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Ein verkauftes Land

Detlef Scheunert war der einzige Ostdeutsche unter den Direktoren der Treuhandanstalt. Wieso er in den Westen gehen musste.

Der Treuhandanstalt unterstanden rund 8.000 Unternehmen mit vier Millionen Beschäftigten, nur zwölf Prozent der verkauften Betriebe gingen an Ostdeutsche.
Der Treuhandanstalt unterstanden rund 8.000 Unternehmen mit vier Millionen Beschäftigten, nur zwölf Prozent der verkauften Betriebe gingen an Ostdeutsche. © picture-alliance / dpa

Von Kerstin Decker

Es war vor fast dreißig Jahren, abends um elf, als das Telefon klingelte. Er habe gehört, die Treuhand wolle den VEB Döbelner Schlösser und Beschläge schließen, 2.300 Mitarbeiter, erklärte der Anrufer, ob das wahr sei? Der übermüdete Treuhandmitarbeiter Detlef Scheunert, der seinen Arbeitstag gerade erst beendet hatte, bestätigte das. Leider sei der frühere VEB Döbelner Schlösser und Beschläge vom zuständigen Ausschuss des Finanzministeriums mit einer 6 bewertet worden, das bedeute: aus, vorbei, Gesamtvollstreckung.

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Der Anrufer überhörte diese Auskunft. Ob er, der Treuhand-Direktor, sich vorstellen könne, was hier jetzt los sei? Döbeln stehe kopf. Und darum teile er ihm hier in aller Deutlichkeit mit: Der VEB Döbelner Schlösser und Beschläge wird nicht geschlossen! Ob er das verstanden habe? Die Antwort wartete der Anrufer gar nicht erst ab, er legte auf.

„Das war mein Vater“, sagt Detlef Scheunert, der erste und einzige ostdeutsche Direktor, den die Treuhand je hatte, angesiedelt gleich unter der Vorstandsebene. „Und mein Vater war nicht der Typ, dem man widerspricht.“

Döbeln war Scheunerts Heimatstadt, obgleich er eigentlich nur ein Heimatdorf hatte, aber hier ist er zur Schule gegangen, hier hat er sein Abitur gemacht. Besonders irritierte den einzigen ostdeutschen Treuhand-Direktor, verantwortlich für fünf Industriebranchen, dass sein Vater nicht gesagt hatte, womit er sonst jede Lebenskrise seines Sohnes kommentiert habe: „Komm nach Hause, Junge, du kannst bei uns die Schweine füttern, das ist ehrlicher!“ Vater Scheunert war Bauer.

Ex-Treuhand-Direktor Detlef Scheunert heute.
Ex-Treuhand-Direktor Detlef Scheunert heute. © privat

Es regnet schon den ganzen Tag in Gütersloh, genau wie am Tag zuvor und dem zuvor. Scheunert blickt durch die weite Glasfront seines Hauses in einen schönen, großen verregneten Garten. Seit dem Winter kann er nicht mehr selber in den Garten gehen. „Ich werde es nie mehr können“, sagt er. Er sitzt am Tisch, neben ihm steht sein Rollstuhl. Scheunert, feingeschnittenes, längliches Gesicht, aufmerksame Augen, eher Typus Intellektueller, Richter oder Oberkirchenrat – ja doch, auch Manager. Alles an ihm scheint Energie, noch immer, er hat kein überflüssiges Gramm am Leib. MS, Multiple Sklerose, kommentiert er kühl. Im Garten steht eine große Buddhastatue zwischen Büschen.

Regen ist ein gutes Hintergrundgeräusch für die Erinnerung, es ist fast, als halte er die Zeit an. „Wissen Sie, was die 2.300 Mitarbeiter der Döbelner Schlösser und Beschläge herstellten? Gurte und Schlösser für den Trabant. Und Teile für die Kalaschnikow.“ Eine nicht gerade zukunftsfähige Produktpalette.

