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Teures Lehrgeld

Eine 82-Jährige in Dittelsdorf hat eine kostspielige Matratze angedreht bekommen. Dabei sollte nur ihr Staubsauger geprüft werden.

© Matthias Weber

Von Jan Lange

Dittelsdorf. Erika Röntsch kann es noch immer nicht glauben, dass sie derart betrogen wurde. „Dass Leute so schlecht sind, hätte ich mir nicht vorstellen können“, sagt die 82-Jährige und beginnt, unterstützt von ihren beiden Töchtern, von dem Vorfall zu erzählen. Vor einigen Wochen sprachen bei der Seniorin in Dittelsdorf zwei junge Männer vor. Sie wollten den Staubsauger der Marke Vorwerk prüfen. Da in der Vergangenheit immer mal wieder Vertreter da waren, die ihren Staubsauger geprüft haben, fand die ältere Dame das auch nicht komisch. Schon gar nicht, weil seit längerer Zeit keiner mehr da gewesen sei. „Da wäre es logisch gewesen, dass sie kommen“, meint Frau Röntsch.

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Zuerst hatten die beiden jungen Männer den Staubsauger auch geprüft, doch recht schnell kamen sie auf ein ganz anderes Anliegen zu sprechen: die alte Matratze und den Lattenrost im Schlafzimmer. In der Schlafunterlage gebe es angeblich viele Tierchen und sie müsse deshalb erneuert werden. Dafür hatten die Vertreter natürlich gleich die passende Lösung parat: eine Matratze samt Lattenrost von der Firma AIO zum „Vorzugspreis“ von 2 900 Euro. Die alte Dame war derart überrumpelt, dass sie den Vertrag auch gleich unterschrieben hat. „Es waren ganz nette junge Männer und die konnten auch gut reden“, sagt sie.

Bereits zwei Tage später wurden die neue Matratze und der Lattenrost geliefert und gegen die alten ausgetauscht. Erika Röntsch traute sich anfangs nicht, ihrer Familie davon zu erzählen. Denn wenn der Kauf rückgängig gemacht werden würde, könnte sie ja nicht mehr in ihrem Bett schlafen, dachte die 82-Jährige. Die alte Matratze und den Lattenrost hatten die Verkäufer ja gleich mitgenommen. Die Dittelsdorferin erhielt zwei Überweisungsscheine, auf denen jeweils eine Summe von etwas mehr als 1 400 Euro vermerkt war. Denn Erika Röntsch hatte den Vertretern noch gesagt, dass sie die Gesamtsumme nicht auf einmal bezahlen könne.

Als die 82-Jährige schließlich mit ihrer Tochter Heike bei der Bank war, um das Geld zu überweisen, habe ihr eine dortige Mitarbeiterin gesagt, dass es mit der Firma schon öfter Probleme gab. Auch der Verbraucherzentrale Sachsen ist die AIO AG aus dem fränkischen Höchberg bekannt, wie Verbraucherberaterin Stephanie Siedentopf von der Beratungsstelle in Görlitz bestätigt. Vor 2016 habe es einen Fall gegeben, bei dem es auch um eine überteuerte Matratze ging. Wie damals die Anwerbung erfolgte, konnte die Mitarbeiterin der Verbraucherzentrale den Unterlagen aber nicht entnehmen. Die Masche, Matratzen zu hohen Preisen zu verkaufen, sei nach ihren Worten nicht neu. Dass dies aber über den Vorwand geschehe, den Staubsauger der betroffenen Person zu überprüfen, ist für Frau Siedentopf neu.

Wirklich wechseln müssen hätte man die Matratze bei Frau Röntsch nicht, erklärt ihre zweite Tochter Simone. Die alte Schlafunterlage sei nämlich erst ein reichliches Jahr alt gewesen. Sie hatten sogar überlegt, die zweite Rate gar nicht zu bezahlen. Doch da erhielt die Seniorin gleich einen mahnenden Anruf von einem der Verkäufer. Die Ansprache sei so dominant gewesen, dass sie dann doch auch die zweite Summe überwiesen haben.

Die Görlitzer Verbraucherberaterin rät Frau Röntsch, auf jeden Fall Widerruf einzulegen. Weißt ein Vertreter auf die Möglichkeit eines Widerrufes hin, dann kann dieser in der Regel bis zwei Wochen nach Lieferung der Waren eingelegt werden. Fand keine Widerrufsbelehrung durch den Verkäufer statt, kann das Geld sogar noch bis ein Jahr und zwei Wochen nach dem Erhalt der Waren zurückgefordert werden, erklärt Frau Siedentopf. Der Widerruf sollte als Einschreiben verschickt werden.

Eine Rückforderung des Geldes bringe nach Worten der Verbraucherberaterin mehr als eine Anzeige bei der Polizei. Denn dann müssten die Anzeigenden nachweisen, dass es sich tatsächlich um einen Betrug handelt. Der Betroffene aus dem älteren Fall habe wohl das Geld von der Firma AIO zurückerhalten, weiß Stephanie Siedentopf. „Frau Röntsch kann sich aber gern noch mal persönlich an uns wenden“, empfiehlt sie. Dabei muss die Seniorin nicht unbedingt zur Beratungsstelle nach Görlitz fahren, denn deren Mitarbeiter bieten einmal im Monat Sprechstunden in Zittau im Frauenzentrum auf der Bahnhofstraße 17 an. Das nächste Mal beraten sie dort am 24. April, von 10 bis 16 Uhr.

Erika Röntsch und ihre Töchter würden sich sehr freuen, wenn sie das Geld zurückbekommen würden. Ihnen ist es aber auch wichtig, andere zu warnen, nicht auf denselben Trick hereinzufallen. Sie habe aus dem Vorfall gelernt, sagt die Dittelsdorferin. Und wenn es kein glückliches Ende nimmt, habe sie ein teures Lehrgeld bezahlt, sagt Frau Röntsch.