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Von Rauschwalde in die Welt

Vor hundert Jahren reisten zwei Freunde nach Italien und in die Schweiz. Das Bahnerlebnis war sogar billig.

Von Ralph Schermann

Das Dorf Rauschwalde war vor hundert Jahren noch beschaulich. Noch gab es keine Straßenbahn, noch gehörte es nicht zu Görlitz. 1914 wohnten hier 2 200 Einwohner. Zu ihnen gehörten die Seibts.

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Johann Gottfried Seibt aus Wiesa hatte 1823 die Bockwindmühle erworben, die seit 1788 nahe beim Lokal „Deutsches Haus“ stand und 1907 abgerissen wurde. Zu seinen Nachfahren gehörten auch der Gutsbesitzer Alwin sowie August Seibt, der vom Aufschwung Rauschwaldes durch die Eisenbahn profitierte und Rangiermeister wurde. Alwin Seibt arbeitete auch als Müller, Bauer und sogar Bäcker und schwärmte ebenfalls von der Eisenbahn wie überhaupt von technischen Entwicklungen. Zum Beispiel gehörte er zu den ersten Rauschwaldern, die ein Auto besaßen. Sogar vom Juni 1914 gibt es ein Foto mit ihm am Steuer, neben ihm sein Freund Eduard Lux. Der Angestellte Lux wohnte auf der Straßburger Straße (Alfred-Fehler-Straße) und begleitete Seibt bei mancher Unternehmung.

Im Frühjahr 1914 fand Alwin Seibt in der Tageszeitung diese an sich alberne Notiz: „Auf die Frage, wie hoch der Fahrpreis einer Eisenbahnreise zur Sonne wäre, antwortete das Technische Büro Reichhold Berlin, dass für so ein Billett zweiter Klasse 3,75 Millionen Mark zu erheben wären. Allerdings würde ein schneller Dampfzug für die einfache Fahrt 256 Jahre brauchen.“

Der Rauschwalder nahm diese Notiz eher als Herausforderung. Er fragte sich: Kann man von Görlitz aus mal kurz so in die Welt reisen und wenn ja, ist das teuer? Am 1. Mai 1914 suchte er, natürlich gemeinsam mit Freund Eduard Lux, die Reiseberatung im noch alten Görlitzer Bahnhof auf. Wie lange der Beamte dort dafür brauchte, ist nicht bekannt, aber tatsächlich erstellte er einen maßgeschneiderten Fahrplan für eine Reise in der 3. Wagenklasse. Rund zwei Wochen waren die beiden dann auf den Schienen Europas unterwegs, fuhren mehrere Hundert Kilometer, was sie – zumindest an Fahrkosten – lediglich 175 Mark kostete. Ein Reisetagebuch führten sie leider nicht, nur der amtliche Bestellschein, das über tausend Seiten starke Reichs-Kursbuch von 1914 und Erinnerungen in der Familie sind überliefert.

Das Reiseabenteuer begann sehr umständlich mit einer gemächlichen Nebenbahnfahrt von Görlitz über Nikrisch (Hagenwerder) nach Seidenberg und Reichenberg (Liberec), dann zurück über Reichenau (Bogatynia) und Turnau (Turnow), ehe es endlich nach Prag weiterging. Das beweist, dass nicht die teuersten Verbindungen gewählt wurden. So zuckelte man dann weiter bis nach Venedig, Neapel, Pisa, Rom, man besuchte die Schweiz mit Zürich, dann Lindau am Bodensee, ehe es über Nürnberg, Chemnitz, Dresden zurück nach Görlitz und Rauschwalde ging.

Heute wirft Gerhard Seibt ab und an einen Blick auf die alten Reisepapiere. Der Nachfahre der alten Müller-Dynastie betreibt noch immer den alten Hof, gilt heute vor allem aber als Hobbyforscher und Bewahrer Rauschwalder Geschichten. So wie diesem kleinen Reiseerlebnis.