Die Einführung der D-Mark war, als habe ein Komet eingeschlagen, sagt Scheunert: Eine De-facto-Kostensteigerung von 1:5 hätte selbst der gesündeste Betrieb nicht ausgehalten, nicht mal Daimler, fügt er an. Selbst seine Mutter habe in ihrem breitesten Döbelner Sächsisch gesagt: „Sgloobschjetztni, der Kohl is närrsch!“ Der damalige Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl sah das wie Scheunerts Mutter, formulierte es nur anders: „Es wäre eine Illusion zu glauben, dass die Einführung der D-Mark in der DDR irgendwelche realen Probleme des Landes lösen würde.“

Misstrauen im Osten

Ganz im Gegenteil. Und für das Gegenteil war dann die Treuhand verantwortlich. Eine Institution, vom Parlament nicht kontrolliert, ihre Mitarbeiter erhielten Haftungsfreistellung. Die Akten blieben lange unter Verschluss und sind auch heute nicht frei zugänglich. Die Leute im Osten hat das schon immer misstrauisch gemacht.

Wahrscheinlich hat 1990 kein Mensch geglaubt, dass man sich nach 30 Jahren noch immer an diese doch recht kurzlebige Institution erinnern würde. Auch Scheunert erstaunt diese große Unversöhnlichkeit und dass es im Osten oft keine drei Sätze braucht, und man ist bei der Treuhand. Ja, es lässt sich sogar an den Wahlergebnissen von heute ablesen, wo die TreuhandTätigkeit – oder gefühlte Tätigkeit – besondere Spuren hinterlassen hat.

Großdubrau bei Bautzen zum Beispiel, die Margarethenhütte. Großdubrau, Bundestagswahlergebnis 2017: 42,4 Prozent für die AfD. Heißt, sehr frei übersetzt: Nur eine autoritäre Partei, die für einen starken, autoritären Staat steht, kann uns vor dem Zugriff des marodierenden Kapitals schützen.

Die Margarethenhütte war eine Keramikfabrik. „Damit hätte sie eigentlich in meine Zuständigkeit gehört“, sagt Scheunert, Glas und Keramik, aber sie stellte vor allem Hochleistungsisolatoren her, Elektrik also, die zu 80 Prozent in die ganze Welt exportiert wurde. Die Margarethenhütte arbeitete auch mit modernen Maschinen aus der Schweiz. Die Mitarbeiter wären wohl nie auf die Idee gekommen, ihr Betrieb könnte geschlossen werden. Nicht bei dieser Ausstattung, nicht bei dieser Auftragslage.

Detlef Scheunert im Jahr 1993 bei Verhandlungen mit Vertretern des Samsung-Konzerns.
Detlef Scheunert im Jahr 1993 bei Verhandlungen mit Vertretern des Samsung-Konzerns. © Tagesspiegel/privat

Eines Morgens aber, so geht die Überlieferung, waren die besten Maschinen weg samt der Porzellan-Rezepturen, der Betriebsunterlagen, der letzten Mitarbeiterlöhne und dem Tresor. „Sie meinen, die Maschinen, Betriebsunterlagen und Löhne haben wir weggenommen, die Treuhand? Aber bitte!“, ruft Scheunert und schleudert eine Erdbeere, die er gerade aufgespießt hatte, zurück auf den Teller. Er könne genau sagen, wer das damals war, obwohl er den Betrieb nie mit eigenen Augen gesehen habe: „Das war der eigene Stammbetrieb in Hermsdorf, früher VEB Keramische Werke Hermsdorf, dann Tridelta AG, die wollten auf Wettbewerbsfähigkeitsgröße schrumpfen.“ Eine AG hat eigene Handlungsoptionen, der Behörde oblag dann nur noch die „ordentliche Gesamtvollstreckung“der Margarethenhütte.

