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Über Kimme und Korn

Rund 13.500 Sportschützen gibt es in Sachsen. Die Faszination versteht nicht jeder. Ein Selbstversuch.

Von Dominique Bielmeier

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Mein ausgestreckter Arm zittert, als ich ihn langsam von oben nach unten über die kleine Papp-Zielscheibe in zehn Metern Entfernung führe. So wie der Trainer es mir gezeigt hat und es acht Zwölf- bis 13-Jährige seit anderthalb Stunden vormachen. Ich bin beim Training der Schülerklasse der Privilegierten Scheiben-Schützen-Gesellschaft zu Dresden (PSSG), um herauszufinden, was am Schießsport so toll sein soll, dass sich rund 13.500 Sachsen dafür begeistern können. So viele sind laut Sächsischem Schützenbund in den 363 Vereinen im Freistaat aktiv. Im Laufe des Jahres soll die Zahl an die 14.000 gehen, sagt Geschäftsführer Ralph Martin voraus. Beim Deutschen Schützenverbund greifen sogar rund 1,37 Millionen Mitglieder regelmäßig zur Waffe.

Trainer Peter Frohberg zeigt der Autorin das Laden der Luftpistole.

Auch bei mir soll es heute nicht beim Zusehen bleiben. In meiner rechten Hand glänzt eine nagelneue Luftpistole, geladen mit einem einzigen, winzigen Geschoss, einem Diabolo. Ich kneife das linke Auge zu und blicke mit dem anderen über den Lauf. Als ich den Kreis aus schwarzen Ringen gerade durchkreuzt habe und Kimme und Korn auf einer Höhe sind, drücke ich ab. So trifft man am besten die Mitte, den Kreis mit der Nummer zehn, hat der Trainer mir erklärt. Ich treffe die rechte obere Ecke, gerade so. Hinter mir kichern ein paar Kinder. Auf ihren Zielscheiben ist der schwarze Kreis schon mächtig durchlöchert.

Auch die nächsten Schüsse gehen selten ins Schwarze, treffen aber immerhin die Pappe. „Wer als Anfänger fünfmal die Scheibe trifft, ist schon gut“, hat Trainer Peter Frohberg mir zuvor gesagt. Der 59-Jährige muss es wissen, er hat bereits in der siebten Klasse mit dem Schießen angefangen und ist mittlerweile seit über 40 Jahren Trainer. Dass er meine ersten Schießversuche gar nicht so schlecht findet, freut mich deshalb. Vor allem, da die PSSG meinem Wunsch, mal über ein Training zu schreiben, zunächst skeptisch gegenüberstand. Kein Wunder, ist doch kaum ein anderer Sport so umstritten wie das Schießen – auch in der Presse.

Bevor ich mich überhaupt zur PSSG nach Klotzsche aufmache, erhalte ich vom Vereinsvorsitzenden Uwe Steffen ein Dokument mit den wichtigsten Informationen über seinen Verein und den Schießsport. Darin finden sich auch Antworten auf die Frage „Wie gefährlich ist Schießen?“ – noch bevor ich sie selbst stellen konnte. Die Frage ist berechtigt, denn selbst eine Luftpistole, wie sie Zwölfjährige im Training verwenden, kann, auf kurzer Distanz abgefeuert, zu schlimmen Verletzungen führen. In Online-Foren ist von „Fleischwunden“ die Rede. Bei der PSSG – wie bei vielen Schützenvereinen – wird zudem mit Klein- und Großkaliberwaffen geschossen. Hier besteht ein deutlich größeres Verletzungspotenzial.

Das wissen auch die Trainer und nehmen das Thema sehr ernst. Die immer gleichen Bewegungen einzustudieren und vor allem Disziplin zu lernen, sei das Wichtigste im Training, erklärt mir Frohberg. Daher dürfen die Waffen nur mit einem roten Sicherungsfaden abgelegt werden, der zeigt, dass die Pistole nicht geladen ist. Beim Nachladen zwischen den Schüssen richte ich den Lauf einmal für einen Moment nicht nach vorne Richtung Zielscheibe, sondern neben mich. Ein erschrockenes Raunen geht durch das Zimmer, Frohberg korrigiert mich sofort. Anders als die Nachwuchsschützen hatte ich tatsächlich kurz die Gefahr meiner Waffe vergessen.

Eine Gefahr sehen viele Bürger auch darin, dass durch Schützenvereine viele scharfe Waffen im Umlauf sind – sowohl in den Vereinsräumen als auch Privatwohnungen. Das Sächsische Innenministerium zählte im Februar 135.571 erlaubnispflichtige Schusswaffen in Privatbesitz. Für Trainer Frohberg kommt diese Zahl jedoch nicht durch Sportschützen zustande: „Ein echter Sportler nimmt seine Waffe niemals mit nach Hause, sondern schließt sie im Verein ein, wo er sie auch braucht“, erklärt er. „Ein Formel-1-Fahrer nimmt sein Auto ja auch nicht mit nach Hause.“ Im Verein gelten strengste Regeln für die Verwahrung. Dafür sorgt das Waffengesetz. „Man brauchte schon einen Panzer, um in den Tresor zu kommen“, so Frohberg.

Der Vereinsvorsitzende Uwe Steffen beruft sich in seinem Schreiben zur Gefahr durch Sportschützen auf das „Bundeslagebild Waffenkriminalität 2012“, welches das BKA herausgegeben hat. Ein Blick in den Bericht zeigt, dass Verstöße gegen das Waffengesetz seit Jahren rückläufig sind und auch die Zahl der Bedrohungen mit Schusswaffen abgenommen hat. „Von den 2012 im Zusammenhang mit Straftaten sichergestellten 431 Waffen handelte es sich nur in fünf Fällen (1,2 Prozent) um legale Schusswaffen“, fasst Steffen zusammen. Für ihn ist eine Gefährdung der Bevölkerung durch legale Schusswaffenbesitzer daher quasi nicht vorhanden.

Doch was ist mit denen, die von Kindesbeinen an den Umgang mit der Waffe lernen? Werden die nicht praktisch zu Killern erzogen? Mein Urteil steht schnell fest. Das Einzige, was die jungen Schützen um mich herum an diesem Tag lernen, ist Konzentration und Disziplin. Jeder der acht geht vollkommen in seiner Trainingsaufgabe auf, lässt sich Zeit für jeden Schuss und ist so ruhig, wie ich es selten von einer Gruppe von Kindern dieses Alters gesehen habe. Für sie geht es schließlich um etwas: Die Talentiertesten sollen später an Wettkämpfen teilnehmen. „Wir haben bisher immer Medaillen von Deutschen Meisterschaften mitgebracht“, erzählt Frohberg stolz.

Und auch für mich geht es plötzlich um etwas. Ich erhalte meine erste Trainingsaufgabe. Zehn von zehn Schüssen sollen in die Ringe der Scheibe gehen. Ich lasse mir Zeit, wie ich es bei den andern abgeguckt habe. Die ersten Schüsse treffen tatsächlich nahe ans Schwarze, einmal fast in die Mitte. Vor Freude über das Lob treffe ich das nächste Mal gefühlt höchstens die Lampe über der Zielscheibe. Schon sind meine zehn Diabolos verschossen und Frohberg lässt per Knopfdruck meine Scheibe zu uns fahren. Achtmal habe ich getroffen, davon dreimal ins Schwarze. Immerhin.

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