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Teure Nacht in der Liebesboofe

Sie hatten wohl keine Ahnung vom nächtlichen Betretungsverbot im Nationalpark im Sommer 2019. Strafe müssen sechs Boofer trotzdem zahlen.

Steffen Eissner, Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung (1.v.l.), ist im Sommer 2019 mit zwei Polizeibeamten auf Streife. Bei einer Kontrolle wie dieser wurden auch die jetzt Betroffenen beim verbotenen Übernachten erwischt.
Steffen Eissner, Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung (1.v.l.), ist im Sommer 2019 mit zwei Polizeibeamten auf Streife. Bei einer Kontrolle wie dieser wurden auch die jetzt Betroffenen beim verbotenen Übernachten erwischt. © Daniel Schäfer

Von Friederike Hohmann

Es sollte ein richtig schönes Wochenende werden. Beide Kinder waren gut untergebracht, und so konnte sich das Ehepaar aus Erfurt auf schöne Tage zu zweit freuen. Sie hatten alles gut vorbereitet.

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Am ersten Abend waren sie auf einem Konzert in Dresden, und am Samstag fuhren sie dann in die Sächsische Schweiz, wohin sie bisher immer wieder gerne gekommen waren. Beide klettern regelmäßig, und weil sie diesmal allein unterwegs waren, suchten sie sich die Liebesboofe am Winterstein als Übernachtungsplatz aus. Glücklicherweise war diese besondere Boofe, die man nur über eine kleine Klettereinlage erreicht, am Nachmittag noch frei, und so richteten sich die beiden das lauschige Plätzchen schon einmal her.

Dass es an diesem Tag verboten war, den Wald im Nationalpark zwischen 21 und 6 Uhr zu betreten oder gar dort zu übernachten, war über die regionalen Medien bekannt gemacht worden. Bis nach Erfurt war die Nachricht von der Verfügung des Landratsamtes vom 28. Juni 2019 aber nicht gelangt. Auch bei der Vorbereitung ihrer Tour hatten beide keine Hinweise zu einem derartigen Verbot gefunden, und auch am Eingang zum Nationalpark waren ihnen keine entsprechenden Hinweise ins Auge gefallen.

Als ihnen dann am Abend ein Mann zur Boofe hinauf zurief, dass sie dort verschwinden sollen und mit der Polizei drohte, waren sie sehr überrascht. Sie müssten erst herunterkommen, um zu erfahren, warum das verboten sei, habe er ihnen auf ihre Nachfrage zugerufen. Dass dieser Mann ein Mitarbeiter der Nationalparkwacht war, der aus Versicherungsgründen nicht allein zur Boofe hinaufklettern durfte, erfuhren sie dann am frühen Morgen des 7. Juli von zwei seiner Kollegen, die gemeinsam zu den beiden friedlich Schlafenden geklettert waren.

Das Pärchen hatte sich nach ausgiebiger Suche im Internet, die keinen Hinweis auf ein Verbot des Nächtigens in der Liebesboofe erbrachte, beruhigt zur Nacht gebettet. Nun wurden sie von den beiden Rangern unsanft aus dem Schlaf gerissen, dann aber freundlich über die aktuelle Situation informiert. Einige Wochen später bekamen beide dann Post aus Pirna, die ihnen vorläufig die Lust auf weitere Ausflüge in die Sächsische Schweiz nahm. Zusammen sollten sie 4.000 Euro für die Nacht in der Liebesboofe zahlen.

Empfindliche Strafen

Mit derart hohen „Übernachtungskosten“ wurden im vergangenen Sommer etliche Gäste des Nationalparks konfrontiert. Einige von ihnen nahmen das nicht hin und legten - so wie auch die beiden Erfurter - Widerspruch ein. Über sechs dieser Fälle hatte nun Richter Jürgen Uhlig am Amtsgericht Pirna zu entscheiden.

Einer jungen Frau aus Berlin war es ähnlich wie den Erfurtern ergangen. Auch sie hatte sich gründlich informiert und trotz allem die Hinweise auf die Verfügung nicht wahrgenommen. Sie hatte Anfang August in einer der 58 zugelassenen Boofen geschlafen und nachträglich versucht, herauszufinden, wie diese Verordnung eigentlich für Besucher bekannt gemacht worden war. Die als Zeugen geladenen Nationalparkwächter, die die Betroffenen als sogenannte Schlafkontrolle aufspürten, bestätigten, dass jeweils an den Eingängen zum Nationalpark laminierte A4-Zettel angebracht worden waren. Das war relativ viel Kleingedrucktes, in drei Spalten und drei Sprachen.

Nur zwei Tage nach Bekanntgabe der Verordnung waren auch drei junge Männer aus Berlin von einem freiwilligen Helfer der Nationalparkwacht auf einem Riff vor dem Carolafelsen, fernab aller offiziellen Wanderwege, in ihren Schlafsäcken gefunden worden. Das Gebiet ist für Trittschäden besonders empfindlich. Sie hätten zwar den Aushang gesehen, ihn aber nicht zur Kenntnis genommen.

Jeweils 2.000 Euro für das Ehepaar aus Erfurt hält Richter Jürgen Uhlig für eine zu hohe Strafe, ist aber der Meinung, dass sie wegen der potenziell hohen Waldbrandgefahr trotzdem empfindlich sein sollte. So kürzte er das Bußgeld auf jeweils 800 Euro. Bei der jungen Frau aus Berlin berücksichtigte er auch deren Verdienstausfall durch die Corona-Krise und kürzte von 2.500 auf 500 Euro. Einer der Berliner Männer muss statt der ursprünglich verhängten 1.500 Euro nur 900 Euro bezahlen, da er noch in der Ausbildung ist. Bei den anderen bleibt es aufgrund ihres Einkommens bei 1.500 Euro Strafe.

Gegen die nun gefällten Urteile können jeweils innerhalb einer Woche Rechtsmittel eingelegt werden. Dann würden die Fälle vor dem Oberlandesgericht weiterverhandelt werden.

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