merken
PLUS

Vernachlässigte Talente

Pisa zeigt: Die schlechten Schüler werden besser. Die Aufgeweckten brauchen aber mehr Förderung.

© dpa

Von Peter Heimann, Berlin

Der deutsche Pisa-Schock vom Jahr 2000 scheint überwunden. Die Therapien nach damals international höchst unterdurchschnittlichen Leistungen der deutschen Schüler beginnen zu wirken.

Anzeige
Bauen, Wohnen, Einrichten leicht gemacht
Bauen, Wohnen, Einrichten leicht gemacht

Ein Haus einzurichten oder den Umzug in eine neue Wohnung zu organisieren, treibt so manchem Zeitgenossen die Schweißperlen auf die Stirn.

Um die Jahrtausendwende war das Erschrecken auch darüber besonders groß, wie sehr der Bildungserfolg noch immer von der sozialen Herkunft geprägt wird. Diese Kopplung hat laut Pisa zwar „deutlich“ abgenommen, benötigt aber vor allem bei Schülern aus bildungsarmen Elternhäusern und aus Migrantenfamilien weiter alle Aufmerksamkeit. Die SZ analysiert die wesentlichen Pisa-Ergebnisse:

Wie haben sich deutsche Schulen

und Schüler vorgearbeitet?

Neben Mexiko und der Türkei ist Deutschland das einzige Land, das sich sowohl in den Leistungsergebnissen als auch bei der Chancengerechtigkeit in der Bildung gleichermaßen verbessert hat. In Mathematik und auch im Lesen/Textverständnis sind die 15-Jährigen in Deutschland im Schnitt heute mit ihrem Wissensstand und Lernfortschritt ein halbes Schuljahr weiter als noch im Jahr 2000. In Naturwissenschaften ist es sogar ein ganzes Schuljahr.

Was hat am meisten zur Verbesserung der Gesamtleistung beigetragen?

Das bessere deutsche Ergebnis wird vor allem auf Verbesserungen der leistungsschwächeren und sozioökonomisch benachteiligten Schüler zurückgeführt. 2000 konnte mehr als jeder fünfte 15-Jährige in Deutschland nur allereinfachste Texte verstehen. Heute sind dies nur noch 14 Prozent. Gleichwohl gibt es noch immer 17,7 Prozent äußerst schwache Rechner (2000: 22 Prozent). Diese Leistungen reichen für eine Berufsausbildung heute nicht mehr aus, die Wirtschaft klagt zu Recht darüber.

Wie sieht es mit der

sozialen Förderung aus?

Schüler aus sozial bessergestellten Familien haben gegenüber Gleichaltrigen aus armen Elternhäusern in Mathematik im Schnitt einen Leistungsvorsprung von 43 Punkten – was fast eineinhalb Schuljahren entspricht. Schüler mit Migrationshintergrund hinken mit ihrem Kenntnisrückstand gegenüber Gleichaltrigen mit deutscher Herkunft im Schnitt sogar fast zwei Schuljahre hinterher. Fünfzehnjährige mit Zuwanderungshintergrund schneiden im internationalen Vergleich nicht schlecht ab. Aber die „soziale Schere“ schließt sich nur äußerst langsam.

Wird bei dieser Fokussierung genug für die Leistungsstärkeren getan?

Der Anteil der besonders leistungsstarken Schülerinnen und Schüler hat sich nicht wesentlich verändert – er stagniert. Die Zahl der Mathe-Asse ist nicht gestiegen. 17 Prozent erreichen die Level fünf und sechs. Im OECD-Schnitt sind es 13 Prozent. Der gleiche Befund zeigte sich bei Pisa 2009. Auch beim Lesen blieb die Gruppe der Besten damals und heute unverändert. Das obere Leistungsviertel muss mehr in den Blick genommen werden. Der Bund versprach den Ländern Hilfe mit einem neuen Programm ab dem nächsten Jahr.

Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen den Bundesländern?

Ja. Allerdings wurden die in dieser Studie nicht explizit untersucht. Erst kürzlich gab es einen bundesweiten Leistungsvergleich der Schüler der 9. Klassen. Dabei waren die sächsischen Schüler in Mathematik, Biologie, Chemie und Physik einsame Spitze. Als Gründe wurden damals angegeben: Mathematik und Naturwissenschaften seien schon zu DDR-Zeiten in den Schulen mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht worden. Auch heute noch würde an den Schulen in Ostdeutschland in diesen Fächern mehr Unterricht erteilt als im Westen. Und: Der Großteil der im Osten unterrichtenden Fach-Lehrer war noch zu DDR-Zeiten ausgebildet worden.

Was hat Pisa außerdem

noch zutage gefördert?

Schüler in Deutschland erscheinen im Schnitt pünktlicher zum Unterricht als Gleichaltrige in anderen Ländern. Auch gibt es hierzulande weniger Schulschwänzer. 70 Prozent finden, dass in ihrer Schule „alles sehr gut läuft“. Allerdings sind die Klagen über mangelnde Disziplin von Mitschülern gestiegen. 66 Prozent der Schüler in Deutschland schätzen ihre Lehrer als „hilfsbereit“ ein. Im Ausland sind dies hingegen 82 Prozent.