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Verbrannte Vögel

Wollte Wladimir Putin als KGB-Agent in Dresden eine Studie über das Töten mit Gift beschaffen? Das behauptet ein ehemaliger Stasi-Offizier mit einer bewegten Biografie.

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Von Thomas Schade

Der Mann lebt irgendwo bei Mannheim, war zuletzt Mitarbeiter einer Wachschutzfirma und wird nächstes Jahr 60. Er hat ein Profil bei Xing, dem Karrierenetzwerk im Internet. Aber das nutzt Klaus Z. nicht, er führt ohnehin ein eher unauffälliges Leben. Dabei hätte er viel zu erzählen, vieles, was einigen unangenehm werden könnte. Denn Klaus Z. war bis 1989 in Dresden bei der Bezirksverwaltung der Stasi tätig und hat seinerzeit den Mann geduzt, der heute Präsident von Russland ist – Wladimir Putin.

Putins Amtsstube: Die ehemalige KGB-Dienststelle in Dresden.
Putins Amtsstube: Die ehemalige KGB-Dienststelle in Dresden. © Robert Michael
Mit Putin auf Du und Du: Stasi-Offizier Klaus Z.
Mit Putin auf Du und Du: Stasi-Offizier Klaus Z. © BStU

Im Januar 2000 hat Klaus Z. schon einmal mit der SZ geredet. Nun haben zwei Redakteure des Rechercheteams Correctiv

über einen längeren Zeitraum noch einmal mit dem gebürtigen Dresdner gesprochen. Sie halten ihn durchaus für glaubwürdig. Und er hat ihnen bisher unbekannte Details über Russlands starken Mann erzählt.

In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre ist Putin Major des sowjetischen Geheimdienstes KGB in Dresden. Klaus Z. nennt ihn Wolodja. Der tschekistische Waffenbruder habe damals großes Interesse an den Informationen eines Dresdner Medizinprofessors gehabt, berichtet Z. Der Wissenschaftler hatte angeblich Zugang zu einer eine Studie über tödliche Gifte, die kaum Spuren hinterlassen. „Eine umfassende Anleitung zum lautlosen Töten“, schreiben die Reporter von Correctiv. Die „Bandbreite reicht von vorgetäuschtem Selbstmord bis hin zum Einsatz radioaktiver Stoffe“, heißt es in ihrem Bericht. Sogar das „Beibringen von Arsen über den Penis beim Geschlechtsverkehr“ sei darin erörtert worden.

Um die Studie zu beschaffen, schildert Klaus Z. weiter, habe Putin das „Kompromat“ anwenden wollen – ein Begriff aus dem Jargon des sowjetischen Geheimdienstes. Dabei wird der Zielperson kompromittierendes Material untergeschoben, um sie zu diskreditieren oder gefügig zu machen. Zu dem Zweck, so erzählte Klaus Z. den Reportern, habe er pornografisches Material aus dem Fundus seiner Dienststelle besorgt, das dem Professor untergeschoben werden sollte. Ob es dazu kam, ist unklar. Der Wissenschaftler habe bestritten, dass er auf diese Weise erpresst worden ist, heißt es in dem Report von Correctiv.

Durchführen soll die Aktion auf jedenfalls ein Mitarbeiter der Abteilung K 1 der Volkspolizei. Dieser Mann namens Georg S. wird in dem Correctiv-Report als „Putins rechte Hand“ bezeichnet. Er soll dem damaligen KGB-Major nach den Informationen von Klaus Z. auch den Neonazi Rainer Sonntag als Agent vermittelt haben. Von Sonntag war bisher nur bekannt, dass er inoffizieller Mitarbeiter der Volkspolizei war. Glaubt man Klaus Z., ist der Rechtsextreme in den Achtzigern von Georg S. angeworben und zum KGB weitergereicht worden.

Rainer Sonntag machte in der DDR Karriere als Neonazi und Kleinkrimineller, bis er 1987 in den Westen abgeschoben wurde. Inzwischen ist nicht auszuschließen, dass er damals mit der Legende der Abschiebung als Agent des KGB ins sogenannte Operationsgebiet geschickt worden ist. 1990 kehrte der Neonazi nach Dresden zurück. Bald zog er mit Gleichgesinnten gegen Hütchenspieler und Zuhälter zu Felde, bis er am 1. Juni 1991 auf der Leipziger Straße in Dresden von einem Bordellbetreiber erschossen wurde.

Beide Episoden über Putins KGB-Tätigkeit wären ohne Klaus Z. wohl nie ans Licht gekommen. Wer ist der Mann, der nach so vielen Jahren so alte Geschichten preisgibt, mit denen die Freundschaft zu seinem alten Kumpel Wolodja keinesfalls aufleben dürfte. Im Gegenteil.