Der Treuhand unterstanden rund 8.000 Unternehmen mit vier Millionen Beschäftigten. Ihr oblag eine Veräußerung, die beispiellos ist in der Geschichte moderner Industriegesellschaften. Am Ende war der Osten eine blühende Landschaft, näherhin eine blühende Wiese, und der Osten gehörte dem Westen. Genau das Szenario, vor dem so viele gewarnt hatten. Was die Sachsen besonders erzürnte: Sie waren schon ein stolzes Industrieland, als die größte technische Erfindung Bayerns noch die Almkuhglocke war.

Es gab – nach der Einführung der DM – keine Alternative mehr, sagt Scheunert. Sein Weg zur Arbeit und wieder nach Hause war ein wenig anders als der gewöhnlicher Leute. Wenn er die Treuhandanstalt im früheren Haus der Elektrotechnik am Alexanderplatz verließ, schaute er immer genau nach links und rechts, ob ihm keiner auflauere. Sein Wagen wurde beim Hinaus- und Hineinfahren nicht nur einmal von Eisenstangen getroffen.

Merkwürdige Erfahrungen

Bald nach dem 1. Juli enterten die ersten zornigen Werktätigen die Flure, im September stürmten die Mitarbeiter der Interflug die Zentrale, sie wollten sich längst mit der Lufthansa wiedervereinigen, durften aber noch nicht.

Alle lukrativen Deals waren ohnehin schon gelaufen, genau die Art von Geschäft, die die Treuhand eigentlich verhindern sollte: Die Deutsche Bank hatte sich noch vor der ersten und letzten freien Wahl in der DDR die DDR-Staatsbank gesichert, die Allianz die Staatliche Versicherung, Steigenberger die DDR-Interhotels und so weiter.

Scheunert erkannte unter den aufgebrachten Interflugleuten seinen alten Studienkollegen und Freund Micha, jetzt Betriebsrat. Für Micha sei Scheunert ein Verräter gewesen. Wenn der Treuhänder künftig einem Ostler sagte, wo er arbeite, war das Gespräch gewöhnlich zu Ende.

Auch Westdeutsche machten merkwürdige Erfahrungen mit Scheunert. Er erinnert sich noch an einen bayerischen Mittelständler mit Goldkette, wen der kaufen wollte, hat Scheunert vergessen. Der Bayer habe dem Treuhand-Direktor erklärt, wie er den faulen Ostlern nun das Arbeiten beibringen werde. Scheunerts Mitarbeiter sollen Mühe gehabt haben, ihre Gesichtszüge zu kontrollieren, denn sie kannten solche Szenen schon. Nun hielt Scheunert den Gegenvortrag. Ob der potenzielle Käufer nicht wisse, dass die Ostler für alle Deutschen den Preis des verlorenen Kriegs gezahlt hätten, und viele zahlten jetzt wieder, nämlich den Preis der Einheit, denn die mache nicht jeden zum Gewinner so wie ihn.

Maschinenbau-Studium in Dresden

Kein Mensch konnte damit rechnen, in der 6. Etage, der Vorstandsetage der Treuhand, auf einen leibhaftigen Eingeborenen zu treffen. Als Scheunert zum ersten Mal in seinem neuen Dienstwagen, Mercedes E-Klasse, nach Hause gleich hinter Döbeln fuhr, habe der Vater nur gesagt: Junge, bist du verrückt? Stell das Ding hinter die Scheune!

Der Sohn eines Bauern wird Bauer, so viel ist klar. Aber es gab keine Bauern mehr, keine richtigen in Vater Scheunerts Augen, nur noch LPG-Mitglieder. Also durfte Detlef, der Klassenbeste, das Abitur machen. Die Schule habe es zwar zu verhindern versucht, denn wo kommen wir hin, wenn Kulakenkinder zur Erweiterten Oberschule dürfen? Aber Vater Scheunert kannte den Schulrat, sie hatten zusammen vor Stalingrad gelegen. Scheunert studierte Maschinenbau in Dresden. Und am Ende war er, gerade 27 Jahre alt, Referent des neuen Ministers für Schwermaschinenbau der DDR, der alte war gestorben. Wie oft hatte sein Vater, der alte Antikommunist, inzwischen gesagt: Komm nach Hause, Junge!

