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Warum Dresdner Turmfalken lieben

Die Greifvögel sind sehr nützlich. Und deshalb überlässt so mancher Tierfreund ihnen gern den eigenen Balkon. 

Mit beherztem Griff nimmt Dirk Hanke Turmfalkenjungen aus ihrem Nistkasten. Jedes Jahr beringt er ehrenamtlich die Jungvögel. Doch die Population in Dresden geht zurück.
Mit beherztem Griff nimmt Dirk Hanke Turmfalkenjungen aus ihrem Nistkasten. Jedes Jahr beringt er ehrenamtlich die Jungvögel. Doch die Population in Dresden geht zurück. © René Meinig

Die frisch geschlüpften Turmfalken sind erst zwischen sieben und 14 Tage alt, als sie aus ihrem warmen Nest gezogen werden. Mit ihrem spärlichen Gefieder und klappernden Schnäbeln machen sie einen bedauernswerten Eindruck. 

Doch ein beherzter Griff des ehrenamtlichen Vogelberingers Dirk Hanke genügt, und schon ist an ihren kleinen, aber scharfen Krallen ein Aluminiumring angebracht, und sie können zurück in ihren Nistkasten, der an den Mauern eines hohen Bürogebäudes am Pirnaischen Platz befestigt ist.

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© René Meinig

„Über die Nummer auf dem Ring kann genau nachvollzogen werden, wo der Falke herkommt und wie alt er geworden ist“, erklärt Hanke, als er beim letzten Falken den Ring festdrückt. Es wird eine Weile dauern, bis das nächste Mal jemand einen Blick auf den silbernen Ring werfen wird – normalerweise erst, wenn der Vogel tot aufgefunden wird. Da Turmfalken normalerweise ihr Brutgebiet nicht verlassen, werden sie zumeist irgendwo im Stadtgebiet gefunden. Gibt es aber einen kalten Winter, in dem sich vor lauter Schnee keine Maus mehr erkennen lässt, ziehen die Falken weiter in Richtung Süden. „Anhand der Ringe können wir dann ihren Weg nachvollziehen. Vor sieben Jahren wurde zum Beispiel einer unserer Falken vor der Allianz Arena in München aufgefunden.“ Der Vogel war gegen eine Glasscheibe geknallt.

Da sich die natürlichen Feinde auf den Wanderfalken beschränken, seien es meistens solche menschengemachten Todesursachen. Oft werden sie überfahren oder am Dresdner Flughafen „verwirbelt“. Nur über die Nummer an der Kralle kann die Population vor Ort im Blick behalten werden. Deshalb müssen die Jungvögel beringt werden, solange sie erst wenige Tage alt sind. „Ansonsten kann es sein, dass wir die Falken gar nicht mehr antreffen“, macht Harald Wolf vom Umweltamt Dresden deutlich. Denn schon drei bis vier Wochen nach dem Schlüpfen bringen ihnen die Eltern das Fliegen und Jagen bei – danach kommen sie nicht mehr in ihren Nistkästen zurück. In der Natur brüten die Turmfalken auf Felsvorsprüngen. Allerdings haben sie sich schon lange auch die Stadt als neuen Lebensraum erschlossen. Mit seinen vielen historischen Gebäuden sei Dresden da genau das richtige Pflaster und bei Falken besonders beliebt. „Städte sind da wie riesige Kunstfelsen. Aber trotzdem müssen wir mit unseren Nistkästen nachhelfen, um die Population zu stärken“, erklärt Wolf. Im letzten Jahr gab es nur 110 Turmfalken im Stadtgebiet, so wenige wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Das soll sich ändern: Mehr als 330 Nistkästen gibt es momentan in Dresden, von denen die meisten von der Stadt selbst angebracht wurden. Denn ein Turmfalke baut sich kein eigenes Nest. Nein, der elegante Jagdvogel bedient sich an Nestern von Amseln oder Schwalben. Meistens seien es leere Nester, zur Not plündere der Turmfalke aber auch. Ansonsten brüten die Raubvögel in Blumenkästen oder Regenrinnen. „Da muss aber nur ein starkes Gewitter kommen, und alles wird weggespült“, unterstreicht Wolf die Bedeutung seiner Arbeit. Deshalb gehe das Umweltamt dazu über, nach und nach alle Nester der Turmfalken durch eigene Nistkästen zu ersetzen. Von den Vögeln werde das sehr gut angenommen.

Die Dresdner sind so stolz auf ihre vielen Turmfalken, dass sie ihnen sogar während der heißen Sommermonate ihren ganzen Balkon überlassen. „Wenn sich ein Turmfalke in einem Blumenkasten einnistet, gehen die meisten Dresdner unserer Bitte nach und betreten dem Falken zuliebe den Balkon während dieser Zeit gar nicht“, erzählt Wolf. Die Falken seien es wert: „Sie sind die beste Möglichkeit, ein Stück Natur in der Stadt zu erleben.“ Doch der wahrscheinlich viel wichtigere Punkt für ihre Popularität: „Turmfalken vertreiben Tauben, und das sehr effektiv“, erklärt Wolf.

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Das kann auch die ehrenamtliche Naturschützerin Petra Zimmermann bestätigen. Bei ihrer Suche nach neuen Plätzen für Nistkästen renne sie offene Türen ein. „Erst kürzlich hat mir ein Hausverwalter aus der Gorbitzer Straße zurückgemeldet, wie schön es sei, dass die Falken wieder auf seinem Dach nisten.“ Seitdem müsse er sich nicht mehr mit Tauben herumärgern. Normalerweise vertreiben die Falken die Tauben nur. Aber Wolf hat auch schon eine andere Erfahrung gemacht. „Ich habe mal gesehen, wie ein Turmfalke eine Taube von einem Supermarktdach gestürzt hat, um sie auf dem Boden totzupicken.“

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