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Sprechstunde in der Kirchenscheune

Dr. Iris Lamm hat nicht nur eine Praxis in Zabeltitz, sondern auch drei Außenstellen. Die Idee ist alt, aber zukunftsträchtig.

Von Susanne Plecher

Dienstags geht Frau Doktor Lamm auf Reisen. Dann packt sie ihren Arztkoffer, nimmt zwei Laptops mit und fährt vormittags eine ihrer Arztstationen an. Am ersten Dienstag im Monat ist sie in Wildenhain, am zweiten trifft man sie in der Außenstelle in Walda, am dritten in Bauda. Am vierten Dienstag und an den Nachmittagen der vorausgehenden Dienstage macht sie Hausbesuche. Auf etwa 200 bringt sie es im Monat. Seit rund zehn Jahren tourt sie so durch die 15 ehemaligen Ortsteile der Gemeinde Zabeltitz.

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Dr. Lamms Dienstagswanderung istwichtig für die Leute auf dem Dorf. Vor allem die Alten nutzen das Angebot, lassen Blutdruck und Blutzucker messen, holen Rezepte und Überweisungen ab, lassen kleinere Wehwehchen behandeln. „Die Chirurgie mache ich hier nicht“, sagt Dr. Iris Lamm. Dafür sind die Außenstellen zu spartanisch eingerichtet. Wenn etwas Größeres anliegt, müssen die Patienten sich in die Zabeltitzer Stammpraxis begeben.

Die Arztstationen hat sie von ihrem Vorgänger Dr. Tschirge übernommen – und anfangs auch dessen Rhythmus. Er war montags, dienstags und donnerstags für je eine Stunde auf den Dörfern, immer im Wechsel. „Das hält man auf die Dauer nicht durch. Man ist immer auf der Flucht“, erinnert sich die Zabeltitzer Ärztin an ihre Anfangsjahre. Deshalb hat sie das Dienstagssystem eingeführt. Nun, mit drei Stunden vor Ort, könne man schon viel eher etwas anfangen. Die Dörfler wissen, wann Frau Doktor kommt. Wer sich behandeln lassen möchte, sitzt meist schon morgens um acht Uhr im Warteraum. Gestern haben 15 Wildenhainer den Service genutzt. Thrombosepatienten waren da, chronisch Kranke, die sich regelmäßig vorstellen müssen, einer kam mit Bauchschmerzen. Allen konnten Dr. Lamm und ihre Sprechstundenhilfe Romy Zech helfen, auch wenn die logistische Herausforderung nicht zu unterschätzen ist. „Man muss seine Gedanken zusammennehmen“, sagt die Ärztin. Zwar habe sie an allen Stützpunkten eine Grundausstattung, aber manches muss mit ihr wandern – und im Zweifelsfall vom Patienten telefonisch vorbestellt werden. Impfseren zum Beispiel.

Die Idee der dezentralen Patientenbetreuung ist alles andere als neu. Aber, um die Versorgung der Landbevölkerung zu gewährleisten, wird sie auch in Zukunft gebraucht werden. Wahrscheinlich mehr denn je. In strukturärmeren Gegenden gibt es bereits jetzt die Gemeindeschwester wieder. In Mecklenburg-Vorpommern läuft das Modell unter dem Namen Agnes gar schon seit 2005, Brandenburg ist 2006 eingestiegen. Zwar erinnert der Name an die beliebte DDR-Fernsehserie mit Agnes Kraus, die auf ihrer Schwalbe von einem Dorf zum nächsten fuhr, um medizinische und andere Problemfälle zu lösen. Aber eigentlich steht er für „arztentlastende, gemeindenahe, E-Health-gestützte, systemische Intervention“. Eine Agnes ist eine speziell qualifizierte Arzthelferin, die „Hausbesuche“ bei Patienten macht und dort ärztliche Routinearbeiten, wie das Messen von Puls und Blutdruck, Blutabnahme oder die Kontrolle der Arzneimittel durchführt. „Bei uns heißt die Agnes Vera“, sagt Frau Dr. Lamm. Eine Vera hätte sie auch gern. Die soll ihr künftig einen Teil der Hausbesuche abnehmen. Sie hat bereits eine ausgebildet, die derzeit aber im Babyjahr ist. Es soll nicht bei der Einen bleiben. „Ich finde es gut, wenn die Schwestern eine bessere Ausbildung bekommen. Arzthelferinnen sind oft zu einseitig ausgebildet“, sagt die Allgemeinmedizinerin.

Den Dienstagsservice will die 53-Jährige für ihre Patienten aufrecht erhalten, auch wenn es ihr von Jahr zu Jahr schwerer fällt. „Es wird immer komplizierter. Die Anforderungen an die Hygiene, die baulichen Gegebenheiten und die technische Ausstattung steigen“, sagt sie. In Wildenhain sind die inzwischen sehr gut. Denn, seit die Kirchenscheune vor knapp einem Jahr eingeweiht wurde, konnte auch die Arztstation aus dem alten, feuchten Gebäude in helle, topsanierte Räume umziehen. Die teilt sich Frau Dr. Lamm mit Dr. Ekkehard Mrosk und der Riesaer Fußpflegerin Frau Lange.

„Etwas Besseres als die Kirchenscheune und die neue Arztstation hätte uns nicht passieren können. Wir sind sehr froh, dass wir sie haben“, sagt die Wildenhainerin Erika Schulz. Sie dürfte mit ihrer Meinung nicht alleine dastehen.