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Die Grenzen des Touristenbooms

Die Besucherrekorde in der Sächsischen Schweiz freuen die coronageplagte Branche und fordern sie heraus. Schon jetzt geht es um die Zeit nach der Saison.

Donnerstag, Basteibrücke: Wegen Corona boomt Inlandstourismus, auch ohne Maske und Abstand.
Donnerstag, Basteibrücke: Wegen Corona boomt Inlandstourismus, auch ohne Maske und Abstand. © Steffen Unger

Mittags ist auf der Bastei der Asphalt nicht mehr zu erkennen. Dicht an Dicht schieben sich die Menschen über das Ausflugsziel. Die Parkplätze sind rappelvoll. Mitunter werden die Autos auch am Straßenrand abgeparkt, am letzten freien Fleck. Das gleiche Bild genau gegenüber in der Hinteren Sächsischen Schweiz. Nur dass sich dort nicht die Touristen durch die Straßen drängeln. Die Wanderer sind im Wald verschwunden. Aber die Parkplätze sind auch dort so voll, dass mitunter auch eine benachbarte Wiese mit genutzt werden muss. Sie ist sonst wohl nur eine Ausweichfläche, jetzt aber nützlich.

Die Sächsische Schweiz erlebt einen Touristenansturm wie seit Jahren nicht mehr. Die Parkplätze erreichen ihre Belastungsgrenze wie auch die klassischen Ausflugsziele. Für die Region ist das gut. Vor allem die durch Corona stark gebeutelten Vermieter, Hotels, Gaststätten, Freizeiteinrichtungen kommen die Massen an Besuchern gelegen. Ob sie allerdings die Ausfälle der letzten Monate wettmachen, bleibt offen. Die Wirte sehen zwar zuversichtlicher in die Zukunft als noch während des Lockdowns. Doch Skepsis bleibt, das zumindest ist das Ergebnis einer kleinen Umfrage von Sächsische.de. 

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Hoteliers, Gastwirte und Vermieter: Erst mal abwarten

Steffen Gebhardt hat im Lockdown nicht den Kochlöffel geschwungen, sondern den Malerpinsel. Und das war auch richtig so, denn für Außenarbeiten bleibt jetzt keine Zeit. In seinem Hotel und Gaststätte Sonnenhof in Hinterhermsdorf  brummt wie überall das Geschäft. "Es ist besser angelaufen als wir dachten. Einerseits ist das natürlich gut, andererseits bringt das auch Probleme mit sich", sagt er. Täglich müsse er an die zehn bis zwölf Absagen erteilen. Das sei natürlich unbefriedigend. Doch anders gehe es im Moment nicht. Er könne zwar seine Zimmer voll belegen, aber in den Gaststättenräumen muss der Mindestabstand eingehalten werden.  Aufgrund der bestehenden Hygieneregeln kann er nur fast die Hälfte der Stühle aufstellen. Und damit hat die Vermietung seiner Zimmer Grenzen. "Ich muss ja wenigstens soviel Plätze für meine Übernachtungsgäste im Restaurant vor halten, damit diese hier essen können. Für das  À-la-carte-Geschäft reichen die Plätze dann oft nicht", sagt Hotelier Gebhardt. 

Elisabeth König vom Lichtenhainer Wasserfall war eine der ersten, die im Lockdown auf die schwierige Situation vor allem der Wirte im Kirnitzschtal aufmerksam machte. Dass sie dann doch wieder öffnen konnte und vor allem auch die Touristen gleich wieder da waren, kam für sie überraschend. "Wir freuen uns natürlich. Wir haben volles Haus, sind voll ausgebucht auch für die nächsten Wochen", sagt sie.  Aufgrund des großen Andrangs  käme es jetzt mitunter auch zu Wartezeiten bei den Gästen. Manche könnten das nicht verstehen, sagt sie. Sie und ihre Angestellten hätten aber auch nur zwei Arme und zwei Beine. Obwohl sie inzwischen positiver in die Zukunft schauen kann, könne sie noch nicht abschätzen, ob die Einnahmen über den Winter reichen, um Personalkosten und andere laufende Kosten zu bezahlen. "Wenn wir es schaffen, dann werde ich aber nicht investieren können", sagt die Gastwirtin. 

"Wenn zwei Monate fehlen, kann man das nicht aufholen", steht für Steffen Rothermel von der Gaststätte und Pension "Zur Hoffnung" in Hinterhermsdorf ganz klar fest. Nach der Coronaumgestaltung in seiner Gaststube blieb nicht mehr viel übrig.  Um dort die Hygieneregeln einzuhalten und vor allem auch, um seine Gäste nicht zu verärgern,  läuft bei ihm in der Gaststätte fast alles nur über Reservierungen.