Sein Leben beginnt 1956 in einem viergeschossigen Mehrfamilienhaus im Dresdner Stadtteil Pieschen. Zur Arno-Lade-Oberschule, die er besucht, sind es wenige Hundert Meter. Nach Ansicht seiner Lehrer arbeitet Klaus zielstrebig, Geschichte und Literatur haben es ihm angetan. Seine Eltern gehen mit ihm ins Theater. Zu der Zeit hat er noch einen anderen Nachnamen. Klaus K. wird Pionier und FDJler, wie die meisten in der Klasse. Er trainiert Judo in einem Sportverein, spielt Theater in einer Schülergruppe, hätte gern am Dresdner Staatstheater angefangen. Das klappt nicht, so wird er Druckformenhersteller im Grafischen Großbetrieb „Völkerfreundschaft“. Doch die schwarze Zunft ist nicht sein Ziel.

Bei der Gesellschaft für Sport und Technik entdeckt er sein Interesse an einer militärischen Laufbahn. 1974 besteht er die Aufnahmeprüfung an der Offiziershochschule „Ernst Thälmann“ in Zittau, zehn Monate später wird er eingezogen, tritt in die SED ein, schmeißt aber schon ein Jahr später die Offiziersausbildung hin und schrubbt nur seinen Grundwehrdienst runter – aus familiären Gründen, wie es später in seiner MfS-Personalakte heißt, die genauen Gründe hat die Gauck-Behörde in den Unterlagen geschwärzt.

Nach der Armee arbeitet Klaus K. einige Jahre in einer Dresdner Elektro-PGH, hilft Blitzschutzanlagen zu montieren und fühlt sich unterfordert. Immerhin hat er in einem Speziallehrgang das Abitur geschafft. Klaus K. gilt als ehrlicher aufrichtiger Kerl mit klarem Klassenstandpunkt, wie es damals in Beurteilungen heißt.

Am Abend des 28. Mai 1982 klingeln zwei Männer von der Staatssicherheit an seiner Tür. Drei Stunden reden sie mit ihm und fragen am Ende, ob er nicht als Berufssoldat für die Stasi arbeiten will. Durch „einen positiven Personenhinweis des IM Kopernikus‘“, so die Stasi-Floskel, war man auf Klaus Z. aufmerksam geworden.

Nach seiner gescheiterten NVA-Laufbahn sieht der nunmehr 26-Jährige wieder eine Perspektive, doch noch bei den staatlichen Organen Karriere machen zu können. So heuert er bei der MfS-Bezirksverwaltung Dresden an. Als Oberfeldwebel darf er in der Abteilung XV, Aufklärung, als Offizier im besonderen Einsatz (OibE) ran, in einer Diensteinheit, die sich OAG nennt und in der DDR Leute ausspioniert. In Betrieben und Wohngebieten knüpft er Kontakte, arbeitet mit Legenden, besitzt mehrere Ausweise und führt selbst geworbene IMs. In dieser Zeit, im September 1985, so hat es Klaus Z. der SZ im Frühjahr 2000 erzählt, trifft er zum ersten Mal auf Major Wladimir Putin. Frühmorgens um sieben beim Fußball im Jägerpark, einer Sportanlage unweit der Bautzner Straße. Was für den Stasi-Mann Dienstsport und damit Pflicht ist, ist für den KGB-Offizier Kür, der Russe liebt Sport. Der Neue wird als Wolodja vorgestellt. Klaus Z. ist beeindruckt, wie geschmeidig der kleine drahtige Typ auf dem Rasen unterwegs ist und Tore schießt. Beide Männer sind fast gleichaltrig und verstehen sich auf Anhieb.

Es sind die Monate, in denen Putin allein in Dresden ist. Seine Frau Ludmilla bringt in Leningrad die erste Tochter zur Welt. Bald machen beide Männer in Putins Lada den ersten Ausflug ins Erzgebirge. Klaus Z. besucht Putin in dessen Plattenbauwohnung in der Radeberger Straße. Sie reden über russische Geschichte und deutsche Literatur. Der Stasi-Mann glaubt, hinter die Fassade des KGB-Majors geschaut zu haben, der als still, reserviert, kühl gilt. „Da war nicht nur Fassade, da war Herz“, erinnerte sich Klaus Z. im Gespräch mit der SZ. Von ihren Kontakten darf keiner erfahren. Es ist streng verboten, dass MfS- und KGB-Leute privat miteinander verkehren.

Hat die Stasi trotzdem etwas mitbekommen? Das ist nicht auszuschließen, denn die Karriere des Klaus Z. bekommt plötzlich einen Knick. 1988 wird er versetzt in die Abteilung VIII, als einfacher Ermittler. In der Akte heißt es, er habe „erhebliche Schwierigkeiten, festgelegte Konzepte und Entscheidungen von oben bei der Arbeit mit IMs durchzusetzen“. Man wirft ihm Erfolglosigkeit vor. Er werde fahrig und hektisch, wenn es darauf ankommt.

