SZ +
Merken

Vom barocken Dresden zum antiken Rom

Bizarre Musik aus klassischen Instrumenten erfüllt das gespenstisch dunkle Asisi-Panometer in Reick. Zwei kaum erkennbare Gestalten wälzen sich am Boden, kriechen langsam am Barockbild „1756 Dresden“ entlang, kriechen immer weiter, gefolgt von einer singenden Gruppe mit merkwürdiger Kleidung.

Teilen
Folgen

Von Tobias Wolf

Bizarre Musik aus klassischen Instrumenten erfüllt das gespenstisch dunkle Asisi-Panometer in Reick. Zwei kaum erkennbare Gestalten wälzen sich am Boden, kriechen langsam am Barockbild „1756 Dresden“ entlang, kriechen immer weiter, gefolgt von einer singenden Gruppe mit merkwürdiger Kleidung. Die Gewänder passen auf den ersten Blick nicht hierher, barocke Fräulein und antike Männer.

Doch aus dem Dunkel tönt plötzlich eine Stimme. Der Redner in weißer Toga und Jesuslatschen stellt sich als Cäsar vor, beginnt zum Fußvolk und zum Publikum zu sprechen. Etwa 200 Dresdner sind gekommen, um das Ende der Ausstellung des Panoramabildes „1756 Dresden“ im Panometer zu erleben und den Übergang vom Barock zur Antike im alten Gasspeicher zu vollziehen. Am Ende der Show ist der rund 700Kilo schwere Vorhang buchstäblich gefallen. Dresdens Barock im Panoramabild ist Geschichte – vorerst.

Fast auf den Tag genau fünf Jahre ist es her, dass Initiator Yadegar Asisi das Panoramabild „1756 Dresden“ im alten Gasometer in Reick aufhängen ließ. Für die meisten Dresdner war es die Sensation des Jahres, als das rund 3000 Quadratmeter große Kunstwerk enthüllt wurde. Zwei Jahre Vorbereitungszeit waren nötig, um die 1,4 Millionen Euro teure Stadtansicht von Dresden am Vorabend des Siebenjährigen Krieges möglichst originalgetreu abzubilden. Neben Kreativität ist da vor allem Durchhaltevermögen gefragt. Der Künstler lebt das Medium Panorama und fühlt sich selbst wie ein Filmemacher. „Damit kann man Dinge tun, die keine andere Darstellungsform schafft“, sagt Asisi. „Allein die räumliche Präsenz schafft eine Wirkung, die ein normales Bild nicht hinbekommt.“ Panoramen erzeugten Emotionen und sprächen die Sinne an.

Barock auf High-Tech-Stoffen

Der 55-Jährige wirkt wie ein Getriebener, hat immer schon das nächste Projekt in der Schublade liegen. Dresden scheint ihm besonders am Herzen zu liegen. Immerhin studierte der Sohn persischer Eltern hier bis 1978 Architektur, bevor er sich an der Hochschule der Künste in Berlin einschrieb. Anfang der 1990er-Jahre begann er sich für Panoramen zu interessieren. Doch erst 2003 konnte Asisi das erste in einem alten Gasspeicher in Leipzig zeigen: den Mount Everest. Seither ist die Wortschöpfung Panometer, zusammengesetzt aus Panorama und Gasometer, ein Begriff der Alltagssprache geworden – zumindest in Dresden und Leipzig. Anfangs wurde noch auf Baumwolle gedruckt. Beim Panorama „1756 Dresden“ kam eine fortschrittlichere Technologie zum Einsatz: eine Polyester-Leinwand. Dass die Entwicklung inzwischen nochmal einen Quantensprung genommen hat, zeigen allein schon die Eckdaten der neuen Panoramadarstellungen.

Hatte das alte Barockbild von Dresden auf dem Computer noch eine Größe von rund vier Gigabyte, sind es heute schon zwölf. Damit lassen sich Details genauer und farbenprächtiger abbilden. Wie das wirkt, können die Dresdner dann ab 10.Dezember auch im Dresdner Panometer erleben. Dann wird „Rom 312“ enthüllt. Die Jahreszahl könnte aus historischer Sicht nicht bedeutender sein. Denn das Bild zeigt jenen Tag, ohne den das Christentum nie seinen weltweiten Siegeszug hätte antreten können.

Es war Kaiser Konstantin, der seinerzeit erstmals von christlichen Priestern im Jupitertempel empfangen wurde und das lang bekämpfte Christentum zur römischen Staatsreligion erhob. Historiker sehen in dieser sogenannten konstantinischen Wende den Übergang von der Antike zum christlichen Abendland. Wer das Rom-Panorama sehen will, muss sich allerdings beeilen. Denn im September 2012 kehrt schon das überarbeitete Barockbild „1756 Dresden“ zurück.

Bis dahin will Yadegar Asisi die Hinweise in sein neues Dresden-Panorama eingearbeitet haben, die er in den letzten fünf Jahren bekam. „Es ist wirklich erstaunlich, aber der Dresdner ist so in seine Stadt verliebt, dass er deutlich mehr weiß, als die Bewohner anderer Städte in Deutschland“, sagt Asisi und schmunzelt. „Ich bin gespannt, ob die Menschen hier das antike Rom genauso mögen.“