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„Vom Westen der Yankee, vom Osten der Iwan“

Amerikanische Tieffliegerangriffe und russische Einquartierung. So verliefen die letzten Kriegstage in Nossen.

Am 1. Pfingstfeiertag, 20. Mai 1945: Vorweg möchte ich berichten, wir leben alle noch. Bisher ist uns allen nichts geschehen. Auch unser Haus und Werkstatt stehen noch. Alle im Hause wohnenden Menschen sind wohlauf.

Der Lehrer und Maler Joachim Vieweg, 1945 17 Jahre (Gymnasiast) malte eine Panzersperre am ehemaligen Krankenhaus, Freiberger Straße.
Der Lehrer und Maler Joachim Vieweg, 1945 17 Jahre (Gymnasiast) malte eine Panzersperre am ehemaligen Krankenhaus, Freiberger Straße.
Wenige Jahre vorher malte ein Nachbar der Krockers ihr Haus in der Freiberger Straße 41, wahrscheinlich in der Frühlingszeit mit blühenden Obstbäumen.Fotos: Stadtmuseum Nossen
Wenige Jahre vorher malte ein Nachbar der Krockers ihr Haus in der Freiberger Straße 41, wahrscheinlich in der Frühlingszeit mit blühenden Obstbäumen.Fotos: Stadtmuseum Nossen
Schmied Schröder: „Unser Deutscher Stadt- und Kampfkommandant hat die Eisenbahnbrücke und zuletzt noch die Muldenbrücke (Foto) sprengen lassen. So ein Esel verdient dreimal gehängt zu werden, weil er doch wissen muss, dass er mit seinen paar Männeken den
Schmied Schröder: „Unser Deutscher Stadt- und Kampfkommandant hat die Eisenbahnbrücke und zuletzt noch die Muldenbrücke (Foto) sprengen lassen. So ein Esel verdient dreimal gehängt zu werden, weil er doch wissen muss, dass er mit seinen paar Männeken den

Bei uns besteht seit nunmehr zwei vollen Wochen keine Post mehr. Wohl ist das Postamtgebäude noch unversehrt erhalten. Telefon geht seit dem Bombenangriff der Amerikaner vor vier Wochen nicht mehr. Die Yankeebomber haben den Markt und die Freiberger Straße stark mitgenommen. Kein Haus ist unbeschädigt geblieben. Grumbachs Haus und das Vordergebäude von Krocker gegenüber dem Bürgermeister-Haus sind Schutthaufen. Mutter Weinholds Haus, jetzt Uhrmacher Bauer und die beiden Nebenhäuser sind abbruchreif. Die junge Frau Grumbach ist tot. Wasserrichter und Sohn waren im Keller verschüttet, sind aber wieder beide arbeitsfähig. Im Krockerschen Haus sind sieben Personen ums Leben gekommen, alle verschüttet unter Trümmern. In das Haus von Frau Fleischer Richter sind 25-Ztr.-Blindgänger gegangen, ohne jemanden zu verletzen. Eine ist durch ein Bett bei Butz-Friede gegangen und dann liegengeblieben. Sie sind entschärft beseitigt worden, ohne weiteren Schaden anzurichten.

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Deutsche Militär-Transportwagen haben an der Muldenbrücke, auf dem Obermarkt und in der Freiberger Straße gestanden und die haben nichts abbekommen, sondern die umliegenden Häuser. Also Unvorsichtigkeit unserer Soldaten, in der Stadt zu parken. Seitdem hörten wir alle Tage die Kanonen donnern, vom Westen der Yankee, vom Osten der Iwan. Der Yankee blieb bei Hainichen und Mittweida stehen, ja, ging mehrmals zurück, und Iwan kam. Der Widerstand der Unsrigen war nicht groß. Nossen wurde zum Kampfgebiet. Der Volkssturm wurde zwar heimgeschickt, aber die Hitlerjungen mit ihrem Führer in Stärke von zehn Mann hatten sich wohl unserer geringen Wehrmacht angeschlossen.

Die Granaten usw. gingen meist über Nossen von Berg zu Berg, nur einige fielen in die Stadt, so bei Hentschel am Markt, dem oberen Adler, Schönfelder, Ofen-Fritzsche und Zigarren-Bretschneider. Tiefflieger schossen unaufhörlich und dann kam der Russe und belegte alle Räume für fünf bis sechs Stunden, um seinen Truppen Ruhe zu gönnen. Alle Wohn- und Schlafräume im Haus wurden belegt und elend verdreckt. Ich war Hans in allen Gassen, um aufzupassen, dass nicht alles verschwindet in Haus und Hof. In den nächsten Tagen kamen dann die Polen und Ostarbeiter auf dem Heimtreck durch Nossen. Frech und dreist drangen sie in die Häuser der Stadt ein und raubten bei Tag und Nacht ganze Wohnungen aus.

Wir haben uns während des Kampfes ziemlich sicher gefühlt und hatten alles Wertvolle in den Kellern. Und dann kam am Ende des Kampfes die größte Dummheit: Unser deutscher Stadt- und Kampfkommandant hat die Eisenbahnbrücke und zuletzt noch die Muldenbrücke sprengen lassen. So ein Esel verdient dreimal gehängt zu werden, weil er doch wissen muss, dass er mit seinen paar Männeken den Iwan nicht aufhalten konnte. Dadurch haben wir drüben über der Mulde und in den nächsten Dörfern eine Division Russen zu liegen, die sonst schon abtransportiert wären. Was die an Rindern, Pferden, Hammeln, Schweinen zusammentreiben, ist enorm und schlachten tun sie uns schräg gegenüber alle Tage mehr als genug. Deutsche Menschen, auch aus unserem Hause, haben sich gegen Schnaps Rucksäcke voll Fleisch geholt und gefährdeten für die Nächte Frauen und Mädchen.