In der Abteilung VIII arbeitet er nicht mal ein halbes Jahr, wird krank, dann geht es weiter bergab. Anfang 1989 muss Klaus Z. in die Abteilung Operative Technik. Wanzen warten und Observationsmittel bereithalten. Im April 89 will ihm sein Vorgesetzter sogar den Fachschulabschluss vermasseln. Er habe in seiner Abschlussarbeit Dienstgeheimnisse ausgeplaudert, wirft man ihm vor. Klaus Z. wehrt sich, schließt die Schule ab. In seiner Personalakte findet sich das Zeugnis, das ihm gute bis sehr gute Leistungen bescheinigt. Wurde Klaus Z. kaltgestellt wegen seiner privaten Kontakte zu Putin?

In seiner persönlichen Akte gibt es darauf keine konkreten Hinweise. Aber in Stasi-Akten ist sehr wohl nachzulesen, dass der KGB nicht nur einmal heimlich in den Gefilden der Stasi wildert. So meldet der Stasi-Chef von Kamenz im März 1989, dass ein sowjetischer Militäraufklärer Reservisten mit Funkausbildung ins örtliche Wehrkreiskommando der Nationalen Volksarmee bestelle und kurzfristig einige Tage einberufen lasse. MfS-Bezirkschef Horst Böhm beschwert sich umgehend beim KGB-Verbindungsoffizier in der DDR, Wladimir Schirokow, über das illegale Vorgehen der „Freunde“. Denn sie rekrutieren, ohne es zu wissen, auch Leute, die der Stasi zu Diensten sind. Böhm nennt Namen der Russen, aber nicht Putin.

Ob diese heimliche Anwerbung Teil der Aktion „Luch“ (Strahl) gewesen ist, ist den Akten nicht zu entnehmen. Putins Name wird oft in Verbindung gebracht mit dieser ominösen KGB-Operation, mit der die Russen in der DDR-Endzeit ein Agentennetz aufbauen wollten. Diese IMs sollten nach der deutschen Wiedervereinigung Informationen nach Moskau liefern.

Dass Putin damit zu tun gehabt haben könnte, geht aus einem Schreiben hervor, das er noch im September 1989 persönlich an den Dresdner Stasi-General Böhm schickt. Es ist eine Bitte. Die Post hatte versehentlich einem seiner wichtigsten Zuträger das Telefon abgeklemmt. Böhm soll das Problem lösen.

Klaus Z. und Wladimir Putin sehen sich auch am 6. Dezember 1989, dem Abend, an dem Hunderte Dresdner auf die Bautzner Straße marschieren und Zutritt zur Stasi-Zentrale erstreiten. „Klaus, brauchst du Hilfe?“, habe da einer auf der anderen Seite der Straße gerufen, erinnert sich Klaus Z. Es sei Putin gewesen, der vor dem Tor der KGB-Residenz mit bewaffneten Wachposten für Ordnung sorgte, erklärte Klaus Z. seinerzeit der SZ. Aber der Stasi ist nicht mehr zu helfen. Klaus Z., trotz Karriereknick inzwischen Oberleutnant des MfS, wird wenige Wochen später entlassen.

Am 16. Januar 1990 hofft er wohl auf so etwas wie eine dritte Chance. In seiner Wohnung verpflichtet sich Klaus Z. gegenüber Putin, nunmehr für den KGB zu arbeiten. Er wird selbst Teil von Putins Agentennetz. Doch er taugt nicht zum Schläfer, der auf seinen Einsatz wartet. Das berufliche Scheitern quält ihn, belastet seine Psyche, die Ehe bricht auseinander. Am 2. Weihnachtstag 1990 steigt er in einen Zug, wechselt einsam und heimlich die Seite. Im Westen meldet er sich beim Verfassungsschutz und packt aus. So erfährt auch der bundesdeutsche Geheimdienst einiges über Putins Jahre in Dresden, um die sich viele Spekulationen ranken. Klaus Z. lässt auch die Teile von Putins Spionagenetz auffliegen, die er kennt. 15 Agenten in Berlin, Dresden, Leipzig und Erfurt soll er enttarnt haben.

In Dresden rücken Beamte des Bundeskriminalamtes an, nehmen Georg S. zeitweilig fest, Putins rechte Hand an der Elbe. In dessen Wohnung findet man das pornografische Material, das Klaus Z. Jahre zuvor beschafft hatte. Es ist wohl nie zum Einsatz gekommen.

Der umtriebige Georg S., genannt Schorsch, hat zu dem Zeitpunkt den Sprung vom KGB-Agenten in der K1 der Volkspolizei zum Mitarbeiter im neu gebildeten Staatsschutz der Dresdner Polizei geschafft. Er wird bald darauf entlassen, ist einige Jahre als Detektiv tätig und stirbt 2010 mit 62 Jahren. An Schorschs Grab hätten sich Putins einstige Agenten ein letztes Mal getroffen, erzählte Klaus Z. nun den Reportern von Correctiv. Sie seien eben „verbrannte Vögel“.