Eine Saisonverlängerung wäre wohl nicht schlecht. Aber im Winter seien in der Hinteren Sächsischen Schweiz sowie kaum Gäste. Möglicherweise könnte sich das aber noch ändern. Denn der Tourismusverband hat einen Plan.

Tourismusverband verstärkt die Winterwerbung

Der Tourismusverband verfügt über ein eigenes Buchungssystem. An diesem sehen die Mitarbeiter,  dass die Nachfrage enorm gestiegen ist. "Für einen Sommerurlaub haben wir in diesem Buchungssystem keine freien Plätze mehr, die wir vermitteln könnten. So etwas hat es tatsächlich noch nie gegeben. Das war bislang lediglich einige Male über Himmelfahrt oder Ostern der Fall. Aber dass komplett über einen längeren Zeitraum nahezu alles belegt ist, ist neu“, sagt Peggy Nestler. Darüber hinaus hatte der Tourismusverband unlängst eine Umfrage bei Beherbergungsbetrieben und in Freizeiteinrichtungen gestartet. Das Ergebnis ist durchwachsen. 67 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass sie in diesem Jahr schlechter abschließen werden als im Vorjahr. Ein Drittel der Befragten sagte aber auch,  sie erwarten dass das Jahr 2020 viel besser, besser oder zumindest gleichbleibend wird. 

Der Tourismusverband entwickelt derzeit Strategien, um die Saison zu verlängern und vor allem auch Urlauber in den sonst eher nicht so gefragten Monat November in die Sächsische Schweiz zu holen. „Wir versuchen mit unserer Werbung die Gäste zumindest auch in diese Richtung zu lenken, und wollen zeigen, dass die Region auch in der Wintersaison attraktiv ist“, sagt sie.

Gut gefüllte Parkplätze überall, wie hier der An der Eiche in Hohnstein.
Gut gefüllte Parkplätze überall, wie hier der An der Eiche in Hohnstein. © Steffen Unger

Dehoga: Schließzeit nicht mehr aufzuholen

Rund 230 Unternehmen der Branche aus dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sind Mitglied im Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. Sie finden dort ihre Ansprechpartner und Unterstützer. Zwei Stammtische hat es in letzter Zeit gegeben, vor allem auch, um sich ein aktuelles Bild zu verschaffen.  Der Dehoga-Geschäftsführer für die Region Thomas Pfenniger konnte dort erfahren, dass die Vermieter sehr zufrieden sind. Allerdings müsse man das differenzieren. Vor allem rund um Bad Schandau samt Kirnitzschtal laufe es gut. "Hotels und Restaurants sind sehr gut gebucht. Sie haben kaum noch Möglichkeiten Gäste aufzunehmen", sagt er. Und müssen Gäste wegen Platzmangel abgewiesen werden, habe es schon manch unschöne Szenen gegeben, haben ihm Vermieter und Gastwirte berichtet.

Ein großes Problem sieht er derzeit im Personal. Coronabedingt seien noch immer Beschäftigte in Kurzarbeit. Sie haben damit aber keine Möglichkeit, neue Überstunden aufzubauen und das schon seit dem Lockdown. Das heißt, über den Winter könnte es für manchen Beschäftigten in der Gastrobranche, der keine Überstunden mehr hat,  knapp werden. Möglicherweise könne dann gar die Arbeitslosigkeit drohen.  Der Dehoga-Geschäftsführer befürchtet, dass es bei einigen Unternehmen nicht gelingen werde, die Mitarbeiter über den Winter weiter in Lohn und Brot zu halten. Entsprechende Ausgleichsmittel beziehungsweise Unterstützungshilfen fehlen in der Gastrobranche. Die Politik müsste hier nachsteuern. 

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Thomas Pfenniger sieht aber in der jetzigen Situation von vollen Restaurants noch einen ganz anderen Aspekt. "Jetzt wäre der Markt da, wenn jemand schnell reagieren könnte und zum Beispiel ein Restaurant eröffnen würde", sagt er. Die Dehoga würde da auch gern unterstützten. Jetzt wäre eine super Zeit dafür. Mit Blick in die Zukunft sagt er:  "Wir können nur hoffen, dass wir die Gäste auch für zukünftige Jahre gewinnen können." Dann würde von dem derzeitigen Touristenboom tatsächlich etwas für die Region hängen bleiben.

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