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Wo Carl Maria von Weber gehustet hat

Trickfilmer Jörg Herrmann aus Kreischa lässt den Komponisten als Silhouette lebendig werden. Zu sehen in Dresden-Hosterwitz.

Carl Maria von Weber mit einer Bleikugel, die in seinem „Freischütz“ zur Freikugel wird.
Carl Maria von Weber mit einer Bleikugel, die in seinem „Freischütz“ zur Freikugel wird. © Jörg Herrmann

Ein junger Mann tänzelt im biedermeierlichen Dresden von der Königlichen Hofoper die Elbe entlang zu seinem Sommerhaus in Hosterwitz. Ein paar Schritte vor und wieder zurück, im Zwei- oder Dreivierteltakt: Carl Maria von Weber ist einer neuen Melodie auf der Spur. Zu Hause angekommen, setzt sich der Hofkapellmeister an den Flügel und bringt seine Eingebungen zu Papier. Diese fügen sich in drei Jahren zu seiner berühmtesten Oper, die anfangs „Die Jägersbraut“ heißt und als „Der Freischütz“ zu einem Dauerbrenner auf den deutschen Bühnen wird.

Die wohl sächsischste aller Opern, das Libretto schrieb Friedrich Kind, wird am 18. Juni 1821 uraufgeführt. Allerdings nicht in Dresden, sondern kurioserweise in Preußens Hauptstadt Berlin. Carl Graf von Brühl, Generalintendant der königlichen Theater, nutzt die „Italienisierung“ in Dresden aus, wo Deutsch als Opernsprache als unfein gilt, um mit dem deutschsprachigen „Freischütz“ das neugebaute Schauspielhaus in Berlin zu eröffnen. Brühl regt auch die Umbenennung der Oper an.

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Diese Geschichte erzählt Jörg Herrmanns neuester Silhouettenfilm „Komponieren beim Spazieren“ im Carl-Maria-von-Weber-Museum in Dresden-Hosterwitz, dort, wo die Oper in wichtigen Teilen entstand. Und wo der Kapellmeister, der mit nur 39 Jahren an Tuberkulose starb, vor 200 Jahren gehustet hat. Das sei in einem seiner Briefe an seine Frau überliefert, sagt Hedda Gehm, die gemeinsam mit Herrmann das Drehbuch schrieb.

Hedda Gehm und Jörg Herrmann vor dem Weber-Museum in Hosterwitz.
Hedda Gehm und Jörg Herrmann vor dem Weber-Museum in Hosterwitz. © Thomas Morgenroth

Die Dresdner Theaterwissenschaftlerin wälzte stapelweise Bücher, um Zeitzeugen, Freunde, die Familie und natürlich Weber selbst im Film zu Wort kommen zu lassen. „Wir haben ausschließlich originale historische Zitate verwendet und diese situativ zusammengestellt, nicht in chronologischer Abfolge“, sagt Hedda Gehm. Sprecher ist der Dresdner Sänger Dirk Döbrich, der Gesangslehrer beim Kreuzchor ist.

19.000 Fotos für 13 Minuten

Die Textsammlung ist eines der Fundamente für den dreizehn Minuten langen Film, den Jörg Herrmann in seinem Mediahaus im Kreischaer Ortsteil Gombsen hergestellt hat. Herrmann, der nächstes Jahr 80 wird, ist der wohl letzte Trickfilmer weltweit, der Scherenschnitte ganz klassisch per Hand zum Leben erweckt. Für jede Sekunde seiner Filme braucht er 24 Bilder. So änderte er für „Komponieren beim Spazieren“ nahezu 19.000 Mal millimeterweise die Position der Figuren und drückte bei jeder neuen Einstellung den Auslöser der digitalen Kamera. Diese ist an einer Schiene über dem Tricktisch angebracht, einer von unten beleuchteten Glasplatte. Gebaut von Herrmanns Sohn Friedrich.

