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„Viele Menschen leiden unter Leistungsdruck“

Seit fünf Jahren ist der Verein Albatros für Leute mit psychosozialen Problemen da. Manchmal stößt er an Grenzen.

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© Thomas Eichler

Zittau/Ebersbach-Neugersdorf.Am nächsten Montag feiert „Albatros“, der offene Treff für Menschen mit psychosozialen Problemen und deren Angehörige, ein kleines Jubiläum: Seit fünf Jahren hat der Psychosoziale Trägerverein Sachsen (PTV) mit „Albatros“ eine Außenstelle in Ebersbach. Die SZ sprach mit Diplom-Sozialpädagogin Daniela Spottke über die Angebote im Treff und warum sie sich manchmal hilflos fühlt.

Warum war es notwendig, in Ebersbach einen Treffpunkt für Menschen mit psychischen Problemen einzurichten?

In Zittau gibt es seit 20 Jahren eine Kontakt- und Beratungsstelle des PTV Sachsen. Für viele Ratsuchende war die Strecke zwischen Oberland und Zittau schlecht zu bewältigen. Vor fünf Jahren haben wir dann auf Initiative des Landkreises Görlitz eine Außenstelle im Treff 47 im Wohngebiet Oberland in Ebersbach eröffnet.

Zuerst haben wir mithilfe eines Ehrenamtlers nur einen Tag in der Woche die Begegnung und Beratung von Menschen mit seelischen Problemen ermöglicht. Mit den ersten Besuchern wurde zudem eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen, Ängsten und Panikattacken gegründet. Das wurde und wird nun von Menschen aus Ebersbach-Neugersdorf, Leutersdorf, Seifhennersdorf, aber auch aus Waltersdorf und Großschönau genutzt.

Die Stadt Ebersbach-Neugersdorf hat uns dabei mit günstigen Räumen unterstützt. Schon bald waren die Nachfrage und der Kreis von Personen mit Problemen wie Angststörungen und Depressionen so stark angewachsen, dass wir seit drei Jahren an zwei Tagen in der Woche in Ebersbach geöffnet haben.

Wie wird den Ratsuchenden beim Verein Albatros geholfen?

Unsere Angebote in der Kontakt- und Beratungsstelle umfassen drei Säulen. Eine davon sind Selbsthilfegruppen. Mittlerweile gibt es die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Ängsten jedoch nicht mehr. Dafür gibt es nun eine neue Gruppe für Männer und Frauen mit Depressionen. Und jetzt gibt es sogar zwei davon: eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Angst und Depressionen und eine zweite, in der es nur um Depressionen geht.

Die zweite Säule ist der offene Treff. Den nutzen Leute als Begegnungsmöglichkeit, um zu reden, kreativ zu sein, raus aus der Isolation zu kommen und Gedankenkreisel zu unterbrechen.

Die dritte Säule schließlich ist die Beratung in Einzelgesprächen.

Warum ist die Zahl der Hilfebedürftigen in den letzten Jahren angestiegen?

Das hängt mit vielen Faktoren zusammen. Ich denke, eine Ursache ist unsere schnelllebige Zeit, eine andere der Leistungsdruck, den viele Menschen haben. Andere Frauen und Männer haben dafür aus unterschiedlichen Gründen keine sinnvolle Aufgabe im Alltag und somit nur wenige Erfolgserlebnisse. Sie fühlen sich einfach nicht gebraucht. Auch die Medien mit schlechten Nachrichten oder zum Beispiel Mobbinggefahr durch soziale Netzwerke können heute zur Last werden. Zudem werden die Familienverbände kleiner, und nicht wenige Menschen sind allein. Gerade mit zunehmendem Alter sind Menschen oft einsam.

Mittlerweile sind Depressionen kein Tabu mehr, und Betroffene suchen Hilfe. Das ist gut so. Allerdings ist die Zahl der Psychotherapeuten nicht ausreichend, sodass viele Therapeuten gar keine Patienten mehr aufnehmen und sie stattdessen zu Beratungsstellen wie Albatros schicken in der Hoffnung, dass ihnen hier geholfen wird. Das macht mich manchmal hilflos, weil ich Sozialpädagogin und keine Psychotherapeutin bin. Vielen Menschen kann ich durch Gespräche und die Angebote von Albatros helfen, aber mancher Ratsuchende braucht eine Psychotherapie, die wir nicht leisten können.

Wie könnte hier eine Lösung aussehen?

Das Problem lindern würden hier auf alle Fälle zusätzliche Therapeuten. Auch würde uns zum Beispiel ein erweitertes Beratungsangebot helfen. Dann könnten wir auch Psychoedukation, Kurse zur Stressreduzierung oder verschiedene Entspannungs- und Bewegungsangebote anbieten. Nur steht dafür leider kein Geld zur Verfügung. Wenn beispielsweise Krankenkassen für diese präventive Arbeit hier vor Ort Unterstützung geben würden, hätten viele Nutzen davon: die Menschen, die Hilfe brauchen und die Kassen schließlich selbst. Denn rechtzeitiges Handeln bedeutet auch hier ganz oft, dass Probleme gelöst und Folgekosten vermieden werden können.

Das können Sie nicht lösen?

Leider nicht. Wir können nur beständig an den richtigen Stellen darauf hinweisen und hoffen, dass wir Gehör finden.

Was erwartet die Besucher zur Jubiläumsfeier am 4. September?

Hier im Treff 47 im Hofeweg in Ebersbach feiern wir am Montag, ab 15 Uhr, ein Spätsommerfest. Mit dabei sind alle Einrichtungen, die ihr Domizil im Hofeweg 47 haben und ihre Angebote vorstellen. Es gibt Musik von den mittelalterlichen Spielleuten „Gaukelfuhr“, Line Dance, eine Handdruckwerkstatt zum Mitmachen, Gebackenes und Gegrilltes und vieles mehr.

Der Eintritt ist frei. Übrigens kann jeder an diesem Tag vorbeischauen und den ganzen Treff 47 kennenlernen, also auch Leute, die keine Probleme haben, sondern einfach nur neugierig und kontaktfreudig sind und Zeit haben.

Das Gespräch führte Gabriela Lachnit.

Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle: Hofeweg 47 in Ebersbach, Telefon 016091637235, [email protected]