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Vom Zuchttrio zur Farm mit 60 Tieren

Die Lohsaer Straußenfarm An der Spree setzt auf natürliche Zucht. Der Start vor 15 Jahren war nicht einfach.

Wilfried Gabel (69) und Enkelin Kim-Laura füttern Straußenhahn Gustav und Henne Locke. Strauße sind keine Einzelgänger, sondern typische Herden- und Weidetiere.
Wilfried Gabel (69) und Enkelin Kim-Laura füttern Straußenhahn Gustav und Henne Locke. Strauße sind keine Einzelgänger, sondern typische Herden- und Weidetiere. © Foto: Andreas Kirschke

Lohsa. Quicklebendig piepsen die Straußenküken um die Wette. Immer wieder schmiegen sie sich dicht aneinander. „Gerade in den ersten Tagen brauchen sie viel Wärme, Zuwendung und Pflege. Gut drei Monate bleiben sie hier. Zusätzlich zur Wärmelampe haben wir eine Fußbodenheizung installiert“, sagt Wilfried Gabel. Tag für Tag füttert er im neuen Kükenstall der Lohsaer Straußenfarm An der Spree die Straußenjungen. Deren Aufzuchtpellets enthalten viel Getreide, Vitamine, Mineralien und Ballaststoffe.

Seit 2005 besteht die Farm. Sohn Enrico (45) und Ehefrau Manuela (49) betreiben sie im Nebenerwerb. Rund 50 Tiere – gezüchtet aus belgischen Schwarz- und Blauhals-Straußen – leben heute auf der Farm.

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Ohne Massenhaltung

„Tiere begeistern und erfreuen uns seit vielen Jahren. Wir wollten uns ein zweites Standbein schaffen. Wir wollten den heimischen Tourismus stärken“, erzählt Enrico Gabel. „Wir selbst sind keine Landwirte. Wir halten jedoch schon länger Kaninchen, Ziegen, Enten und Hühner. Mit der Straußenfarm wollten wir eine solide Zucht erreichen.“ Ein Kraftakt war der Beginn 2005. Enrico Gabel las sich zunächst intensiv in Fach-Literatur von Christoph Kistner ein. Dieser gilt als Standard-Autor für Straußenfarmen.

In der Jambo-Farm Baruth/Mark (Brandenburg), im Gut Owstin bei Gützkow (Mecklenburg-Vorpommern), in der Straußenfarm Rülzheim (Rheinland-Pfalz) und im polnischen Dubje gewann er wertvolle Einblicke. „Vor allem in Dubje konnte ich viel lernen über den richtigen Umgang mit den Tieren, über die artgerechte Haltung und die Fütterung“, sagt Enrico Gabel.“ Mit einem Zuchttrio begann er 2005. Es bestand aus einem ausgewachsenen Hahn und zwei Hennen. Aus ihnen entstand Schritt für Schritt eine solide Zucht. Heute leben regelmäßig zwischen 50 bis 60 Strauße auf der Farm. Den Grundstamm bilden die beiden Hähne Gustav und Paul sowie die acht Hennen Kehle, Kralle, Fauna, Flora, Anna, Frieda, Locke und Die Andere. Die von ihnen gezeugten Jungen verbleiben bis zum Alter von maximal 24 Monaten auf der Farm. „Die Aufzucht und Fütterung verläuft ganz natürlich – ohne Hormone, Leistungssteigerer, Tiermehl oder Antibiotika. Ohne Massenhaltung, ohne Stress, ohne Getriebenheit, ohne Mast. Auch die Schlachtung der Tiere im Alter von zwei Jahren ist weitestgehend stressfrei, direkt am Weidezaun, gleich im Freien“, erläutert Enrico Gabel. Straußenfleisch ist mit einem Fettgehalt von nur rund einem Prozent das magerste rote Fleisch, das es gibt. Es hat nur wenig Cholesterin und ist sehr proteinreich.

Der Einstieg in die Farm verlief schwierig. Gleich im ersten Jahr starb eine Henne. Sie hatte sich unglücklich am Zaun verheddert. „Darauf reagierten wir. Einiges wurde verändert“, sagt der Inhaber. Strauße, so verdeutlicht er, sind keine Einzelgänger. Sie tolerieren den Menschen. Sage und schreibe 70 km/h können Strauße rennen. Sie sind typische Weiden- und Lauftiere. Größe und Kraft wecken oft Erstaunen. Bis zu 2,70 Meter groß wird ein ausgewachsener Straußenhahn. Er kann bis zu 150 Kilogramm wiegen. Das Weibchen wirkt eher schlicht, grau und schlank. Das Männchen fällt auf durch rote Füße, rote Beine, roten Schnabel, schwarzes Gefieder. Im Kontrast dazu stehen seine weißen Federn am Schwanz und an den Flügeln. Strauße können sehr genau und weit sehen. In den Savannen Afrikas folgen sie – Schutz suchend vor Raubtieren – gern den aufmerksamen Zebras, Antilopen und Gazellen. „Strauße sind unglaublich anpassungsfähig. Sie vertragen sowohl Hitze im Sommer als auch Kälte im Winter. Es sind sehr urzeitliche Tiere“, meint Enrico Gabel. „So wie Krokodile, Schildkröten und Haie gehören sie zu den ältesten Tieren auf der Erde.“

