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Warum Bad Schandau Dalle Malle ruft

Den Schlachtruf der Narren gibt es seit 60 Jahren. Die Vereinsmitglieder beweisen, dass Karneval modern sein kann.

Von Gunnar Klehm

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Deutschlands größtes Freilicht-Kino ist zurück! In der 29. Saison finden vor der schönen Kulisse Dresdens zahlreiche Veranstaltungen für Jung und Alt statt. 

Das Bühnenbild in der Kulturstätte Bad Schandau steht. Seit November wird daran gebaut. Noch riecht man die frische Farbe, Leiter und Werkzeug liegen griffbereit. An der Wand hängt eine Vorlage, nach der die „Bildenden Künstler“ des Karnevalsvereins die barocke Kulisse für die anstehenden Prunksitzungen gestaltet haben. Hinter der Bühne lagern schon Requisiten. Seit der ersten Durchlaufprobe am Dienstagabend ist auch die Garderobe in Beschlag genommen. Im Flur kann man fast nachzählen, wie viele Arbeitsstunden die selbst ernannten Narren in den vergangenen Wochen in ihr diesjähriges Projekt gesteckt haben müssen: Kästen mit leeren Getränkeflaschen stapeln sich fast bis zur Decke. Es war nicht nur Arbeit, die Karnevalisten sind eben gesellig. Ab 30. Januar wollen sich dann endlich alle für die Plackerei belohnen. Die erste Prunksitzung der Saison steht an.

Der Clown muss weg. Torsten Herrmann, der Präsident des Bad Schandauer Karnevalsvereins, macht Platz auf der Bühne in der Kulturstätte. Dort steigt am kommenden Freitag die erste Prunksitzung der Jubiläumssaison. Foto Steffen Unger

Die Bad Schandauer haben dieses Jahr Großes vor. Denn hier beginnen jetzt die Goldenen 60er-Jahre. Der Karnevalsverein feiert Jubiläum. Die zwei Ziffern sind auf einen riesigen Vorhang gepinselt. Das kündet vom Stolz des Vereins. Das können die Mitglieder auch sein, denn sie sorgen jedes Jahr dafür, dass die fünfte Jahreszeit ein echter Höhepunkt im kulturellen Leben der Kurstadt ist. Dass das nicht immer einfach war, davon kann Ehrenpräsident Jürgen Schmidt ein Lied singen. Weil das aber nicht seine Paradedisziplin ist, zeigt er Interessierten lieber seine Fotoalben. Zu fast jedem Bild kann er eine Geschichte erzählen. Dabei ist er „erst“ seit 55 Jahren dabei. Damals wurde erstmals in der Kulturstätte gefeiert. Zum ersten Karneval luden die Narren noch ins Forsthaus. Der Saal war in dem Gebäudekomplex, der jetzt das Hotel Elbresidenz ist.

Es wird zwar das 60-jährige Bestehen des Karnevals in Bad Schandau begangen, gefeiert wurde aber nur 58-mal. Zweimal mussten die Prunksitzungen abgesagt werden. Im Frühjahr 2013, weil das Dach der Kulturstätte einzustürzen drohte und so schnell keine Alternative zu finden war. Das andere Mal 1963. „Da gab es wohl ein großes Grubenunglück im Zwickauer Raum. Es herrschte Staatstrauer und alle Vergnügungsveranstaltungen wurden abgesagt“, erinnert sich Jürgen Schmidt.

Party in Weiß

Bis voriges Jahr konnten die Vereinsmitglieder für solche Erinnerungen noch Gottfried Kaiser befragen. Doch dann ist auch das letzte Gründungsmitglied des Karnevalsvereins verstorben. Kaiser war 96 Jahre alt geworden. Er hatte mit seinen Erzählungen auch dafür gesorgt, dass die Jugend von heute weiß, wie die Bad Schandauer zu ihrem Schlachtruf „Dalle Malle, ha, ha“ gekommen sind. Dalle Malle wurde vor 60 Jahren eine stadtbekannte Frau gerufen. Die hätte vermutlich mit „ha, ha“ geantwortet, wenn man ihr damals gesagt hätte, dass ihr Name noch Jahrzehnte durch den Ort schallen wird. Die Frau hat es tatsächlich gegeben. Wie sie zu ihrem Namen kam, ist allerdings nicht überliefert.

Nächste Woche Freitag ist es dann endlich so weit. Um 19.30 Uhr beginnt die erste Prunksitzung der Saison. Drei weitere werden folgen, dazu ein Umzug, Kinderfasching, Kostümfest und eine moderne Mottoparty. Die hat bereits im vergangenen Jahr alle begeistert. Da lud der Verein zur Oskar-Nacht. „Wirklich jeder kam in Gala-Garderobe. Und allen hatte es auf dem roten Teppich gefallen“, erzählt Karnevalspräsident Torsten Herrmann. Diesmal gibt es am 6. Februar die White-Sensation-Party. Dann soll die Farbe Weiß alles bestimmen. In früheren Veröffentlichungen war noch von einer 60er-Jahre-Rockabilly-Party die Rede. Die gibt es nun doch nicht.

Die Jugend von Bad Schandau hat nicht nur an dieser modernen Art des Karnevals ihren Spaß. Das gilt auch für die Traditionen. „Wir haben 50 bis 60 Prozent Jugend im Verein, und alle 60 Vereinsmitglieder sind bei den Prunksitzungen vor, auf und hinter der Bühne aktiv“, sagt Herrmann. Dem Publikum wird jedes Mal ein etwa 2,5-stündiges Programm geboten. Das läuft in einem Guss, ohne fallenden Vorhang oder Umbaupausen.

Geheimnis gelüftet

Für jeden der maximal 280 Gäste ist ein Platz an einem Tisch reserviert. Wegen der hohen Bühne dürfte niemandem etwas entgehen. Selbstverständlich werden auch dieses Jahr wieder die Funken, die Saalpolizei, der Elferrat und die Faschings-Crew auftreten. Nur was sie dieses Jahr abliefern, das wusste bis zur ersten Hauptprobe diese Woche nicht mal der Vereinsvorstand. Was sich aber nicht ändert, ist, dass sich die musikalisch Talentiertesten unter den Vereinsmitgliedern wieder als die Band Fire Fuckers zusammentun werden.

Am 30. Januar wird dann auch ein Geheimnis gelüftet. Dann steht die Krönung des diesjährigen Prinzenpaares an. Das bildet dann den aktuellen Abschluss der Ahnengalerie der 58 bisherigen Prinzenpaare, die im Treppenhaus der Kulturstätte in einer Fotogalerie zu bewundern sind. So bleibt die Tradition wunderschön modern.

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