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Warum der Taxi-Ruf oft ungehört bleibt

Ingrid Weidner aus Lückendorf will einfach nur vom Bahnhof nach Hause. Doch der Taxi-Service lohnt sich schon lange nicht mehr - wegen des Mindestlohns.

Die Lückendorfer Rentnerin Ingrid Weidner ist sehr reiselustig. Doch die letzte Meile der Heimreise ist mitunter beschwerlich.
Die Lückendorfer Rentnerin Ingrid Weidner ist sehr reiselustig. Doch die letzte Meile der Heimreise ist mitunter beschwerlich. ©  Rafael Sampedro

Die Rentnerin Ingrid Weidner liebt ihre Lückendorfer Heimat im Zittauer Gebirge. Aber vom Rest der Welt möchte die reiselustige 82-Jährige ab und an auch etwas sehen. Gerade schwärmt sie noch von ihrer jüngsten Wochenend-Tour mit einer Busreisegruppe nach Wien. Dieses Konzert von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" im Stephansdom. Und überhaupt das Mozart-Flair und die Kultur der Stadt. Bloß wenn sie an die letzten Kilometer ihrer Heimreise denkt - da hört die Schwärmerei auf.

Gegen 21 Uhr am ersten Julisonntag sei der Bus wieder zurück am Zittauer Bahnhof gewesen. "Der Busfahrer hat schon von unterwegs versucht, Taxis zu organisieren, damit die Mitreisenden von dort heim kommen", erzählt Ingrid Weidner. Am Bahnhof wartete dann genau ein Fahrzeug - wenigstens ein Großraumtaxi für sechs Personen. "Wir mussten dann erst mal eine Stadtrundfahrt durch Zittau machen, bis ich zu zuletzt abgesetzt wurde", erzählt die Rentnerin. So ein Sammeltaxi ist zwar umweltfreundlich - aber eben auch ein bisschen lästig. Gerne hätte Ingrid Weidner schon lange vorher ein Taxi an den Bahnhof bestellt. Bei einer stundenlangen Busreise könne sie aber schließlich nicht genau wissen, wann der ankommt. "Früher standen bis zum letzten Zug aus Dresden immer Taxis am Zittauer Bahnhof", sagt sie.

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Tja, früher. Fälle wie der von Ingrid Weidner und ihren Mitreisenden offenbaren eine mittlerweile typische Taxi-Situation im ländlichen Raum. An einem Bahnhof spontan ein Taxi zu bekommen - dazu noch am Wochenende und zu später Stunde: nahezu unmöglich. Denn Kunden, die für die letzte Meile ihrer Reise ein Taxi benötigen, sind für die hiesigen Taxiunternehmer gewissermaßen nur Beifang. Den überwiegenden Teil ihres Geschäfts machen die Unternehmen mit bestellten Kranken-, Kurier- oder Zubringer-Fahrten. "Was wir über den Taxiruf der Genossenschaft vermitteln, ist nur ein Zubrot", heißt es dazu auf SZ-Anfrage von der Löbauer Taxi-Genossenschaft.

Ein Löbauer Taxiunternehmer gibt dazu den ultimativen Ratschlag: "Auf der sicheren Seite ist man, wenn man vorbestellt", sagt er - und das möglichst frühzeitig. Für Sonntagabend zum Beispiel idealerweise an einem Werktag. Der Unternehmer beschreibt, dass er und viele Kollegen schon oft hätten draufzahlen müssen. "Da lassen sich zum Beispiel Kunden zu einer Party bringen und rufen dann nachts an, weil sie nach Hause wollen. Wenn das Taxi dann kommt, ist der Kunde oft schon weg - ist halt dann doch noch mit irgendeinem Bekannten gefahren", beschreibt der Unternehmer das Problem. "Wir sind in einer strukturschwachen Region, wo sich die Leute selbst helfen", erklärt er weiter. Wo keine - oder keine genügende Nachfrage herrsche, bestehe eben auch kein Angebot, beschreibt der Unternehmer das einfache wirtschaftliche Prinzip. Die spontane Nachfrage nach Taxis etwa am Bahnhof sei einfach zu gering. Es lohne sich nicht, sich am Bahnhof zu postieren in der Hoffnung, dass einer der Fahrgäste ein Taxi möchte.

Auch dafür, dass es gerade an Wochenenden zu später Stunde nahezu unmöglich sei, ein Taxi zu bekommen, hat der Unternehmer eine schlüssige Erklärung. "Das Nachtgeschäft an Wochenenden ist komplett zusammengebrochen", sagt er. Die Taxizentralen seien deshalb zu später Stunde oft gar nicht mehr besetzt. Früher habe es zum Beispiel noch Discos oder andere Nachtlokale gegeben, deren Gäste zu später Stunde wieder heim in die umliegenden Orte wollten. Doch die Zeit der Discos ist vorbei. Deshalb seien Taxiunternehmer gezwungen, ihr Geschäft umzustellen, so der Unternehmer. Taxis sind in der Anschaffung ein teures Investitionsgut und auch die Lohnkosten für die Fahrer muss ein Unternehmer aufbringen. "Mit bestellten Kranken- oder Zubringer-Fahrten können wir den Einsatz der Fahrzeuge planen", sagt der Unternehmer. Auch bei der Zittauer Taxi-Zentrale teilt man auf SZ-Anfrage die Einschätzung des Löbauer Unternehmers.

Die von dem Taxi-Unternehmer erwähnten Zubringer-Fahrten erfolgen oft im Auftrag von Reisebüros - etwa zum Dresdner Flughafen. Auf diesen bequemen Service setzt jetzt auch die Lückendorfer Rentnerin Ingrid Weidner: "Ich fahre demnächst mit dem Bus für ein Wochenende nach Bayern in die Lechtaler Alpen. Da gehört ein Taxi-Transfer zum Bus dazu."

Das Problem, ein Taxi zu bekommen, ist beim Landkreis bekannt - und auch der Grund dafür. "Mit Einführung des Mindestlohnes im Taxengewerbe im Jahr 2015 hat sich die Situation auch im Landkreis Görlitz verschärft", teilt Kreis-Pressesprecherin Julia Bjar auf SZ-anfrage mit. Es könne sich kein Taxiunternehmen leisten, 24 Stunden sein Fahrzeug vorzuhalten, denn Standzeiten von Taxifahrern, die auf Fahrgäste warten, sind Bereitschaftszeiten und somit vom Arbeitgeber mit Mindestlohn zu vergüten. "Seit der Einführung des Mindestlohnes wurde dadurch festgestellt, dass zum Teil am Wochenende besonders in den Nachtstunden die Nachfrage nach einem Taxi erfolglos blieb, da die Anzahl der zur Verfügung stehenden Taxenfahrzeuge begrenzt ist", so Julia Bjar weiter. Im Landkreis Görlitz gibt es laut Landratsamt zurzeit 88 Taxi-Unternehmen mit 205 Taxenfahrzeugen. Auch die Behörde empfiehlt Fahrgästen, Taxen rechtzeitig vorzubestellen.

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