Noch 1988 hatte der junge Scheunert den Minister auf Auslandsreisen begleitet, etwa auf die Hannover-Messe. Die Arroganz der Westler stieß ihn ab. „Unwillkürlich begann ich, die DDR zu verteidigen“, sagt er. Bei Detlev Karsten Rohwedder war der Eindruck anders.

Ob er da schnell mal jemanden abholen könne, der gleich vorm Wirtschaftsausschuss der Volkskammer sprechen soll, wurde Scheunert im Juni 1990 gefragt, inzwischen Sekretär beim letzten DDR-Wirtschaftsminister. Scheunert hatte keine Ahnung, wen er abholt. Der Ausschuss überzog, also sprachen sie fast eine Stunde miteinander. Am Ende sagte der Vorstandsvorsitzende des Hoesch-Konzerns und designierte Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder: Kommen Sie zu mir!

Die Treuhand war ursprünglich eine ostdeutsche Idee. Sie wurde am Vorabend des 40. Republikgeburtstages gefasst in einem Kreis von Intellektuellen um den Physiker Gerd Gebhardt und den Theologen Wolfgang Ullmann. Die hatten die DDR schon vor der Maueröffnung gedanklich hinter sich gelassen und dabei ein Problem identifiziert: Was wird aus dem Volkseigentum? Wie kann es in wirkliches Eigentum der Bürger transferiert werden, wenn diese nicht als 17 Millionen Proletarier in ein neues Leben treten sollen? Müsste man die Bürger nicht per Aktie daran beteiligen? Der Physiker Gebhardt hatte das Volksvermögen der DDR im März auf 650 Milliarden Ostmark geschätzt.

Üble Bilanz

Thilo Sarrazin im Bonner Finanzministerium rechnete zur selben Zeit anders: Der wirtschaftliche Wert des Produktiveigentums der DDR sei negativ. „Es liegt am völlig anderen ökonomischen Rahmen“, sagt Scheunert. Er denkt daran, wie er potenziellen Käufern die Ilmenauer Glaswerke zeigte. 18 Öfen. Das war alles riesig, viel zu groß. Und zu alt. Und noch eine Devise gab Sarrazin damals aus: „Wir bezahlen alles, also bestimmen wir alles.“ Klingt plausibel. Klingt wie der Anfang einer miserablen Ehe.

Von der Ursprungsidee der Treuhand war fast nichts geblieben, als sie in der zweiten Juliwoche 1990 ihre Arbeit aufnahm. Und am Ende war es wohl in der Tat eine „Notschlachtung“ der DDR-Wirtschaft, wie Thilo Sarrazin einst sagte. Obwohl die Treuhänder immer versuchten, mehr daraus machen, sogar in so aussichtslosen Fällen, Kategorie 6, wie dem VEB Döbelner Schlösser und Beschläge. Scheunert fuhr nach Göteborg, zum weltgrößten Autogurte-Hersteller Autoliv. Zu spät, hätten die Schweden gesagt, wir gehen gerade nach Asien. Aber Döbeln ist besser, habe Scheunert widersprochen. Sie kamen, sanierten und fingen an: mit 23 Mitarbeitern statt 2.300. Am Ende waren es 300.

Zwölf Prozent der verkauften ostdeutschen Betriebe gingen an Ostdeutsche. Das ist wohl die übelste Bilanz der Treuhand, so sieht es auch Scheunert.

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Als die Treuhand sich 1994 auflöste, merkte er bald, dass er im Osten keine Arbeit finden würde. Nicht mit dieser Biografie, nicht als Treuhänder, nirgends. „Komm zurück, Junge, du kannst hier die Schweine füttern, es ist ehrlicher“, sagte sein Vater. Aber Scheunert stand bald vor dem Bertelsmann-Chef Mark Wössner in Gütersloh und sagte sinngemäß, er sei der, auf den Wössner immer gewartet habe.

Dann sanieren Sie doch meine Westfalia-Werke!, antwortete Wössner.

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