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Pirna

Tausend Hände gegen den Industriepark

Fast 600 Demonstranten fordern einen Planungsstopp für das Gewerbegebiet am Pirnaer Feistenberg – aus mehreren Gründen.

Menschenkette gegen den geplanten Industriepark Oberelbe (IPO) am 1. Mai auf dem Feistenberg: Mit dem Gewerbegebiet wird wertvolles Ackerland zubetoniert.
Menschenkette gegen den geplanten Industriepark Oberelbe (IPO) am 1. Mai auf dem Feistenberg: Mit dem Gewerbegebiet wird wertvolles Ackerland zubetoniert. © Norbert Millauer

Ingo Düring hat sich eine leuchtend rote Warnweste übergestreift, dann greift er zum Megafon, mit verstärkter Stimme ruft er in die Menge: „In drei Minuten marschieren wir los.“

Vor ihm stehen etwa 60 Menschen, kurz vor um zehn am 1. Mai. Es sind betroffene Anwohner, Christen aus der evangelischen Kirchgemeinde Pirna, Umweltschützer, Vertreter von Parteien, sogar Mitarbeiter aus dem Pirnaer Rathaus. Gemeinsam haben sie Großes vor an diesem Feiertag. „Je mehr man sich in das Thema vertieft, desto mehr Abgründe tun sich auf“, sagt einer der Wartenden.

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Das Thema ist der Industriepark Oberelbe (IPO). Die Städte Pirna, Heidenau und Dohna planen ein gigantisches Gewerbegebiet am Feistenberg entlang des Pirnaer Autobahnzubringers. Eine Fläche von 140 Hektar ist für Industrieansiedlungen vorgesehen, 80 Prozent davon dürfen überbaut werden, hinzu kommen noch einmal 130 Hektar Ausgleichsflächen. Bei vielen allerdings stößt das Großprojekt nicht gerade auf Gegenliebe, auch bei Düring nicht.

Ingo Düring, der in Krebs wohnt, ist Mitinitiator der Dohnaer Initiative „Bürgerbegehren IPO am Feistenberg“. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern Nora Jacob und Adrienne Leonhard sowie dem BUND und der Nabu-Regionalgruppe „Oberes Elbtal“ haben sie als „Bürgervereinigung Dohna“ Menschen aufgerufen, am 1. Mai eine große Menschenkette zu bilden – als ein sichtbares Zeichen gegen den Industriepark. Es soll ein breites Bündnis werden. Jeder, der gegen den IPO ist, soll sich in die Menschenkette einreihen.

10 Uhr gibt Düring den Startschuss, der Pirnaer Tross setzt sich in Bewegung, es geht den Mittelweg hinauf, über den Feistenberg bis zur Straße nach Krebs. Oben auf den Feldern steht der Raps in gelber Blüte, an anderen Stellen keimt die erste Saat. „Hier wächst unsere Nahrung. Und mit dem Gewerbepark soll das alles zubetoniert werden“, sagt IPO-Kritiker Alf Wild aus Pirna erbost. Nach und nach stoßen mehr Menschen aus Pirna zum Demonstrationszug, es sind etwa 120.

An der Stelle, wo der Weg auf die Straße nach Krebs trifft, macht die Kolonne halt. Aus Richtung Großsedlitz, dem zweiten Startpunkt für die Demo, wogt den Pirnaern eine lange Menschenschlange entgegen, über 400 sind es. Düring steht währenddessen auf einem kleinen Hügel am Feldrain und dirigiert die Ankommenden. „Noch fünf Minuten bis zur Menschenkette“, ruft er in sein Megafon. Die Leute formieren sich langsam, manche haben Plakate mitgebracht, Sprüche wie „Ackerland in Bauernhand“, Kein IPO – Industriebrachen nutzen“ oder „Herr Opitz, Herr Müller, Herr Hanke – zum IPO sagen wir nein danke“ sind darauf zu lesen. Bis alle richtig stehen, spielt der Posaunenchor der evangelischen Kirchgemeinde Pirna, mitten in den gerade einsetzenden Regen hinein. Stören lässt sich von dem Guss niemand. „Jetzt bitte alle anfassen“, ruft Düring durch den Lautsprecher, über 1 000 Hände greifen zu. Kurz vor elf ist die Menschenkette komplett, minutenlang stehen sie so. „Das ist doch mal ein guter Anfang“, sagt Düring. Und es ist noch nicht zu Ende.

Nachdem sich das Menschenband aufgelöst hat, setzt sich der Tross in Richtung Krebs in Bewegung. Auf dem Sportplatz ist noch eine Abschlusskundgebung geplant. Die Dohnaer Bürgerinitiative, die das Bürgerbegehren zum IPO initiiert, hat einen Stand aufgebaut. Die Menschen stehen Schlange, um auf den Listen zu unterschreiben.

Düring ist inzwischen auf die Ladefläche eines kleinen Transporters geklettert, das Megafon hat er gegen ein Mikrofon getauscht. „Eure zahlreiche Unterstützung für die Menschenkette zeigt, dass wir weder wenige noch frustriert sind. Wir sind engagiert, und wir sind viele“, ruft er den Zuhörern zu.

Stellvertretend für die anderen Redner fasst Düring dann noch einmal die Kritikpunkte zusammen. Die IPO-Gegner befürchten, dass sich das Klima verschlechtert, weil Kaltluftschneisen verschwinden, dass die Hochwassergefahr bei Starkregen aufgrund der Versiegelung steigt, dass Lebensraum für Tiere zerstört wird und wertvolles Ackerland verloren geht, dass die Licht- und Lärmverschmutzung die Lebensqualität bedroht sowie dass das Landschaftsbild stark beeinträchtigt wird.

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Die IPO-Gegner fordern daher, die Planungen auf dem Gebiet des Feistenberges zu stoppen, stattdessen Alternativstandorte volkswirtschaftlich zu bewerten, festgelegte und teilweise schon erschlossene Vorranggebiete zu nutzen sowie Industriebrachen zu revitalisieren. Falls das alles nicht fruchten sollte, planen die Grünen schon den nächsten Schritt: Gemeinsam mit dem BUND-Landesverband Sachsen sammeln sie Spenden, um später möglicherweise gegen den IPO klagen zu können. Es gibt viel Applaus. „Ich bin stolz und froh“, sagt Düring, „dass wir mit der Menschenkette ein starkes Zeichen gegen den auf der grünen Wiese geplanten IPO setzen konnten.“