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Süßes für Zappelige

Hyperaktive Kinder essen häufiger Schokolade. Warum und was das bedeutet, wollen Dresdner Forscher klären.

Warum essen ADHS-Kinder häufiger Schokolade? Brauchen sie mehr Belohnung?
Warum essen ADHS-Kinder häufiger Schokolade? Brauchen sie mehr Belohnung? © icture alliance/Westend61

Von Jana Mundus

Eigentlich war es ein Weihnachtsgeschenk. Eigentlich entstand es nur, weil Heinrich Hoffmann in Geschäften nichts Passendes für seinen Sohn gefunden hatte. Also kaufte der Frankfurter Arzt im Jahr 1844 ein Schreibheft und füllte es mit Reimen und Zeichnungen. Der Sohnemann freute sich. Für Psychologen und Mediziner ist Hoffmanns Buch „Der Struwwelpeter“ bis heute Thema. Beschrieb der Arzt vor 170 Jahren etwa erstmals Symptome der sogenannten Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS? Der Zappelphilipp, der böse Friederich und der Hans Guck-in-die-Luft stünden für motorische Unruhe, die Impulsivität und die Unaufmerksamkeit, die bei ADHS beschrieben werden, sagen Experten. Über kaum eine andere Störung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie wird heute so oft diskutiert wie über ADHS. Wahrscheinlich auch, weil immer noch nicht klar ist, warum sie entsteht. Der Dresdner Arzt Veit Roessner und seine Kollegen erforschen ADHS. Jetzt sind sie auf ein interessantes Detail gestoßen.

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Das Neue hat mit Süßem zu tun. Erstmals schauten sich die Dresdner Wissenschaftler den Konsum von Süßigkeiten bei ADHS-Kindern an. Datengrundlage war die Kiggs-Studie des Robert-Koch-Instituts, eine Langzeitstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. „Das Problem bei der Erforschung von ADHS ist auch, dass wir für belastbare Aussagen große Stichproben brauchen“, erklärt Veit Roessner. Über die Studie, an der Tausende Kinder und Jugendliche teilnahmen, ist genau das möglich. Daten von fast 1 200 Kindern mit diagnostizierter ADHS standen somit zur Verfügung.

Sehr unterschiedliche Ansichten

Zu den Gründen für ADHS gibt es in der Medizinwelt unterschiedliche Ansichten. Klassische Lehrmeinung ist, dass es sich um eine Stoffwechselstörung im Gehirn handelt. Sie betrifft genau die Bereiche, die für Aufmerksamkeitskontrolle und Impulssteuerung wichtig sind. Aufnahmen des Frontalhirns von Betroffenen zeigten, dass diese Regionen weniger stark ausgeprägt sind als bei Menschen ohne ADHS.

Es gibt Kritik an diesen Ergebnissen. Es ließe sich nicht genau sagen, ob diese Veränderungen Ursache oder Folge von ADHS sind, sagen Gegner der Theorie. So könnten die Veränderungen auch Folge davon sein, dass mit ADHS-Kindern anders umgegangen wird und sich ihr Gehirn dadurch anders entwickelt. Manche Psychoanalytiker vertreten die Meinung, ADHS habe es in der Evolution des Menschen schon immer gegeben. An bestimmten Punkten der Menschheitsgeschichte sei ihre Impulsivität, die sich auch in mutigem Verhalten äußert, sogar positiv gewesen, weil sie sich Neues zutrauten. Doch in einer Gesellschaft, in der Menschen funktionieren müssen, sei dafür kein Platz mehr.

Somit ist klar: Das Interesse an der Erforschung von ADHS ist groß. Die neuen Ergebnisse aus Dresden wurden in der Fachwelt sehr beachtet. „Wir konnten erstmals zeigen, dass ADHS-Kinder häufiger Süßigkeiten essen als Kinder ohne ADHS“, erklärt Veit Rössner. Seit 2009 ist er Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden.

Sind ADHS-Kinder geschickter?

Die Hintergründe für die Ergebnisse sollen weiter erforscht werden. So wäre es zum einen möglich, dass Eltern betroffener Kinder häufiger zu Schokolade und Gummibärchen greifen, um den Nachwuchs zu belohnen. „Andererseits könnte es auch sein, dass ADHS-Kinder einfach geschickter darin sind, sich Süßigkeiten zu besorgen. Doch das wissen wir noch nicht“, macht Roessner deutlich. Ebenso muss noch erforscht werden, welchen Einfluss Schokolade und Co. auf Betroffene haben. Hat der Konsum von Süßem beispielsweise positive Effekte auf das Verhalten? Schließlich führt das Naschen zur Ausschüttung von Glückshormonen im Körper. Was passiert auf der anderen Seite, wenn der Konsum reduziert wird? „Wir würden diese Fragen gern in einer weiteren Studie klären.“ Eine Sache haben sich die Dresdner schon im Datenmaterial angeschaut. Übergewichtig sind ADHS-Kinder durch das häufige Essen von Süßigkeiten nicht. Da in der Kiggs-Studie auch der Body-Mass-Index angegeben wird, konnte bewiesen werden, dass die Teilnehmer mit diagnostizierter ADHS keine Gewichtsprobleme haben. Auch das ist laut Roessner eine interessante Entdeckung. „Es könnte vermutet werden, dass durch die Hyperaktivität Süßigkeiten vom Körper besser verarbeitet werden.“

Das Engagement der Wissenschaftler zeigt deutlicht, dass ADHS keine Modekrankheit ist. Auch keine schnelle Diagnose für schwierige Fälle. Rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen weltweit sind nach Schätzungen betroffen. Es ist eine Störung, die zu großem Leid führen, die Menschen zu Außenseitern machen kann. Etwas, das viele Eltern in Sorge versetzt. Vor allem dann, wenn sie entscheiden sollen, ob ihr Kind mit Methylphenidat behandelt werden soll, einem Medikament, das es ihnen leichter macht, sich zu konzentrieren.

Vielleicht hat Heinrich Hoffmann im Struwwelpeter auch seine eigene Kindheit verarbeitet. In der Schulzeit galt er als schwieriger Charakter, war vergesslich und sehr aktiv. Sein Vater schrieb ihm einen Brief, da war Hoffmann gerade 14 Jahre alt. Er ermahnte ihn „zur Ordnung, zum geregelten Fleiß, zur vernünftigen Einteilung seiner Zeit zurückzukehren, damit er ein nützliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft werde“. 170 Jahre später sind es ähnliche Anforderungen, die es ADHS-Kindern und ihren Familien schwer machen.