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Wann kommen wir da wieder raus?

Experten warnen vor einer Lockerung der Corona-Beschränkungen und einer verfrühten Rückkehr zum normalen Alltag.

Christian Drosten, der Charité-Virologe und Corona-Erklärer glaubt, dass eine On-Off-Eindämmung funktioniert – aber nicht anderthalb oder zwei Jahre lang.
Christian Drosten, der Charité-Virologe und Corona-Erklärer glaubt, dass eine On-Off-Eindämmung funktioniert – aber nicht anderthalb oder zwei Jahre lang. © Michael Kappeler/dpa

Von Sven Siebert

Wie lange soll das gehen? Diese Frage hört man jetzt überall. Wie lange sollen die Ausgangsbeschränkungen, die Schul- und Hochschulschließungen, das Verbot von Versammlungen, die Gebote des Abstandhaltens, der Verzicht auf Museums-, Kino- oder Theaterbesuche dauern? Die Antwort darauf ist – vage. Bestenfalls.

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Es sei zu früh, über eine Lockerung der Beschränkungen zu sprechen, sagte der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, am Mittwoch. „Ich kann darüber keine definitive Aussage treffen.“ Die konkreteste Aussage aus Wielers Mund lautet: „noch einige Wochen“. Und aus der Regierung selbst ist nichts Genaueres zu hören.

Was aber könnte „einige Wochen“ bedeuten? Und wie könnte eine Lockerung aussehen? Man muss dazu zunächst einmal betrachten, was eigentlich durch die aktuellen Beschränkungen des öffentlichen Lebens erreicht werden soll. Es geht darum – das haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und viele andere immer wieder erklärt – den Anstieg der Erkrankungsfälle zu „verlangsamen“.

Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts.
Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts. © Annegret Hilse/Reuters-Pool/dpa

Ungebremst steigen die Fallzahlen schnell und immer schneller an. Nach den bisherigen Schätzungen steckt ein an Covid-19 erkrankter Mensch drei andere an. So lange das so ist, steigen die Zahlen „exponentiell“ an, wie Mathematiker sagen. Die Zahl der Erkrankten verdoppelt sich in Deutschland aktuell alle viereinhalb Tage. Ungebremst hieße das, dass in fünf Wochen die Millionenmarke überschritten ist.

Die Epidemie ist aber nicht mehr ungebremst. Nur weiß noch niemand, wie stark die Beschränkungen wirken. Das weiß man erst in einigen Tagen. Das Ziel ist, dass ein Kranker nur noch einen weiteren Menschen ansteckt – dann bleibt die Zahl der Kranken konstant, weil ebenso viele Menschen gesund werden wie gleichzeitig erkranken.

Besser noch ist es, wenn gar nicht mehr jeder Kranke einen anderen ansteckt. Wenn also beispielsweise auf zehn Kranke nur noch fünf Neuansteckungen kommen – dann sinkt die Gesamtzahl der Kranken.

Ohne Beschränkungen geht es nicht

In der chinesischen Provinz Wuhan ist das in der Folge der massiven Maßnahmen, des totalen „Lockdowns“, gelungen. Es gibt, wenn man den offiziellen chinesischen Angaben trauen kann, keine Neuansteckungen mehr – nur noch einzelne eingeschleppte Fälle, die sich dann isolieren lassen.

In Südkorea, einem demokratischen Staat, sind die Zahlen der Neuansteckungen ebenfalls sehr stark gesunken. Dort verdoppelt sich die Zahl der Kranken statistisch gesehen nur noch alle 65 Tage. Allerdings war die Zahl der Fälle in Südkorea insgesamt nie so hoch wie in Deutschland. Dort gab es lokale Ausbrüche, die sich verhältnismäßig schnell aufklären und isolieren ließen.

Angesehene Epidemie-Rechner vom Imperial College in London haben in der vergangenen Woche eine Modellrechnung vorgelegt, in der der Einfluss von verschiedenen Beschränkungen auf den Verlauf der Epidemie prognostiziert wird. Die Gleichung hat viele Variablen – niemand kann das alles genau vorausberechnen. Sicher ist nur: Ohne Beschränkungen kommt es zu einer Überforderung der Gesundheitssysteme und vielen zusätzlichen Todesfällen.

Die Londoner Wissenschaftler kommen aber zu dem Schluss, dass Eindämmung funktionieren kann, wenn mehrere Maßnahmen kombiniert werden. Das ist das, was in Deutschland und vielen anderen Ländern jetzt passiert. Auch die Regierungen der USA und Großbritanniens folgten schließlich diesem Szenario.

Soziale Distanzierung 4.0

Die Forscher schreiben aber auch, dass die Ansteckungsrate schnell wieder ansteigt, wenn die Maßnahmen gelockert werden. Die größte Herausforderung bestehe darin, dass die Maßnahmen aufrechterhalten werden müssten, bis ein Impfstoff verfügbar wird. Und das dauert nach heutigen Zulassungsregeln wahrscheinlich mindestens ein bis anderthalb Jahre.

Die Imperial-Collage-Leute machen aber wenigstens ein bisschen Hoffnung: Wenn die Zahlen sinken, so haben sie berechnet, sei eine vorübergehende Lockerung der Maßnahmen „in relativ kurzen Zeitfenstern“ möglich. „Aber die Maßnahmen müssen erneut ergriffen werden, wenn die Fallzahlen wieder steigen.“

Eine Gruppe amerikanischer Wissenschaftler hat ebenfalls vor ein paar Tagen einen Beitrag in der New York Times veröffentlicht. Darin beschreiben sie das Bild einer „Berg-und-Tal-Bahn“ nach dem Ende der harten Beschränkungen des öffentlichen Lebens.

Sie prognostizieren auf der Basis der Erfahrungen in China und Südkorea, dass der „Lockdown“ mindestens acht Wochen lang aufrechterhalten werden müsse. Anschließend komme eine Phase der Lockerung, in der man aber immer wieder neu reagieren müsse, wenn die Zahlen wieder steigen. „Das bedeutet, dass es sehr wahrscheinlich eine soziale Distanzierung 2.0, 3.0 und, wer weiß, vielleicht sogar 4.0 geben muss“, schreiben die Amerikaner.

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