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Tanneberger Loch geschluckt

Im Winter glatt, bei Regen schmierig, bei Nebel eine einzige Waschküche und dazu sechsprozentige Steigungen, an denen sich endlose Lkw-Schlangen hinaufquälen – das Tanneberger Loch zwischen Wilsdruff...

Von Udo Lemke

Im Winter glatt, bei Regen schmierig, bei Nebel eine einzige Waschküche und dazu sechsprozentige Steigungen, an denen sich endlose Lkw-Schlangen hinaufquälen – das Tanneberger Loch zwischen Wilsdruff und Nossen war der gefürchtetste Abschnitt an der A 4. Dauerstaus und unzählige Unfälle, darunter nicht wenige tödliche, lehrten die Autofahrer das Fürchten. Das Tanneberger Loch schluckte nicht nur Werte, sondern auch Leben. Nun wird es selbst geschluckt. Die Natur holt sich die einstige Betonpiste Stück für Stück zurück.

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1999 wurde über dem Tal der Triebisch die neue sechsspurige A 4 mit drei Großbrücken übergeben, 130 Millionen Mark kosteten die acht Kilometer. Für Rückbau und Renaturierung der fünf Kilometer Trasse unten im Tal waren fünf Millionen Mark nötig. „Der gesamte Betonaufbruch ist in die neue Autobahn eingebaut worden“, erklärt Kurt Dölle von der zuständigen Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges). Zum Vergleich: Den alten Beton aufgeschichtet, hätte man eine Säule von einem Quadratmeter Grundfläche, die 45 Kilometer in den Himmel ragen würde.

Lärmbelästigung durch die neue Trasse

Zur Renaturierung gehörte, dass die Triebisch, der Tännichtbach und zwei andere Wasserläufe aus ihren Betonkästen befreit, alter Boden abgetragen, neuer aufgeschüttet, Gras gesät und insgesamt 70 000 Sträucher und Bäume gepflanzt wurden. Im Jahr 2000 war alles fertig. „Es ist ein Landschaftsmosaik entstanden, das sich dem umgebenden Schutzgebiet anpasst“, meint Deges-Landschaftsplanerin Karin Wolfram.

Die Befürchtung, dass die Ebereschen und Eichen, die Buchen und Linden, die Haselsträucher und Wildrosen auf dem verdichteten Boden nicht anwachsen würden, habe sich nicht bewahrheitet. Vor Ort bietet sich allerdings ein anderes Bild. Auf einigen Flächen ist jeder dritte Setzling vertrocknet. Da werde man eben nachpflanzen, wischt Wolfram Bedenken vom Tisch.

Dennoch – es wird Jahrzehnte dauern, bis die Schneise der 1934 errichteten Autobahn im Tanneberger Loch vollkommen verschwunden sein wird. Aber schon jetzt werden die Wanderwege wieder genutzt: „Am Wochenende ist hier Betrieb“, sagt Gudrun Poppe, die im benachbarten Tanneberg wohnt. Auch sie hat das liebliche Triebisch-Tal wieder für Spaziergänge entdeckt. Dennoch wünscht sie sich manchmal die alte Trasse dorthin zurück: „Wenn der Wind ungünstig steht, hört man den Autobahnlärm bis in den Ort, das ist belastend.“

Das bestätigt Herrmann Beyer, Bürgermeister der Gemeinde Triebischtal. Zwar sei die neue Autobahn nach den geltenden Umweltschutzstandards gebaut worden, dennoch hätten neben Tanneberg insbesondere die Ortsteile Groitzsch und Rothschönberg unter der Lärmbelastung zu leiden. Besonders schlimm sei es, wenn sich in der Nacht von Sonntag zu Montag die Pendlerkolonnen gen Westen in Bewegung setzten, und der Bürgermeister gesteht: „Da möchte ich nicht wohnen.“