Der Junior, der im Mediahaus eine eigene Firma mit Druckerei und Veranstaltungsservice betreibt, besorgte zudem das Compositing, also die Zusammenführung der einzelnen Bilder am Rechner, sowie für einige Spezialeffekte wie Blitze bei einem Gewitter oder flackernde Kerzen. Das ließe sich im Grunde zwar auch per Hand animieren, aber so puristisch ist Jörg Herrmann dann doch nicht.

Die Figuren aber, die, bis auf den Weber, der Grafiker Matthias Otto entworfen hat, sind aus Pappe ausgeschnitten. Für das Profil des Kopfes des Komponisten bediente sich Herrmann bei einem Ölgemälde eines unbekannten Meisters, das den Titel eines Buches über Weber aus DDR-Zeiten ziert. Weitere Hauptdarsteller sind Webers Frau Caroline, die er mit Kosenamen wie Moppel, Muks oder Herzenshamster bedenkt; Sohn Max, der das „Komponieren beim Spazieren“ seines Vaters überliefert hat, sowie die Haustiere der Familie: ein Hund, ein Kater, der Rhesusaffe Schnuff und ein sprechender Rabe.

Herrmann malte die farbigen Hintergründe selbst auf Transparentpapier. Für einige Szenen nutzte er zeitgenössische Lithographien von J.C.A. Richter. Zutaten sind zudem Partituren von Weber, die Hedda Gehm auf Flohmärkten und in Antiquariaten fand, darunter eine hundert Jahre alte Notenabschrift eines unbekannten Musikers von der „Jubel-Ouvertüre“, die Weber im Film mit einer Art Knüppel dirigiert – dem Taktstock, einer Neuerung, die der Kapellmeister in Dresden einführte.

Die „Jubel-Ouvertüre“ und die Motive aus dem „Freischütz“ hat der Dresdner Komponist Cornelius Renz arrangiert und eingespielt. Mit Ausnahme der Ouvertüre zur Oper, die in einer Aufnahme von 1937 erklingt. Renz ist der Sohn der ehemaligen Leiterin des Weber-Museums. Dorothea Renz hatte Herrmann mit dem Film beauftragt. Für ihn ist es eine Liebhaberei geworden. „Die Kosten belaufen sich auf 36.000 Euro“, sagt er. „An Fördermitteln standen aber nur 16.000 Euro zur Verfügung.“

Weltrekord aus Gombsen

Jörg Herrmann ist Trickfilmer aus Leidenschaft, der in Russland genauso geschätzt wird wie in Kanada oder in der Lausitz. 2011 stellte er den mit 72 Minuten längsten handanimierten Silhouettenfilm aller Zeiten fertig, „Der siebente Rabe“, eine Geschichte um die Sagenfigur Krabat. Das Buch schrieb er zusammen mit Hedda Gehm. 1964 arbeiteten sie das erste Mal zusammen, im Defa-Studio für Trickfilme in Dresden, als die Studentin bei dem Regisseur ein Praktikum absolvierte.

Erst 2008 kam es zu einer erneuten Kooperation, für den Kurzfilm „Victory“, einer Parabel auf die Sinnlosigkeit des Krieges. „Komponieren beim Spazieren“ hingegen ist ein vergnüglicher Streifen, der viel über den Komponisten und seine Zeit erzählt, ohne dabei wie eine Dokumentation zu wirken. Es gehöre allerdings zur filmischen Absicht, dass, „wenn die Lichter erloschen sind“, Fragen offen bleiben, sagt Hedda Gehm. Zum Beispiel diese: „Wo hat Carl Maria von Weber noch gehustet?“

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Jörg Herrmann aus Kreischa ist der letzte Trickfilmer Deutschlands, der seine Figuren noch mit der Hand animiert.

Der Film ist dauerhaft im Carl-Maria-von Weber-Museum zu sehen. Bis 17. September gibt es eine Ausstellung über den Trickfilmer Jörg Herrmann. Geöffnet ist Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen von 12 bis 17 Uhr.

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