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Feuilleton

Starkes Stück mit starken Frauen

So sehenswert kann Erstarrung sein: „Der Kirschgarten“ hatte am Dresdner Schauspielhaus Premiere.

Kommt da noch was? Mutter und Töchter (Anja Laïs, Eva Hüster, Henriette Hölzel, v. l.) werden ihren Kirschgarten aufgeben müssen.
Kommt da noch was? Mutter und Töchter (Anja Laïs, Eva Hüster, Henriette Hölzel, v. l.) werden ihren Kirschgarten aufgeben müssen. © Sebastian Hoppe

Von Marcel Pochanke

Alles gut. Die banale Redewendung hat Konjunktur. Starke Worte, die oft nicht mehr meinen als ein betuliches: Geht schon. Lassen wir das. Irgendwann in der langen Nacht, mit der Anton Tschechows „Kirschgarten“ einsetzt, heißt es auch im Dresdner Schauspielhaus: „Alles gut.“

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Das Gegenteil ist der Fall: Ein Schuldenberg erdrückt die Familie, russischer Landadel, der die Veränderungen, die das Ende der Leibeigenschaft mit sich brachte, noch nicht annähernd angenommen hat. Der uralte Kirschgarten wird versteigert werden. Aber die abstrakte Last sieht man nicht, so lange man unter sich ist und wie in alten Zeiten das Glas zur Musik erhebt.

Abstrakt wirkende Probleme, die entschlossenes Handeln erfordern, aber hinter dem scheinbar notwendigen Weitermachen im Alltag zurückstehen – das kommt einem sehr aktuell vor. Regisseur Andreas Kriegenburg hat vor dem Dresdner Kirschgarten bei den Salzburger Festspielen „Simon Boccanegra“ von Guiseppe Verdi inszeniert. Dort wurde in aktueller Businessmode viel getwittert. Am Schauspielhaus verzichtet Kriegenburg auf den ersten Blick auf eine deutliche Verheutigung der Szene, die um 1900 spielt.

Wären da nicht diese Ausbrüche. Anja, die Tochter des Hauses, gerät irgendwann in der Mitte des Stücks in einen halbwahnsinnigen Monolog: „Das war doch alles so schön ...“, beginnt sie zynisch, um dann auszuholen und von „Dreckskarren“ zu ätzen, die „ihr so lange rumfahrt, bis wir den Karren aus dem Dreck ziehen.“ Müde werde sie davon. Von „eurer Dummheit, eurer Ungerechtigkeit, eurer Arroganz.“ Sie „gucke mit 17 schon in den Spiegel, ob mein Arsch schon hängt.“ Anja, von Eva Hüster hier schäumend, sonst oft nach Halt suchend gespielt, sinkt nieder, Kissen werden ihr untergeworfen, dann zerrt sie einer hoch, die Tirade setzt sich fort – eine eindrucksvolle Szene.

Was ausbleibt, ist die Konsequenz. Die Figuren sind mit sich selbst beschäftigt. Alles gut. Aus dem starken Ensemble ragen die Frauen heraus. Sicher auch, weil in einer Zeit des bevorstehenden Wandels ihre Zerrissenheit besonders ausgeprägt ist: Überlieferte Hilflosigkeit und der Wunsch nach Vorzeigbarkeit mischen sich mit Anflügen der Emanzipation. Anja Laïs verleiht der Ranewskaja, Noch-Eigentümerin des Kirschgartens, ein feines Schwingen: Ist das, was sie preisgibt, Gefühl oder nur angelernter Affekt? Kann sie es selbst unterscheiden? Auch Henriette Hölzel legt die Warja, Adoptivtochter des Hauses, höchst wechselhaft an: Eiseskälte und Leidenschaft werden nach Bedarf abgerufen.

Die Abgründe, die sich auftun, wollte Tschechow in eine Komödie überführen. Das kann man so inszenieren, es drängt sich aber nicht auf. Kriegenburg greift in Dresden dankbar zu. Er führt all die bissigen Stellen im Text nicht nur als Komödie auf. Er dehnt den Schmerz ins Lustvolle. Der Kirschgarten lässt sich auch in eineinhalb Stunden über die Bühne bringen. Kriegenburg nimmt sich knapp drei. Unter anderem, weil er dem Ensemble die Chance gibt, in teils improvisierten Zwischenszenen dem Publikum Zucker zu geben. Alle Gesichter sind weiß geschminkt. Das macht das feine Mienenspiel stärker. Und es lässt in Verbindung mit den historisierenden, aber durchweg ebenso weißen Kostümen von Andrea Schraad eine geisterhafte Atmosphäre entstehen: Welt im Auflösen.

Wo nach Tschechows Idee das Zimmer zum Ende hin geleert wird, gibt es in der Dresdner Version von Anfang an weiße Wände und fast keine Möbel. Der Kirschgarten wird nur gelegentlich als Zitat sichtbar, dann erscheinen grünende Äste als Videoprojektion an der Zimmerdecke. Darunter sitzt das Ensemble oft aufgereiht vorn an der Plattform, die Kriegenburg auf die Bühne gestellt hat. Als hofften sie: Wenn wenigstens das Publikum an das alte Leben glaubte, was hier inszeniert wird, dann könnte es vielleicht wahr sein – und dann doch immer so weitergehen.

Wieder am Sonntag, 16 Uhr, danach am 28. September, 12. und 25. Oktober, jeweils 19.30 Uhr. Kartentelefon: 0351 4913555