mangelt es der Artistikgruppe nicht. Kinder kommen bis aus dem Kreis Bautzen.Der Trainer hat aber trotzdem Sorgen.

Teilen
Folgen

Von Romy Kühr

Mist, wieder hat es nicht geklappt. Anne-Kathrin ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Sie versucht mit dem Mund eine Stoffblume aufzuheben, indem sie sich nach hinten ins Hohlkreuz beugt bis die Nase fast den Boden berührt. Die Hände müssen dabei fest am Körper bleiben und dürfen nicht zu Hilfe genommen werden. Kontorsion heißt diese Kunst des Verbiegens. Franz Eichler hat das schon vielen jungen Mädchen beigebracht – natürlich schonend, betont er. „Wir bilden keine Berufsartisten aus und wollen die Kinder auch nicht auf den Rücken kaputt machen. Es soll ein schönes Hobby bleiben.“

Eichler trainiert die Schönbacher Artistikgruppe seit 35 Jahren. Etwa zehn Kinder haben sich an diesem Nachmittag in der Schönbacher Turnhalle eingefunden, um zu trainieren: Handstand, Verbiegen, Jonglieren, Balancieren auf dem Drahtseil, Einradfahren, Balancieren auf einem großen Ball. Das alles gehört zum Repertoire der Gruppe. Mit ihren Darbietungen sind die Schönbacher Artisten über die Grenzen der Oberlausitz hinaus gefragt, Talentausscheide führten sie nach Leipzig, Süddeutschland und Österreich. Meistens sind die Artisten zu Auftritten aber in Sachsen unterwegs, denn die jungen Künstler gehen größtenteils noch zur Schule.

Auftritte in Zittau und Weißwasser standen zuletzt auf dem Programm. Jetzt ist es ruhig geworden. „Das ist ungewöhnlich dieses Jahr“, sagt Franz Eichler. „Normalerweise hatten wir in der Vorweihnachtszeit immer sehr viele Auftritte.“ So haben die jungen Artisten viel Zeit zum Üben. Patricia probt den Handstand auf einem großen Ball. das Mädchen aus Niedercunnersdorf ist seit zwei Jahren dabei. Im Kindergarten hatte sie einen Auftritt der Artistikgruppe gesehen und wollte unbedingt mitmachen. Sie fragte sich durch und landete schließlich bei Franz Eichler in Schönbach. Dass die Gruppe ein recht großes Einzugsgebiet hat, ist auch dem Engagement ihres Trainers zu verdanken. Franz Eichler bot Artistik als Ganztagsangebot in verschiedenen Schulen an, zum Beispiel an der Schkola in Ebersbach. Anne-Kathrin hat er zum Beispiel aus Weigsdorf mitgebracht.

Die 13-Jährige wohnt in Eulowitz und geht jetzt in Cunewalde in die Schule. Einmal pro Woche kommt sie mit dem Bus zum Training nach Schönbach und wird danach von ihren Eltern abgeholt. „Zuhause übe ich natürlich auch noch“, sagt sie. „Einmal in der Woche Training – das würde nicht reichen.“

Die Fahrten in die Schulen hat Trainer Franz Eichler jetzt aus Altersgründen weitestgehend eingestellt. Nur in den Grundschulen in Weigsdorf und in Beiersdorf ist er noch aktiv. „Das ist ein ziemlicher Aufwand, wenn ich an die Schulen fahre. Ich nehme in meinem Hänger sämtliche Geräte mit“, erzählt er. Das fängt bei der Drahtseilkonstruktion an und hört bei den Tischen für die Akrobatikdarbietungen auf. „Das schaffe ich nicht mehr so oft“, sagt der Trainer, der kürzlich 70 geworden ist. Deswegen macht der ehemalige Sportlehrer sich auch Sorgen um seine Nachfolge. Eine frühere Lehrerkollegin unterstützt ihn zwar. „Aber für eine Frau allein ist die Arbeit zu schwer, eben wegen der ganzen Geräte, die zu tragen und aufzubauen sind.“ Noch denkt Franz Eichler nicht ans Aufhören, ihm ist aber bewusst, dass er irgendwann einen Nachfolger finden muss.

An Nachwuchstalenten mangelt es hingegen nicht. Immer wieder finden sich talentierte Mädchen. Tatsächlich ist nur ein Junge in der Gruppe – Eichlers eigener Enkelsohn. Er fährt Einrad. In der Gruppe sind auch ältere Mädchen, die trotz Lehre und Beruf blieben – oder wiederkamen. So wie Aline, die in den alten Bundesländern lernte. Sie ist jetzt Krankenschwester, kam wieder zurück in die Oberlausitz und trainiert weiterhin mit den Schönbacher Artisten.

www.artistikshow.de