merken
PLUS Feuilleton

Tote Hose in Sachsens Provinz? Von wegen!

In Kirschau bringen Tänzerinnen Bewegung aufs Land und arbeiten an einem Wendeprojekt zur früheren Textilfabrik.

Jana Schmück (l.) und Anne Dietrich überlassen ihren Spiegelsaal in Kirschau einer spanischen Tanzgruppe, die ein Stück probt, das an diesem Freitag aufgeführt wird.
Jana Schmück (l.) und Anne Dietrich überlassen ihren Spiegelsaal in Kirschau einer spanischen Tanzgruppe, die ein Stück probt, das an diesem Freitag aufgeführt wird. © Wolfgang Wittchen

Rockmusik tönt aus der alten Textilfabrik. Oben sind die Fenster geöffnet. Dort probt eine spanische Tanzgruppe für ein Programm, das sie an diesem Freitag aufführt, hier in Kirschau bei Bautzen. Für die eher ländliche Gegend ist das keine Seltenheit. Drei- bis viermal im Jahr kommen Tänzer her, aus der Schweiz, Belgien, den Niederlanden, New York oder Malaysia. Fördermittel der Europäischen Union helfen dabei. Vor allem aber ermöglichen es Jana Schmück aus Bautzen und Anne Dietrich aus Dresden. Beide sitzen im Büro, das neben dem Probenraum liegt, im kurzen Kleid, mit Shirt und kurzer Hose, die langen blonden Haare am Hinterkopf zusammengebunden.

Die beiden Profi-Tänzerinnen haben sich vor fünf Jahren zusammengetan und das TanzArt-Zentrum in Kirschau gegründet. Sie unterrichten rund 180 Schüler von fünf bis 75 Jahren in Kirschau und Bischofswerda, tanzen selber noch in Indien oder den USA und fahren zum Austausch. Anne Dietrich kommt gerade von einem Festival in Italien. Jana Schmück hat einen Preis in Berlin abgeholt. TanzArt gewann den ersten Platz beim Ideenwettbewerb „#Machen!“ der ostdeutschen Bundesländer in der Kategorie „deutsch-deutsche Geschichte erlebbar machen“.

Anzeige
Gut vorbereitet in die Ausbildung
Gut vorbereitet in die Ausbildung

Mit einem dreitägigen Kurs bereitet njumii – das Bildungszentrum des Handwerks branchenübergreifend Azubis auf den Ausbildungsbeginn vor.

Viele junge Leute wüssten gar nicht, was hier früher in der Textilfabrik war, sagt die Bautzenerin. Mancher habe vielleicht noch eine Mollidecke zu Hause oder eine Oma, die hier gearbeitet hat. Was die Leute aus Kirschau erlebt haben, welche Brüche es nach der Wende gab, persönliche Wendepunkte wollen sie mit ihrem Projekt zeigen.

„Es ist ja ein komplett anderes Leben für die meisten losgegangen“, sagt Jana Schmück. Junge Leute sollen ältere interviewen, am Ende wird es nicht nur Tanz, sondern auch andere künstlerische Werke wie Installationen mit alten Stoffen aus der Fabrik geben. Wie sie denn überhaupt auf Kirschau gekommen sind? Sie haben einen Probenraum gesucht, um ein Stück zu produzieren, antwortet Jana Schmück. Zur Auswahl standen Berlin, Leipzig oder Kirschau. „Berlin ist überfüllt.“ In Kirschau könnten sie mehr bewegen, zusammen mit anderen Künstlern. Die meisten Kontakte hätten sie hier, Jana Schmück stammt ja aus der Gegend. Vor allem aber sind die Räume bezahlbar.

Die beiden Chefinnen ziehen die Schuhe aus. In ihren Ballettsaal geht es nur barfuß. Sie setzen sich an den Rand und schauen den Spaniern zu. Drei Tänzerinnen bewegen sich mal zart und zerbrechlich, dann wieder kraftvoll und herausfordernd. Ein Mann tanzt mit, der kommt aus Australien. Anne Dietrich nickt und klopft dem Choreografen auf die Schulter. Sie kennen sich aus dem Görlitzer Theater.

© Wolfgang Wittchen

Carlos Gonzales und Seth Buckley haben dort getanzt und danach die Company Eyas in Spanien gegründet. So wussten sie schon von der Ausschreibung der Künstlerplätze in Kirschau. Um die 100 Bewerber gab es 2018. Die Auserwählten bekommen ein Honorar und für zwei Wochen Räume zum Proben und Übernachten.

Die alte Textilfabrik in Kirschau zu finden ist für Gäste von weiter her nicht immer einfach. Anne Dietrich hat schon oft von den Künstlern gehört, dass sie dachten, da kommt nichts mehr. Dann aber sind „alle sehr begeistert“. Auf dem Vordach der Fabrik steht ein bunter Hund. Den haben die Leute von der Galerie hingestellt. Denen gehört ein großer Ausstellungsraum, der auch für Veranstaltungen dient. Einige Künstler haben sich Ateliers eingerichtet. 

Wer durch die Fabrik geht, sieht immer noch zahlreiche alte Wände, an denen die Farbe abblättert, und Decken, die fleckig sind. Der Ballettsaal aber strahlt in frischem Weiß. „Man muss das Leben tanzen“ steht draußen an der Tür. Der Australier wischt sich den Schweiß von der Stirn. Jana Schmück und Anne Dietrich müssen wieder ins Büro, das Programm zum fünften Geburtstag von TanzArt besprechen. Die Zettel für die Briefkästen in der Nachbarschaft sind schon gedruckt. Es könnte ein bisschen lauter werden, steht darauf. Und: Sie würden sich freuen, wenn sie „ein Ohr zudrücken“. Im Gegenzug möchten die Tänzerinnen die Nachbarn zur Geburtstagsfeier einladen und spendieren ein Mango-Lassi, ein Joghurtgetränk.

Stück über eigene Grenzen

Von den Spaniern sind jetzt sanfte Töne zu hören. Ihr Stück heißt „HIIT“, die Abkürzung für High Intensiv Intervall Training, ein Fitnesstraining, das aus dem Wechsel zwischen meist einminütigen Übungen und einer halben Minute Erholung besteht. Die Künstler wollen die Verbindungen zum Tanz untersuchen, der ja für Ausdruck und Geschichten steht, erklärt Jana Schmück. Herauskommen soll ein Werk über Bewegung, Schnelligkeit und die eigenen Grenzen der Tänzer.

Ob sie auch mal zeigen, wie ihre Unterkunft aussieht? Anne Dietrich fragt sie auf Englisch. Sie haben nichts dagegen. Alles ist schlicht: vier Holzbetten, Tische, Stühle und ein Kleiderschrank, nebenan noch ein kleiner Raum mit zwei Schlafplätzen. „Wir haben das einfach zusammengesammelt“, sagt Anne Dietrich. Der Boden ist aus Holz: „Den haben wir selber abgeschliffen.“ Ob die Räume okay sind? „Ja, sicher“, antwortet der spanische Choreograf und verschwindet gleich wieder. Die Probe geht weiter, bei rockiger Musik.

Spanisches Tanzstück am 30. August, 19 Uhr, in der Galerie Flox, Friesestraße 31, 02681 Kirschau, Eintritt auf Spendenbasis.

Mehr zum Thema Feuilleton