merken
PLUS Dresden

"Es fühlt sich an, als gäbe es mich nicht"

Von Geburt an findet sich Moussa Mbarek in keinem Melderegister seines Landes. Dort leben Tuareg unsicher und ohne Rechte. Der Staatenlose hofft auf Heimat.

Wie es sich anfühlt, durch keinen Staat geschützt und nirgends willkommen zu sein, weiß Moussa Mbarek nur zu gut.
Wie es sich anfühlt, durch keinen Staat geschützt und nirgends willkommen zu sein, weiß Moussa Mbarek nur zu gut. © Sven Ellger

Dresden. Hätte Moussa Mbarek eine Personalausweisnummer, dann könnte er sie wohl im Schlaf hersagen. Die wenigsten Menschen haben im Kopf, was auf ihren Dokumenten steht. Dabei ist diese Zahlen- und Buchstabenkombination der untrügliche Beweis dafür, dass ein Mensch auf der Welt ist und wohin er gehört.

"Es fühlt sich an, als gäbe es mich nicht", sagt Moussa Mbarek. Der Sonnenhut auf seinem Kopf, das schwarze, im Nacken gebundene Haar, die dunkle Brille. Alles real. Doch für den 35-Jährigen gibt es diesen entscheidenden Code nicht. Er hat ihn nie besessen. Er nicht und seine Eltern und Großeltern nicht. Keinen Ausweis, kein Familienbuch, wie wir es kennen, keine Identifikationsnummer. Moussa ist staatenlos.

Anzeige
Große Jobbörse am 10. Oktober
Große Jobbörse am 10. Oktober

Auch im nächsten Jahr bleiben die Dresdner Verkehrsbetriebe ihrem guten Ruf als verlässliche Ausbildungsstätte und sicherer Arbeitgeber treu.

Im Dezember 2015 ist er in Libyen mit 500 anderen Frauen und Männern in ein Boot gestiegen und hat nach Tagen Lampedusa erreicht. Jene italienische Insel, deren Name inzwischen traurig bekannt ist als der Schicksalsort Tausender geflüchteter Nordafrikaner. Von dort aus geht es weiter zum Festland. Noch werden nicht alle Ankommenden sofort registriert. Moussa erhält ein Schreiben mit der Anweisung, innerhalb von 14 Tagen Italien zu verlassen und sich in Deutschland zu melden. 

Leere Versprechungen

"Ich bin in Ubari, im Süden Libyens, als Sohn einer Tuaregfamilie geboren", erzählt Moussa Mbarek. Ubari ist ein Oasengebiet in der Sahara, die nächste größere Stadt hat 40.000 Einwohner. Jahrhundertelang hat das Nomadenvolk der Tuareg in diesem Gebiet des heutigen Libyes gelebt, ohne die bürokratische Notwendigkeit, registriert und einem Staat zugeordnet zu sein. Erst als Italien Libyen als Kolonie aufgab und das Land 1951 eigenständig wurde, begann das damalige Königreich, seine Bevölkerung zu registrieren. Die spätere Arabische Republik Libyen vergab Staatsbürgerschaften - nicht aber an die Tuareg. Versprochen haben über die Jahrzehnte verschiedene Herrscher immer wieder, auch sie als Bürger anzuerkennen. Doch bis heute leben die Tuareg ohne Pass, ohne Anspruch auf Schulbildung, ohne Wahlrecht. 

"Wir werden in keinem Melderegister geführt, dürfen nicht studieren, kein Bankkonto eröffnen, keinen Arbeitsvertrag abschließen", schildert Moussa. Als Heranwachsender begann er in einer Autowerkstatt als Mechanikergehilfe zu arbeiten. Moussa übernahm immer qualifiziertere Aufgaben. "Am Ende war ich als Lagerist beschäftigt." Ohne Vertrag.

Das klingt nach einem kleinen Leben, in dem es sich dennoch einrichten lässt. Doch die Staatenlosen im eigenen Land stießen mit der Zuspitzung des politischen Chaos, das in Libyen bis heute herrscht, auf immer stärkere Repressalien. "Egal, wohin ich wollte, ständig stand ich vor einem Grenzposten, den irgendwelche Milizen errichtet hatten und war auf die Gunst der Machthaber dort angewiesen, um weiterzukommen", erzählt Moussa Mbarek. 

Früher habe sich sein Volk zumindest im Süden des Landes frei bewegen können. Jeder wusste, dass Tuareg keine Papiere besitzen. Nun sind sie rechtlos wie nie zuvor. "Wir existieren überhaupt nicht", sagt Moussa, der zwei Monate lang willkürlich im Gefängnis verbrachte. Unter der Herrschaft des Diktators Muammar al-Gaddafi waren viele junge Tuareg, die keine Chance auf Schulbildung, Studium und Arbeit hatten, fürs Militär rekrutiert worden. Heute werden sie dafür angefeindet. 

Zwischen Kunst und Gräbern

In der Hoffnung, in Europa frei und sicher leben zu können, ist Moussa schließlich aufgebrochen. Seit fünf Jahren lebt er nun in Deutschland, noch immer als Staatenloser und deshalb nur geduldet. Alle halben Jahre muss er die Duldung von der Ausländerbehörde erneut bestätigen lassen. Ob Moussa jemals nach Libyen abgeschoben werden könnte, ist fraglich. Offiziell ist er kein libyscher Bürger.

Als Flüchtling anerkannt ist er in Deutschland jedoch auch nicht. "Ich bekomme keine Arbeitsgenehmigung und muss mir jedes Praktikum, das ich mache, genehmigen lassen", sagt er. Mit reichlich 300 Euro Sozialhilfe lebt er in Wohngemeinschaft mit drei jungen Männern in einer Zweiraumwohnung des Sozialamtes. Zum Ausgleich ist er zu täglich fünf Stunden Arbeit auf einem Dresdner Friedhof verpflichtet und erhält dafür 85 Cent pro Stunde.

Wenn Moussa nicht Gräber und Grünanlagen pflegt oder Müll beräumt, malt er daheim oder fertigt in der Grafikwerkstatt der Kunstsammlungen Drucke an. Ein Jahr lang war er Gasthörer an der Dresdner Kunsthochschule, Kinder und Lehrer der Montessorischule lieben ihn für seine Zeichen- und Kochkurse. Mit seinem Sprachzertifikat B2 erfüllt er die Voraussetzung, hier zu studieren oder einen Beruf zu lernen. Doch ohne Pass bleibt Moussad bestenfalls geduldet - ohne Chance auf Studium oder Arbeit, genau wie in Libyen.

Ohne Alternative

In den nächsten Tagen werden Unterstützer, die ihn schon lange begleiten, seine Situation der Härtefallkommission des Freistaates Sachsen schildern. Sie "kann bewirken, dass vollziehbar ausreisepflichtigen Ausländern aus dringenden humanitären oder persönlichen Gründen eine Aufenthaltserlaubnis erteilt wird", heißt es offiziell. 

Rund 800 Unterschriften sind für Moussa Mbarek zusammengekommen. Zahlreiche Vereine der Flüchtlingshilfe, Kunst- und Kulturvereine, die Hochschule für Bildende Künste sowie die Grafikwerkstatt Dresden setzen sich in ihren Schreiben an die Kommission für sein Bleiberecht ein. Diese Empfehlung zumindest soll das Gremium dem sächsischen Innenministerium geben.

Es wäre die Chance, die Moussa 30 Jahre seines Lebens nicht hatte und auf die er seit fünf Jahren wartet. Es wäre die Ankunft in der Zukunft, auf die er hofft. Eine Alternative dafür gibt es nicht. 

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden