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Warum dieser Jockey seit 30 Jahren Diät macht

Andrasch Starke ist Deutschlands bester Galopp-Profi und hat auch schon in Dresden abgeräumt. Wie macht er das nur?

Andrasch Starke hat vor gut zwei Jahren in Dresden das am höchsten dotierte Rennen der Saison gewonnen.
Andrasch Starke hat vor gut zwei Jahren in Dresden das am höchsten dotierte Rennen der Saison gewonnen. © Ronald Bonß

Er liegt in der Umkleidekabine auf der Bank, checkt am Handy seine Nachrichten und macht seine nächsten Einsätze klar. Andrasch Starke erlebt Mitte Juli auf der Dresdner Galopprennbahn einen dieser Tage, an denen er sich dann abends vor dem Fernseher fragt: „Was habe ich da für einen Mist zusammengeritten?“ Kein Erfolg bei vier Starts – miserable Tage wie dieser kommen bei ihm selten vor. Starke ist der beste deutsche Jockey und Fasten sein Erfolgsrezept.

Der 45-Jährige arbeitet seit drei Jahrzehnten mit Pferden und verzichtet dafür auf viel. Er bevorzugt beispielsweise Tee und Wasser anstatt Kaffee, an vielen Tagen bloß das, und zwar nicht zum Frühstück. Das lässt der mit 1,70 Metern recht große Berufsrennreiter häufig gleich ganz weg. Sein Wettkampfgewicht: 53 Kilo. „Ich muss hungern“, sagt Starke, neunmal deutscher Champion. Er vergleicht es mit einer ganzjährigen Diät. Auf dem Speiseplan stehen besonders oft Gemüse und Suppen, doch Starke gesteht: „Das geht an die Substanz. Da fühle ich mich ab und zu unleidlich.“

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Der Mann aus Stade in der Nähe von Hamburg hat die 53 Kilo ständig im Kopf. „Ich muss hin und wieder auch kurz vor Rennen mein Gewicht in der Sauna reduzieren. Da kann ich es flott um gut zwei Kilo senken und in erster Linie Flüssigkeit verlieren.“ Je mehr Renntage er in der Woche bestreitet, desto leichter fällt es ihm, sein Gewicht zu halten. Außerdem nutzt Starke bis zu 41 Grad Celsius heiße Wannenbäder, um Kilos abzubauen.

Er büßt für seinen Kokainkonsum

Wer wie er in seinem Berufsleben hungert, entwickelt sich zum Ernährungsberater. Starke weiß inzwischen genauso viel über Ballaststoffe, Kohlenhydrate, Nährwerte und Vitamine wie ein Koch. Er nennt ein Beispiel: „Jockeys essen keine Matjesheringe, da wir durch den häufigen Wasserentzug viel zu salzempfindlich sind.“

Doch lediglich mit Fasten kann der erste Stalljockey bei Erfolgstrainer Peter Schiergen in Köln sein Wettkampfgewicht nicht halten. Daher betreibt er am Tag zwei Stunden Ausdauersport – am liebsten auf dem Rennrad, weniger gern auf dem Hometrainer. Dazu kommen Zehn-Kilometer-Läufe, aber auch Kraftsport, um die 600-Kilo-Pferde bei 70 km/h beherrschen zu können. Starke vergleicht sich mit anderen Sportlern: „Motorradpiloten sehen genauso aus wie ich, und Skispringer wiegen auch nicht mehr als 60 Kilo. Wir haben alle sehr sehnige Muskeln.“

Wie lange er noch so asketisch leben kann? Der verheiratete zweifache Familienvater weicht der schon so häufig gestellten Frage nach dem Karriereende aus. Nicht, dass er sie unangemessen findet: Starke weiß keine konkrete Antwort. „Mit 35 Jahren habe ich gesagt, dass ich noch bis 40 reite. Dann habe ich gesagt, dass ich mich korrigieren muss und noch bis 45 reite. Jetzt sage ich nicht mehr, wann ich aufhöre.“ Nur so viel: „Bis an die 50 ran möchte ich diesen Job nicht mehr betreiben.“

Fest steht, was er nach der aktiven Karriere machen will: seiner Branche in einer anderen Funktion erhalten bleiben. „Irgendwas mit Pferden“, sagt Starke. Er kann sich auch ein Gestüt vorstellen und „auf alle Fälle nicht Trainer“. Starke merkt jetzt, dass ihm alles nicht mehr so leicht fällt wie früher, und er möchte sich auch nicht mehr so sehr quälen oder noch mal verletzen. Starke hat bereits ausreichend Blessuren hinter sich, Kiefer-, Rippen- und Schlüsselbeinbrüche.

Alles andere als zeitgemäßer Sport

Nur einmal ist er in seiner Karriere nicht diszipliniert gewesen und 2002 wegen Kokainkonsums für ein halbes Jahr gesperrt worden. Die Droge dient als Appetitzügler. Darüber reden will Starke nicht mehr. Er hat danach nahtlos seine erfolgreiche Laufbahn fortgesetzt. Die Szene freut sich über jede Saison, die Starke dranhängt und für positive Schlagzeilen sorgt – mehr als Aushängeschild denn als Vorbild, denn um das zu sein, benötigt seine Zunft Nachwuchs. Bundesweit fehlen Talente. „Wir leben im 21. Jahrhundert. Wer sucht sich einen Job aus, bei dem er täglich auf sein Gewicht achten muss? Es ist in den vergangenen beiden Jahrzehnten dann auch niemand zu mir gekommen, um Jockey werden zu wollen.“

Für Galopprennen interessiert sich doch kein 15-Jähriger mehr – anders als er damals. „Gehen Sie mal auf einen Schulhof und finden einen Teenager, der klein genug ist, 53 Kilo wiegt und auch mit der Zeit weder wächst noch zunimmt. Wir betreiben keinen zeitgemäßen Sport. Ein 13-Jähriger wiegt doch bereits 55 Kilo. Man muss total verrückt sein, um diesen Beruf auszuüben.“ Starke weiß, was er sagt, und zwar seit 30 Jahren.

1989 ist er mit 15 Jahren verrückt genug gewesen, um Jockey zu werden – so wie sein Vater. „Ich bin dankbar dafür und glücklich darüber, in andere Länder reisen und große Rennen reiten zu können“, sagt Starke. „Ich habe dadurch viel sehen dürfen von der weiten Welt.“ Er hat zweimal bei der inoffiziellen WM in Hongkong vor 80 000 Besuchern gewonnen und 2011 auf Danedream in Paris seinen größten Erfolg gefeiert. „Ohne diese Stute wäre ich nicht der Andrasch Starke von heute. Sie hat mir schon viel ermöglicht.“ Er hat 2012 mit ihr auch in Ascot beim bekanntesten Rennen der Welt gesiegt. In drei Jahrzehnten ist einiges zusammengekommen bei mehreren Ritten an einem Tag. Starke hat inzwischen 30 000 Pferde geritten und 2 500 Rennen gewonnen – mehr als jeder andere deutsche Jockey.

„Bedeutende Rennen zu reiten, macht einen reifer. In ihnen zu siegen, macht einen groß – im Kopf und Wesen.“ Da kann Starke einen miesen Tag wie vor mehr als einem Monat in Dresden verschmerzen, zumal er auch hier schon das am höchsten dotierte Rennen gewonnen hat. Starke steht auf, verabschiedet sich und geht: hungern, reiten und telefonieren, um weitere Engagements klarzumachen. Ab Sonnabend startet er in Iffezheim nahe Baden-Baden bei der Großen Woche – und also nicht am Sonntag ab zehn Uhr in Dresden.

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