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Leben und Stil

Unsere Enkelin ist magersüchtig!

Nach einem Klinikaufenthalt wird ein Kind rückfällig, Eltern und Großeltern machen sich Sorgen. Was tun? Kinderpsychiater Veit Rößner weiß Rat.

Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Uniklinikum Dresden
Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Uniklinikum Dresden © SZ

„Unsere Enkelin (10) war bereits aufgrund einer Magersucht in einer Klinik und wurde mit gutem Gewicht entlassen. Wenig später führte sie die Abwärtsspirale wieder in die Klinik. Der Auslöser ist bisher unbekannt. Was können wir als Großeltern tun? Wie können wir die Eltern unterstützen?“

Kinderpsychiater Veit Rößner: 

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Damit Sie Ihre Enkelin positiv beeinflussen können, ist Ihre Bindung zueinander entscheidend. Ihre Unterstützungsmöglichkeiten hängt zudem davon ab, ob Sie im gleichen Ort oder gar im gleichen Haus wohnen, wie häufig Sie Kontakt haben und natürlich auch wie es um die Beziehung zu den Eltern Ihrer Enkelin bestellt ist.

Bei regelmäßigem Kontakt könnten Sie etwa in einem stabilen Gewichtsstadium gemeinsame Mahlzeiten im Alltag anbieten oder regelmäßig für das Kind da sein. Auch die Begleitung zu Therapien kann wertvolle gemeinsame Zeit und auch eine Entlastung für die Eltern sein. In der Pubertät können Großeltern zuverlässige Gesprächspartner und Sorgenfresser im Alltag sein. Das klappt aber nicht immer, denn mitunter richtet sich die Rebellion gegen alle Erwachsenen.

Bezüglich der Ursachen zeigt die klinische Praxis, dass gerade bei sehr jungen Mädchen mit getrennten bzw. sich viel streitenden Eltern eine Essstörung unbewusst zur Stabilisierung des Familiensystems dient. Die Tatsache, dass sich die Eltern aufgrund der Erkrankung wieder mehr gemeinsam kümmern, nährt beim Kind die Hoffnung, dass sie wieder ein Paar werden. Das bedeutet aber, dass die Tochter gar nicht gesund werden kann, da sonst dieses „stabilisierende Projekt“ wegfällt.

Aber auch viele Heranwachsende aus besonders harmonischen Familien erkranken an Magersucht. Manchmal fungiert dann die Erkrankung als unbewusster Abgrenzungs- und Ablöseversuch. Mitunter beobachten wir auch, dass gerade bei sehr jungen Erkrankten andere Konflikte, Verluste oder scheinbar unlösbare Bedrängnisse die Ursache der Essstörung sein können. Daher sollte die Erarbeitung eines individuellen Modells der Erkrankung innerhalb nachstationärer, mindestens wöchentlicher therapeutischer Kontakte ein wesentlicher Therapiebaustein sein.

Eine Psychotherapie, engmaschige Gewichtskontrollen durch einen Arzt und monatelanges, strenges Einhalten eines Essenplans unter Kontrolle bilden die Grundlage der Genesung – besonders nach einem Rückfall. Eine mindestens ein Jahr lang begleitende Familientherapie in einer Familientagesklinik für Essgestörte gibt den Betroffenen und ihren Angehörigen in regelmäßigen Abständen immer wieder Unterstützung in Alltagsfragen, wertvolle Impulse und Möglichkeiten zum Hinterfragen der eigenen Familiendynamik.

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Das alles setzt aber ein stabiles Krankheitsstadium voraus. Leider ist nämlich die Macht der Magersucht bei einem niedrigen Körpergewicht so stark, dass es den Mädchen oft sehr schwerfällt, Unterstützung anzunehmen, die auf Genesung und damit auf Gewichtszunahme abzielt. Sie versuchen, wenn auch nur zum Teil bewusst, auch Erwachsene gegeneinander auszuspielen, um so der gefürchteten Gewichtszunahme zu entgehen. In dieser Phase ist es wichtig, da zu sein, zu besuchen, zu ermutigen und zu trösten. Gleichzeitig müssen Sie sich gut mit den Hauptbezugspersonen absprechen, Krankheitsverlauf und Bedürfnisse abgleichen und die Empfehlungen der hoffentlich familientherapeutisch arbeitenden Klinik berücksichtigen, damit auch Ihre Beziehungen auf der Ebene der Erwachsenen keinen Schaden nehmen.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie eine Mail an [email protected]