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Stolperstein für verfolgten Pfarrer

Erzpriester Benno Scholze wurde von den Nazis in das KZ Dachau verschleppt. Er überlebte. Jetzt wird er mit einem Stein geehrt.

© Marko Förster

Von Dirk Schulze

Der Pirnaer Pfarrer Benno Scholze lag mit einer Lungenentzündung im Bett, als die Gestapo kam. Es war die Krankheit, die ihm im Dezember 1940 sein vorerst letztes Weihnachtsfest in Freiheit verschaffte. Kurze Zeit später, am 15. Januar 1941, wurde er verhaftet und ins Polizeigefängnis Dresden eingeliefert. Am 4. April des Jahres brachten die Nazis den Pfarrer ins Konzentrationslager Dachau. Der Vorwurf: Er sei ein „des Hochverrats verdächtiger Staatsfeind“. Der gebürtige Sorbe hatte polnische Saisonarbeiter und Kriegsgefangene seelsorgerisch betreut und sich in seinen Predigten gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen. Er blieb bis zur Befreiung des Lagers am 29. April 1945 im sogenannten Priester- oder Pfarrerblock des KZs interniert, in dem das NS-Regime alle Geistlichen zusammengelegt hatte.

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Seit Freitagmorgen erinnert eine zehn mal zehn Zentimeter große Messingplatte vor der Kirche St. Kunigunde an den verfolgten Pfarrer. Die Gedenkplatte befindet sich auf einem Betonwürfel, den Künstler Gunter Demnig gestern eigenhändig in das rote Pflaster des Kirchvorplatzes einsetzte. Als Stolperstein soll das Messingquadrat nun jeden, der die Kirche betritt oder auf der Dr.-Wilhelm-Külz-Straße an ihr vorübergeht, an die Geschichte von Erzpriester Benno Scholze erinnern.

Die Stolpersteine sind ein Kunstprojekt, das Demnig seit vielen Jahren verfolgt. Sie sollen die Erinnerung an die Verfolgten, Vertriebenen und Vernichteten des Nazi-Regimes am Leben erhalten. Demnig setzt diese Gedenktafeln stets vor dem letzten selbstgewählten Wohnort der Opfer ins Trottoir. Mittlerweile sind über 42 000 dieser Steine in ganz Europa verlegt. Sie markieren von Norwegen bis Rom und von der Atlantikküste bis hinter Moskau die Wohnhäuser von Menschen, die dem Terror der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Für Pirna ist es der erste Stolperstein.

„Eine Zahl, wie die der 6 Millionen ermordeten Juden, bleibt immer abstrakt“, erklärte Demnig bei der Verlegung am Freitag. Doch mit den Steinen kämen die Namen der Menschen dahin zurück, wo diese einst lebten. „Es waren unsere Nachbarn.“ Ihre Angehörigen leben heute über alle Kontinente verstreut. Über die Stolpersteine hätten sich schon Familienstränge zusammengefunden, die nichts mehr voneinander wussten.

Den ersten Stein hat Demnig 1997 noch ohne Genehmigung in Berlin Kreuzberg verlegt. Inzwischen hat er für seine Arbeit zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Bis zum Mai 2014 ist er ausgebucht. Die Messingoberfläche der Steine ist ganz bewusst gewählt. Durch das Darüberlaufen wird sie blank poliert. Wer sich nach unten beugt, um die Inschrift im Pflaster zu lesen, macht automatisch eine Verbeugung vor dem jeweiligen Opfer.

Benno Scholze überlebte die Hölle von Dachau. Noch im Sommer 1945 nahm er seine seelsorgerische Tätigkeit in Pirna wieder auf, wo er auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand 1966 lebte. Er verstarb 1968 und wurde hier beerdigt. Ältere Gemeindemitglieder kennen ihn noch von der eigenen Firmung oder Trauung, erzählt sein Amtsnachfolger Norbert Büchner, der heutige Pfarrer. Er hat die Verlegung des Stolpersteins initiiert, da Scholze vor 75 Jahren nach Pirna kam und vor 45 Jahren starb. Der Gemeinde hinterließ Scholze einen Kelch, den er zu seinem 50-jährigen Priesterjubiläum geschenkt bekam. Er ist bis heute in der Klosterkirche in Gebrauch.