merken
PLUS

US-Filmcrew auf den Spuren von Richard Hauptmann

Der Kamenzer wurde 1936 für den Mord am Lindbergh-Baby hingerichtet. Er hat die Tat immer bestritten.

In kurzen Hosen unterm Herrnhuter Stern: Die Filmcrew aus den USA und München traf sich im Rathaus mit OB Roland Dantz (vorn 2.v.l.) und Stadtarchivar Thomas Binder (r.). Das Interesse am „Jahrhundertprozess“ gegen den Kamenzer Richard Hauptmann von 1935
In kurzen Hosen unterm Herrnhuter Stern: Die Filmcrew aus den USA und München traf sich im Rathaus mit OB Roland Dantz (vorn 2.v.l.) und Stadtarchivar Thomas Binder (r.). Das Interesse am „Jahrhundertprozess“ gegen den Kamenzer Richard Hauptmann von 1935 © Thomas Käppler

Kamenz. Amerikaner in Kamenz! Das allein ist schon eine Nachricht. Erst recht, wenn sie wie am Dienstag dieser Woche mit Kamera- und Aufnahmetechnik unterwegs sind. Und auch im Rathaus aufschlagen, wo sie vom OB höchstselbst empfangen werden. Und wo sie sich auf der Rathaustreppe mit Roland Dantz und Stadtarchivar Thomas Binder zum Erinnerungsfoto aufstellen.

 Vor fast 85 Jahren waren auch Amerikaner in Kamenz gewesen – und damals wie heute ging und geht es um einen Sohn der Stadt, der überm Teich wahrscheinlich (leider) bekannter ist als Gotthold Ephraim Lessing. Bruno Richard Hauptmann war am Abend des 3. April 1936 auf dem elektrischen Stuhl in Trenton/New Jersey hingerichtet worden. Für eine Tat, die er bis zuletzt vehement und mit vielen guten Argumenten abgestritten hatte. Es ging und geht um die Entführung und Ermordung des Lindbergh-Babys, was in Amerika weiterhin als „Jahrhundertverbrechen“ gilt und das in einem „Jahrhundertprozess“ geahndet wurde. Mit dem Ergebnis, dass nicht nur ein Kind, sondern am Ende auch ein Auswanderer aus Kamenz tot war.

Anzeige
Nie wieder Langeweile! 

Viel Freizeit, aber keinen Plan? Unser Ferienführer liefert jede Menge Ideen für ein perfektes Ferienprogramm.

Die Zeichnung von Richard Hauptmann (Ausschnitt) stammt von  dem Künstler Tony Franz. Er hat sie 2013 geschaffen. Sie befindet sich heute in Besitz der Städtischen Sammlungen von Kamenz. 
Die Zeichnung von Richard Hauptmann (Ausschnitt) stammt von dem Künstler Tony Franz. Er hat sie 2013 geschaffen. Sie befindet sich heute in Besitz der Städtischen Sammlungen von Kamenz.  © Repro: SZ

Die amerikanische Filmcrew, unterstützt durch die Conradt And Friends GmbH aus Dießen a. Ammersee, recherchiert zu bekannten Kriminalfällen, deren Hergang nach wie vor mehr im Dunklen liegt. Für eine ganze Fernsehserie, wie man hört. Ein Fall, wie könnte es anders sein, ist der Lindbergh-Baby-Mord von 1932. 

Das Team um Moderator Christof Putzel, dessen Großvater bei der Hinrichtung Hauptmanns als junger Reporter live dabei gewesen war, hatte sich im Rathaus auch beim OB angemeldet, was auch mit dessen Insiderwissen als Herausgeber der SZ Edition „Jahrhundertverbrechen“ von 2014 zusammenhängen dürfte. 

Die bunte Truppe ließ sich von Roland Dantz an wichtige Lebensorte des Kamenzer Auswanderers in Kamenz führen. „Wir waren natürlich am Wohnhaus der Familie Hauptmann auf der Bautzner Straße.“ Aber auch die Schule am Schulplatz oder das alte Amtsgericht am Damm wurden ins Bild gesetzt.

 Hauptmann war am 26. November 1899 in Kamenz zur Welt gekommen und hatte hier seine insgesamt glückliche Kindheit (bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges) verlebt. Später war er auf die schiefe Bahn geraten, was ihm viele Jahre später in den USA mit zum Verhängnis wurde. Immerhin hatte er sich nach einem Verstoß gegen Bewährungsauflagen auf illegale Weise über den Atlantik abgesetzt, wo er bis zu seiner Verhaftung im Lindberghfall 1934 ein unbescholtenes Leben als handwerkender Ehemann und Familienvater geführt hatte.

Alibi nicht anerkannt

Die amerikanische Filmcrew war gut im Bilde über die Lebensstationen eines ihrer derzeit wichtigsten Protagonisten. So wundert es nicht, dass sie am Mittwoch auch der JVA in Bautzen einen Besuch abstattete. Hier saß der wegen Raubes verurteilte Hauptmann bis 1922 ein. Und am Donnerstag war man im Raum Augsburg unterwegs, wie man hört. Aus dieser Gegend stammte Anna Hauptmann, Richards Ehefrau, die bis zu ihren Tode mit 94 Jahren um die Rehabilitation ihres Mannes gekämpft hatte. Ihr Mann war in der Baby-Entführungsnacht daheim bei ihr gewesen, also mehr zwei Stunden Autofahrt vom Tatort entfernt. Aber dieses Alibi wurde im Prozess wie auch andere entlastende Aussagen von Freunden und Bekannten nicht anerkannt.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Das Schicksal des Lindbergh-Babys

Das Kind der Luftfahrtpioniere Anne und Charles Lindbergh wurde nur 20 Monate alt.

Symbolbild verwandter Artikel

Der Deckel über dem Fall ist auf

SZ-Redakteur Frank Oehl über den Fall Richard Hauptmann und einen Prozess, der immer wieder neu aufgerollt wird..

 Wie man hört, wollen die Amerikaner weiteren Spuren auch zu anderen möglichen Lösegeld-Besitzern nachgehen. „Der Ansatz ist investigativ“, bestätigt Roland Dantz. Auch im Polizeiarchiv in Trenton, New Jersey habe man schon interessante Entdeckungen gemacht, heißt es, die den Zweifel mindestens an der gerichtlich festgestellten (Allein)-Schuld Hauptmanns nähren. „Wir sind sehr gespannt, was die Recherchen noch ergeben“, so der Oberbürgermeister. Die Crew habe ihm versichert, dass man der Stadt Dokumente aus der Recherche zur Verfügung stellen werde. „Auch eine Kopie der Sendung, wenn sie gelaufen ist, wird uns zugehen.“ Immerhin gebe es ja jede Menge Anknüpfungspunkte ...