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Tödlicher Mut kurz vorm Frieden

Lange wurde die Geschichte verschwiegen: Zwei Männer wollten 1945 ihren Heimatort Wachau retten. Und wurden erschossen.

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© Bernd Goldammer

Von Bernd Goldammer

Mit 16 hat Sonja Böhme erlebt, wie bitter sich der Zweite Weltkrieg in ihrem Heimatort Wachau anfühlte. Und dabei war dieser verdammte Krieg eigentlich schon fast vorbei, sagt sie noch immer gerührt.

Zu DDR-Zeiten war ihnen die Anerkennung als Opfer des Nazi-Regimes verwehrt geblieben. Nach der Wende erinnerten die Wachauer mit einer Gedenktafel an die mutige Heldentat von Ernst Kunath und Bernhard Heinze.
Zu DDR-Zeiten war ihnen die Anerkennung als Opfer des Nazi-Regimes verwehrt geblieben. Nach der Wende erinnerten die Wachauer mit einer Gedenktafel an die mutige Heldentat von Ernst Kunath und Bernhard Heinze. © Bernd Goldammer

Sachsen lebte im Schockzustand. Dresden lag in Schutt und Asche. Ausgebombte Familien kamen nach Wachau. Aber Nazi-Fanatiker trieben deutsche Jugendliche noch immer und immer wieder in barbarische Schlachten, bei denen es nichts zu gewinnen gab. „Wachau war in diesen Tagen von polnischen und sowjetischen Truppen umstellt – auf der Autobahn standen T34- Panzer der Roten Armee, deren Rohre auf Wachau zeigten“, beschreibt Sonja Böhme. Sie kann sich noch genau erinnern. Zu tief sind diese Erlebnisse eingebrannt. Auch sowjetische Artillerie war in Stellung gebracht. Sollte Wachau ausradiert werden?

Ein Beben in der Stimme

Die Zeit um diesen 20. April 1945 herum bleibt in der heute 87-Jährigen so lebendig, als sei es gestern. „Überall war Panik ausgebrochen“, weiß sie noch genau. Und wenn sie erzählt, an ihrem Wohnzimmertisch in Höckendorf, wo sie mittlerweile zu Hause ist, da ist ein aufgeregtes Beben in ihrer Stimme. Besonders, als sie von diesem fürchterlichen Massaker erzählt, „das Tags zuvor in Leppersdorf passierte“… 42 tote Zivilisten wurden gemeldet. Ganz offensichtlich gab es keine Gnade mehr.

„Diese Gewaltspirale wollten Wachaus Bürgermeister Bernhard Heinze und mein Vater Ernst Kunath durchbrechen“, erzählt Sonja Böhme dann. Egal was es kostet, Wachau sollte überleben, hatten sich die beiden Männer geschworen. Nur eine Kapitulation kann den Ort retten, das war den beiden klar. „Sie fassten einen gefährlichen Plan“, sagt Sonja Böhme – und kämpft mit den Tränen. Denn sie weiß, um den dramatischen Ausgang. Der Bürgermeister ließ die Panzersperren um den Ort abreißen und Bauer Kunath brachte ein großes weißes Tuch auf dem Kirchturm der Gemeinde an. Wachau hat kapituliert, so lautete dieses Zeichen. Doch von diesem Moment an lebten die Familien der beiden Freunde in Angst und Schrecken. SS-Fanatiker wüteten gegen die eigene Bevölkerung. Und die Spitzel der Geheimen Staatspolizei – der Gestapo – gab es auch in Wachau. Es gab sie überall. Und prompt reagierten die, die den Wahnsinn immer weitertreiben wollten. Die, die nicht erkannten, dass es zu Ende ist, mit diesem vermeintlich Tausendjährigen Reich des irren Nazi-Führers Hitler. Am 22. April wurde Wachaus Bürgermeister Heinze von der Waffen-SS abgeholt. „Am nächsten Abend standen die SS-Leute dann auch vor unserer Haustür“, erzählt Sonja Böhme mit zitternder Stimme. „Unser Vater war 1935 lautstark aus der NSDAP ausgetreten, ihn hatten die Nazis seither immer im Auge …“ Als er abgeführt wurde, rief er meiner Mutter zu: „Ich hab’s fürs Dorf getan …“, hört es Sonja Böhme fast noch wie heute.

