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Verein erinnert an Schicksale von Naziopfern

Auch in der Region wurden während der NS-Zeit viele Menschen ermordet. Ein Projekt macht diese Zahlen persönlicher.

Von Alexander Müller

Warum erinnert ihr euch nicht an die Augen von ...? Diese Frage klingt erst einmal wie eine Provokation. Und aufrütteln, das will das Alternative Kultur- und Bildungszentrum (Akubiz) Pirna auch. Mit dem neuen Projekt und der anfangs gestellten Frage will der Verein jene Menschen in den Mittelpunkt stellen, die in der Region Sächsische Schweiz während des Nationalsozialismus verschwanden und nicht wiederkamen. Über 140 waren es mindestens. „Uns geht es aber nicht nur um die Zahl, sondern um die einzelnen Schicksale“, erläutert Steffen Richter, Vorsitzender des Akubiz-Vereins. Mit Hilfe von zwei Broschüren hat das Akubiz einzelne Schicksale und Biografien aufgegriffen und beschrieben. Damit diese einzelnen Tragödien noch klarer werden, sind diese aus der Sicht der Opfer geschrieben, obwohl es von ihnen zum Teil nicht mal mehr ein Foto gibt. Etwa von Frieda Hänsel, Jüdin aus Sebnitz oder von Hermann Schlenkrich, Christ aus Zuschendorf. Sie wurden aus den unterschiedlichsten Gründen verschleppt und kamen um. In den Texten des Akubiz wählen sie die persönliche Ansprache. „Ich verließ Auschwitz nicht mehr“, erklärt zum Beispiel Frieda Hänsel. „Die Dunkelheit, die ich früher so liebte, war das Letzte, was ich sah.“ Die Jüdin war deshalb verhaftet worden, weil sie gegen eine Ausgangssperre für Juden in Sebnitz verstoßen hatte. „Ihr wisst, dass dies kein Einzelfall war.“

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Seit vielen Jahren steht das Akubiz nun schon für die Aufarbeitung lokaler Geschichte und für Erinnerungsprojekte. Dazu gehören auch diverse Veröffentlichungen im Gedenken an Verbrechen während des Nationalsozialismus. Neben einem Stadtplan zu jüdischem Leben in Pirna und Gedenkflyern zu ehemaligen Konzentrationslagern entstanden ein Buch über den Widerstand aus dem Bergsportmilieu und eine Biografie über ein Opfer der Nazis. „Unser Interesse gilt nicht nur der großen Geschichte, sondern auch der einzelner Menschen und ihrer persönlichen Erinnerungen“, erläutert Steffen Richter. Wenn es gelinge, diese erfahrbar zu machen, lasse sich besser verstehen, dass die Vergangenheit von wirklichem, gelebtem Leben handelt und nicht nur aus sterilen Zahlen besteht. „Dass wir dabei so oft auf Geschichten ohne Happy End trafen, ist nicht zwangsläufig, sondern der Tatsache geschuldet, dass zu wenige Menschen ein waches Gewissen hatten, dass zu wenige im Protest geübt waren, dass zu wenige widersprochen haben, dass zu wenige sich gewehrt und die anderen verteidigt haben.“ Es habe anders kommen können.

Die Broschüren, eine beschäftigt sich allein mit dem Schicksal von Martin Kretzschmer, dem Gründer der Heilpädagogischen Einrichtung in Bonnewitz, bekommen alle Schulen im Landkreis.

www.augen-erinnern.de