Die ganze Familie hilft

Schritt für Schritt hat Familie Gabel die Farm entwickelt. Auf das erste Gehege folgten weitere Gehege. Ebenso entstanden der Brutraum, der Schlachtraum, einige Ställe, Unterstände und der Farm-Laden. 2019 folgten einige windgeschützte Sitzecken für Besucher. Derzeit entsteht das neue Kükenhaus. Es beherbergt künftig bis zu 40 Küken in ihren ersten Lebensmonaten. „Rund drei Monate bleiben sie hier“, erklärt Vater Wilfried Gabel. Jeden Tag hilft er vor Ort. Jeder in der Familie bringt sich mit Leidenschaft ein. Wilfried Gabel (69) arbeitete früher als Karosseriebaumeister und zuletzt als Hausmeister im Lohsaer CSB-Kindergarten „Märchenland“. Heute als Rentner kümmert er sich auf der Straußenfarm vor allem um die Pflege, Fütterung und Ausmistung der Tiere. Er baut den Kükenstall auf und sorgt für immer wieder nötige Reparaturen. Ehefrau Barbara (67), die früher als E-Lokführerin arbeitete, unterstützt heute auf der Straußenfarm bei der Fleisch-Verarbeitung und beim Verkauf im Farm-Laden. Enrico und Manuela Gabel verantworten Zucht, Organisation und Vermarktung. Wie Wilfried Gabel führen sie gern Besucher durch das Gelände. Enrico Gabel arbeitet als Kraftfahrer für die Transport- und Speditionsgesellschaft Schwarze Pumpe (TSS). Derzeit pflegt er täglich seine Großeltern. Manuela Gabel arbeitet als Verkäuferin in der Bäckerei Torsten Loos in Lohsa. Nebenbei betreibt sie eine kleine Reinigungs- und Hauswirtschaftsfirma in Lohsa. Sie empfindet die Straußenfarm als guten Ausgleich zum Berufsstress. Tochter Kim-Laura (22) lernt Polizeikommissarin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Wie Wilfried Gabel verantwortet sie die Schlachtung. Beide haben eine Genehmigung für die Weideschlachtung im Freien. Sohn Philipp (27) arbeitet als Disponent bei TSS in Schwarze Pumpe. Freundin Monique (33) ist dort als Buchhalterin tätig. Auf der Straußenfarm der Familie unterstützen sie beim Füttern, Ausmisten und im Laden. Bei wichtigen Terminen wie den Probiertagen zu Christi Himmelfahrt und zu Pfingsten helfen auch Tante Daniela Gabel und Sohn Marcus tatkräftig mit.

Lieferung direkt an Gaststätten

Kim-Laura spricht mit Wertschätzung über die Eleganz und den Stolz der Straußentiere. „Der Umgang mit den Tieren braucht Demut und Respekt. Den muss man sich ihnen gegenüber erst erarbeiten“, meint die Tochter. Kim-Laura fühlt sich verbunden mit der Farm. „Ich bin damit aufgewachsen“, meint die Studentin.Inzwischen kommen außer Kindergärten auch Schulklassen und Tages-Touristen auf die Straußenfarm. Sie staunen über das hier Entstandene. Trotz Corona kehrt der Alltag nach langer Zeit der Kontaktbeschränkungen wieder zurück. „Die Angst vor Verlust infolge Corona war am Anfang größer als die Ausfälle, die wir heute verzeichnen. Wir wollen in jedem Fall weitermachen“, betont Enrico Gabel. Eng arbeitet er mit Gaststätten in der Region zusammen zwecks Vermarktung, zum Beispiel mit „Herzogs Restaurant - Zum Weissen Ross“ Lohsa, mit dem „Speicher Nr. 1“ in Hoyerswerda und mit Gasthof & Pension Gerd Kühnel in Maukendorf. In der Zukunft setzt die Lohsaer Straußenfarm ebenso weiter auf die Direktvermarktung im eigenen Laden vor Ort

Die Straußenfarm Lohsa „An der Spree“ öffnet täglich 10-18 Uhr. Kontakt: Telefon 0177 3235421, Ansprechpartner ist Enrico Gabel als Inhaber.

www.straussenfarm-lohsa.de.

Küken unter der Wärmelampe
Küken unter der Wärmelampe © Foto: Andreas Kirschke

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