Schwere Last für den stellvertretenden Bürgermeister

Waffenstarrende Soldaten brachten Ernst Kunath nach Radeberg, wo er gemeinsam mit Bernhard Heinze erschossen wurde. Am 24. April 1945 war das. Nur Tage später kapitulierte Deutschland … Eine Stunde nach dem Mord hatte bei Paul Tittel – dem Wachauer Gastwirt – das Telefon geklingelt. Er war Wachaus stellvertretender Bürgermeister gewesen. Aus Radeberg bekam er nun den Befehl, den Angehörigen der beiden die Todesnachricht sofort zu überbringen. Eine schwere Last. Gegen Mittag waren die Leichen der beiden dann in die Wachauer Feierhalle auf dem Friedhof gebracht worden. Die Bürgermeistertochter Dora Heinze und ein befreundeter Bauer hatten sie auf einem Bretterwagen nach Hause geholt. Die toten Männer mussten bis zum Abend bestattet sein, befahlen die SS-Mörder. Geschehen sollte das unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ohne Trost und geistlichen Beistand. „Sie sollten einfach so verscharrt werden“, klingt Sonja Böhmes Stimme belegt. „Glockengeläut und Grabschmuck waren ebenfalls verboten“, sagt sie –  und schüttelt mit dem Kopf.

Für Ernst Kunath – Sonja Böhmes Bruder, der den gleichen Vornamen wie der Vater trug – war das unvorstellbar hart. Als Soldat der Wehrmacht war er bei Smolensk lebensgefährlich verwundet worden. Er überlebte und kam ausgemustert nach Wachau zurück. „Unser Vater litt mit ihm, weil Ernst oft schwere Schmerzanfälle hatte“, erzählt Sonja Böhme – und ringt erneut mit den Tränen. Der junge Mann musste nun den durchschossenen Körper seines Vaters in den Sarg legen. Pfarrer Karl Gottfried Wolf hatte in einem geheimen Gespräch die Beerdigungszeit gegen 18 Uhr empfohlen. Wohlwissend, dass dann die Glocken zum Abend läuteten, und das Abendgeläut so den SS-Befehl unterlaufen konnte. Doch der Pfarrer kam dann doch nicht auf den Friedhof. Alle Zugänge waren von Bewaffneten umstellt gewesen. Widerstand lebensgefährlich.

Geschosse flogen über Wachau

Und doch hatten sich die Mörder nicht vollends durchsetzen können. Dramatische Szenen waren es, die sich am Friedhof abspielten. Ein ausgebombtes Dresdner Zahnarzt-Ehepaar hätte im Zorn beinahe einen SS-Mann umgerannt, weil sie den Toten unbedingt das letzte Geleit geben wollten. Als der dann seine Maschinenpistole entsicherte, schrie ihn der Mann mit gebrochener Stimme an: „Unser Sohn ist gefallen, unsere Tochter ist beim Dresdner Bombenangriff umgekommen – erschieß uns doch gleich hier, wir haben nichts zu verlieren …“ Sonja Böhme gehen diese Worte noch heute unter die Haut. Und auch ihr Bruder Ernst Kunath hatte sich mit den Bewachern angelegt. Er zeigte ihnen seine Kopfschussnarben mit den Worten: „Geht dorthin, wo ich schon war …“

Und dann geschah etwas, das Sonja Böhme bis heute nicht loslässt. „Als die Särge in die Gräber gesenkt wurden, begann die sowjetische Artillerie zu schießen …“ Aber die Geschosse flogen über Wachau hinweg. Offensichtlich war die weiße Fahne gesehen worden …

Gedenktafel am Gemeindeamt

Weder Bernhard Heinze noch Ernst Kunath sind im Übrigen zu DDR-Zeiten als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt worden. Ein Antrag war zwar gestellt worden, doch wollte die Witwe Linda Kunath in keine Partei eintreten. In den 1980er-Jahren sollte am Wachauer Gemeindeamt dann aber doch eine Gedenktafel angebracht werden. „Das haben wir als Heuchelei empfunden – wir protestierten gegen diese Vereinnahmung und die Tafel wurde demontiert“, erklärt Sonja Böhme.

Doch nach der Wende kam die Geschichte der beiden mutigen Wachauer wieder hoch. Eine Erinnerungstafel wurde an der Dorflinde beim Kriegerdenkmal angebracht. Für Sonja Böhme – die einzige noch lebende Hinterbliebene – bedeutet das sehr viel. Ihr Vater und sein Freund haben endlich die verdiente Würdigung …